Erweiterungsbau des Städel
Blick in die neue Ausstellungshalle Bild © picture-alliance/dpa

Spätestens seit Aschermittwoch 2012 zählt das Städel zu den Top-Museen weltweit, denn eine neue Ära hat begonnen: Die spektakulären Gartenhallen mit der Sammlung "Kunst der Gegenwart" sind eröffnet.

Mit der in den neuen "Gartenhallen" Kunst zeitgenössischer Künstler sei das Städel in der Lage - "wie nur ganz wenige Museen weltweit" - die Entwicklung der Kunst vom frühen Mittelalter bis ins Jahr 2012 auf "konstant hohem Niveau" zu präsentieren, sagte Städel-Direktor Max Hollein bei der Eröffnung. Die 34 Millionen Euro teure Halle der Frankfurter Architekten schneider+schumacher liegt unter der Erde - von oben beleuchtet durch runde Bullaugen, die Decke wie eine Welle geschwungen.

Ein leerer Stuhl

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Zum Festakt war eigentlich Christian Wulff (CDU) in seiner Funktion als Bundespräsident eingeladen. Nach seinem Rücktritt blieb sein Stuhl jedoch leer. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der als Bundesratspräsident den Bundespräsidenten vertrat, war am Aschermittwoch 2012 in Bayern unabkömmlich.

Sichtlich erfreut zeigte sich Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) über die Eröffnung des Städel-Neubaus. Das Städel sei ein Musterbeispiel für das Zusammenspiel von öffentlicher Hand, Unternehmen und Privatleuten, "ein Haus von Bürgern für Bürger" und damit die Verwirklichung der Idee "Kunst für alle".

"Es gibt viele verschiedene Gegenwarten"

Schon bei der Pressekonferenz waren die Erleichterung, die Freude und der Stolz allen Teilnehmern auf dem Podium bei der Pressekonferenz anzusehen: Fünf Jahre waren von der Idee zu einem Neubau über die Planung, die Finanzierung und die Umsetzung zu Ende gegangen. Mit großem Erfolg, denn das, was nun unter dem früheren Städel-Garten zu sehen ist, fasziniert. Da vermischt sich die Strahlkraft, die der von dem Frankfurter Architektenbüro schneider+schumacher entworfene Neubau hat, mit der Strahlkraft der Kunst. Der Gang durch die neuen Gartenhallen mit den flexibel angelegten Wänden folgt einem neuen Prinzip der Hängung: Auf die Zuordnung nach Schulen oder Ismen - wie Kurator Martin Engler sagte - wurde verzichtet; mit dem neuen Konzept sollen Bögen geschlagen werden, Zusammenhänge verdeutlicht werden. 

"Es gibt nicht nur eine Gegenwart", so Engler. "Es gibt viele verschiedene Gegenwarten". Diese Erkenntnis ist in der neuen Ausstellungshalle umgesetzt. Da hängen zum Beispiel Werke des Informel, die über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten entstanden sind, erstmals beieinander - und bilden einen der Parcours durch den Neubau. 

New York-Reise mit Folgen 

Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) war begeistert und sprach zum ersten Mal von einer "Frankfurter Hängung". Die Kunst habe dadurch eine ganz andere Wirkung. "Es ist einfach schön," sagte sie. Roth erinnerte an ihre Reise 1998 nach New York, die sie unternahm, um den damals noch nicht mal 30-jährigen Max Hollein kennen zu erlernen und nach Frankfurt zu holen. Das sei der Anfang einer Erfolgsgeschichte gewesen, nicht nur für Hollein, der 2012 bereits Chef von Städel, Schirn und Liebieghaus war, sondern auch für Frankfurt. 

Drei Männer und eine Frau

Drei Männer hätten, so Roth schmunzelnd, die Gartenhallen auf den Weg gebracht (Städel-Direktor Max Hollein, Nikolaus Schweickart, Vorsitzender der Administration des Städel Museums, und Michael Endres von der Hertie-Stiftung), aber auch eine Frau: die Stadt Frankfurt, die das Projekt mitgetragen und finanziert und den Bürgern vermittelt habe. Sie habe sich damals, 2007, von den drei Herren überzeugen lassen und - als "Animateurin" - deren Ideen in die Körperschaften der Stadt "weitergespielt". Für sie stehe das Städel für den Kerngedanken einer Bürgerstiftung. Denn eines habe man sehen können: Es spendeten nicht nur Schüler bis hin zu wohlhabenden Kreisen für das neue Städel, sondern auch erstmals kunstferne Vereine wie die Frankfurter Eintracht und andere Sportvereine, die sich für die Sammelaktion engagierten. 

Eine Hochkultureinrichtung wie das Städel treffe nicht bei allen Gremien auf eine einhellige Meinung, ergänzte Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU), "aber bei der Bürgerschaft" - und das seit Gründung des Museums im Jahre 1815. Das habe dazu geführt, dass im Städel Schätze hingen, die mittlerweile unbezahlbar seien. "Das ist 'unser' Städel", sagte Semmelroth und meinte es nicht "possessiv, sondern affektiv".

Großzügige Leihgaben

Nun sind in "unserem" Städel 330 der insgesamt 1.200 Werke - als Dauerausstellung - zu sehen, die das Museum in den letzten fünf Jahren entweder angekauft hat, die ihm geschenkt wurden oder die die beiden "Hauptausstatter" des Neubaus, die Deutsche Bank und die DZ Bank, als Dauerleihgabe überlassen haben. 

