Auf der Online-Seite von "Medici Living" können Studenten WG-Zimmer buchen.
Auf der Online-Seite von "Medici Living" können Studenten WG-Zimmer buchen. Bild © hr

Beim Start-Up-Unternehmen Medici Living können Studenten WG-Zimmer in Frankfurt online wie ein Hotelzimmer buchen. Doch das Angebot hat offenbar seine Fallstricke, wie eine Studentin jetzt erleben musste.

Monatelang hatte Julia Z. ein WG-Zimmer gesucht. Auf 50 Anfragen bekam die 19-Jährige aus dem Saarland gerade zwei Antworten. Als die Not immer größer wurde und der Studienbeginn im Oktober an der Frankfurter Goethe-Universität immer näher rückte, stieß die Studentin auf die Online-Plattform Medici Living - nach eigenen Angaben Deutschlands größter und professionellster WG-Anbieter.

Das Berliner Start-Up Unternehmen bietet Zimmer in Wohngemeinschaften in deutschen Großstädten an. Gebucht wird online; ähnlich wie bei einem Hotelzimmer. Und so buchte Julia Z. Anfang September ein 13 Quadratmeter großes möbliertes Zimmer in einer WG im Stadtteil Riedberg inklusive Gemeinschaftsküche und Bad.

Studentin: "Es hat gestunken"

Laut Online-Angebot lebten noch zwei Frauen und zwei Männer in der Wohnung. Doch als die 19-Jährige die Wohngemeinschaft bei der Schlüsselübergabe zum ersten Mal besucht, war ihr sofort klar, dass sie dort nicht wohnen möchte. "Da hausten nur Männer. Die Wohnung war wirklich in einem katastrophalen Zustand. Alles war dreckig. Es hat gestunken", erinnert sich die Studentin.

Als die 19-Jährige die Buchung stornieren wollte, stieß sie bei Medici Living auf Granit. Der Mitarbeiter der Hotline habe ihr unhöflich erklärt, dass dies nicht möglich sei und nicht zum Konzept von Medici Living gehöre. Die Widerrufsfrist von zwei Wochen sei auch bereits abgelaufen - eine Kündigung erst nach drei Monaten möglich.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Julia Z. bereits eine Anmeldegebühr von 149 Euro, eine Reservierungspauschale (die später in eine Kaution umgewandelt wird) in Höhe von 750 Euro und eine Monatsmiete in Höhe von 499 Euro überwiesen. Knapp 1.400 Euro, viel Geld für eine Studentin.

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Viele Studenten noch immer auf Wohnungssuche

Zwei Monate nach Semesterstart sind Tausende Studenten in Hessen noch immer ohne Bleibe. "Es fehlt an finanzierbarem Wohnraum in gesamten Rhein-Main-Gebiet", sagt Sylvia Kobus vom Studentenwerk Frankfurt. Gründe hierfür sieht Kobus in fehlenden Wohnheimplätzen sowie zunehmender Konkurrenz auf dem freien Wohnungsmarkt. Allein in Frankfurt und Darmstadt warten noch 3.500 Studenten auf einen Wohnheimplatz.

Auch in Gießen, Fulda und Friedberg benötigten insgesamt noch über 740 Studenten einen Platz im Wohnheim, teilte das Studentenwerk Gießen mit. Um die Lage zu verbessern, fordern die Studenten- und Studierendenwerke in Hessen mehr Fördermittel.

Ende der weiteren Informationen

Wer online ein Zimmer bei Medici Living bucht, hat automatisch einen Mietvertrag abgeschlossen. Innerhalb von 14 Tagen nach Buchung kann vom Vertrag zurückgetreten werden, dann erst wieder nach drei Monaten (mit einmonatiger Frist).

"Besichtigungen sind im Konzept nicht vorgesehen. Jeder hat die Möglichkeit, bereits einen Tag nach Buchung einzuziehen", erklärt Medici-Living-Sprecherin Anne Weimann. Studenten von außerhalb Frankfurts würden sich so Anreisekosten sparen. Außerdem müssten sie sich nicht persönlich in der WG vorstellen.

Julia Z. hatte erst vier Wochen nach Buchung die Schlüsselübergabe vereinbart - die Rücktrittsfrist war damit abgelaufen. Auch die Beschreibungen der WG-Bewohner würden im Internet regelmäßig aktualisiert, erklärt Unternehmenssprecherin Weimann.

Diese seien mit den Facebook-Profilen der Bewohner verknüpft. "Wir geben aber keine Garantie, dass die angezeigten Bewohner bei Einzug dort wohnen", ergänzt Weimann.

Mieterschutzverein spricht von Mietwucher

Da sie sich mit Medici Living nicht einigen konnte, schaltete die Studentin den Mieterschutzverein Frankfurt ein. Dessen Geschäftsführer Rolf Janßen spricht von Abzocke. "Das sind natürlich Auswirkungen des angespannten Wohnungsmarkts. 38 Euro pro Quadratmeter - das ist reiner Mietwucher", erklärt er. Unternehmenssprecherin Weimann hält dagegen: "Im Mietpreis sind auch Gemeinschaftsflächen, WLAN und  Nebenkosten inkludiert."

Doch auch andere Mieterschutzvereine haben nach Angaben von Janßen inzwischen mit Medici Living schlechte Erfahrungen gemacht. So prangert beispielweise der Berliner Mietverein auf seiner Homepage die hohen Preise bei Medici Living für sehr einfach möblierte Zimmer an. Da das Unternehmen auf seiner Plattform nicht die Angebote von Privatpersonen einstelle, sondern selber als Vermieter auftrete, erziele es den Gewinn über die Mieteinnahmen.

Fündig geworden in Offenbach

Für Julia Z. hat sich jedenfalls der Gang zum Mieterschutzverein gelohnt. Medici Living trat vom Vertrag mit Julia inzwischen zurück . "Aus Kulanz", wie Sprecherin Weimann betont.

Und ein Happy End gibt es für die Studentin auch: Die 19-Jährige hat ein 23 Quadratmeter großen Apartment mit Bad und Kochnische in einer privaten Studentenunterkunft in Offenbach gefunden - ganz für sich alleine. Haus und Zimmer sind neu, gepflegt, sauber und liegen direkt am Main. Mietpreis: 599 Euro pro Monat. Das sind 26 Euro pro Quadratmeter. Normale Härte im Leben einer Frankfurter Studentin.

Sendung: hr4, 7.12.2017, 8.30 Uhr