Die Deutsche Bank hat 600 Gemälde und Skulpturen von 46 Künstlern aus der hauseigenen Sammlung ins Städel bringen lassen. "Dauerhafte Leihgabe", sagte Vorstandschef Josef Ackermann, "bedeutet, dass diese erneuerbar und erweiterbar ist." Er freue sich, dass die Kunst seiner Bank einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sei. 

"Museum von Weltrang"

Für Wolfgang Kirsch, dem Vorstandsvorsitzenden der DZ Bank, repräsentiert die Dauerleihgabe aus seinem Haus den genossenschaftlichen Gedanken seiner Bank. Auch sei das Bürgerengagement die Schnittstelle zur Überzeugung seiner Bankengruppe, dass das Kulturgut den Menschen gehöre. Die DZ Bank, die in den letzten Jahren eine bedeutende Fotografie aufgebaut hat, stellte dem Städel rund 220 Fotografien oder Werkkomplexe von 76 Künstlern zur Verfügung. Max Hollein habe die Arbeiten ausgesucht, die nun in einem "Museum von Weltrang" hingen, so Kirsch. 

"Museum von Bürgern für Bürger"

"Wir haben gemeinsam viel erreicht", sagte Hollein, Direktor des Städel Museums. "Mit dem Neubau und der maßgeblichen Erweiterung der Sammlung der Gegenwartskunst hat das Städel dank des beispiellosen Engagements vieler einen weiteren Quantensprung in seiner knapp zwei Jahrhunderte währenden Geschichte vollziehen können. Diese großartige Unterstützung verstehen wir als Auftrag für die Zukunft der Institution." 

Sammeln sei die zentrale Aufgabe für Museen, so Hollein. Die Eröffnung des Neubaus mit seiner Sammlung sei die fünfte und größte Erweiterung des Städels, das nun über "wesentliche Werke der 60er und 70er Jahre" sowie die neue Sammlung der Fotografie verfüge und über eine Ausstellungsfläche, die sich fast verdoppelt habe. "Die Gartenhallen bedeuten nicht das Ende der Sammlertätigkeit, sondern einen ersten Schritt." Für Hollein ist das Städel ein "Museum von Bürgern für Bürger". 

Finanzierung aus öffentlicher und privater Hand

52 Millionen Euro kosteten der Neubau und die Sanierung und Umgestaltung des Altbaus. Die Hälfte der Finanzierung hatte die öffentliche Hand übernommen: 16 Millionen trug die Stadt Frankfurt vor allem für die Sanierung des Altbaus bei, das Land gab sechs Millionen und die Stadt Eschborn - "zu unserer Freude und Überraschung", wie Hollein sagte - spendete vier Millionen aus ihrem Haushalt. Die anderen 26 Millionen Euro waren Spendengelder, die das Städel und sein reger Direktor zusammentragen konnten. Die Aktion der gelben Stiefel wurde erfunden, um fünf Millionen Euro zu sammeln - mit Bürgerfesten, Veranstaltungen mit prominenten Künstlern oder auch mit Schulaktionen, bei denen Schüler ihre eigenen (Städel-)Kunstwerke verkauften und den Erlös spendeten. 

"Wir sind der Anstifter"

Als die Idee zum Neubau Gestalt annahm, habe es mitnichten einen Finanzierungsplan gegeben, gestand Hollein. Aber er habe Gehör bei der Hertie-Stiftung gefunden, die sonst keine Baumaßnahmen finanziert, sondern Bildungsprojekte oder wissenschaftliche Forschungsvorhaben. "Wie haben nichts falsch gemacht", erklärte der Vorstandsvorsitzende Michael Endres schmunzelnd. Seine Stiftung reihe sich ein in die Tradition der großen Stifter, deren Aktivitäten die Stadt geprägt hätten. "Wir waren nicht nur der größte Stifter, sondern der Anstifter", sagte er. Als Hollein sich an ihn gewandt habe, habe er geantwortet: "Ich nicke erst dann, wenn die Oberbürgermeisterin zuerst nickt. Und die hat nicht gezögert." Das finanzielle Risiko, so Endres, sei immer beherrschbar gewesen, auch wenn zum Schluss alles teurer, größer und schöner geworden sei. 

Architektonische Meisterleistung

Architekt Michael Schumacher beschrieb die technischen Herausforderungen, die der Neubau mit sich gebracht hat. Das alte Städel musste aufwendig abgestützt werden, weil die Bauarbeiten nicht nur unter die Grundmauern gingen, sondern weil ein Teil des Neubaus auch unter dem Altbau liege. "Wir haben Erfahrungen mit unter die Grundwassergrenze gehenden Bauten. Aber da steht sonst ein Hochhaus drauf und drückt sich selbst herunter." Der Städel-Neubau aber musste mit einen großen Anzahl von hundert Meter langen Pfählen im Boden verankert werden, weil "da ja kein Gewicht drauf ist."

"Fährten durch die Halle"

Für den Ausstellungsarchitekten Michael Kühn wiederum bietet die Kuppel eine Orientierung für die Besucher, die dadurch immer wissen, wo die Mitte des Raumes ist. Man habe Blickachsen, symmetrische, aber auch asymmetrische Parcours geschaffen. "Die Ausstellung repräsentiert ein System der flexiblen Ordnung, und das ist es, wie die heutige Zeit denkt und fühlt", sagte er. 

"Wir wollen den Besuchern einen Weg durch die Kunst der Gegenwart anbieten, nicht vorschreiben", so Kurator Martin Engler. "Und wer weiß, vielleicht finden sie Fährten durch die Halle, die wir noch gar nicht gesehen haben."