Mandy Eisemann aus den USA, Verwandte der jüdischen Familie Cohn, bei der Stolpersteinverlegung
Mandy Eisemann aus den USA, Verwandte der jüdischen Familie Cohn, bei der Stolpersteinverlegung Bild © picture-alliance/dpa

Ein Vernichtungslager und ein Happy End - das passt kaum zusammen. Der Fund des Amuletts eines ermordeten jüdischen Mädchens aus Frankfurt führte nun aber zu einem ganz besonderen Familientreffen zurück nach Frankfurt.

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Als sie die rosa Rose neben den noch frisch glänzenden Stolpersteinen ablegt, hält Mandy Eisemann ihren vierjährigen Sohn Levi noch ein bisschen fester im Arm. Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten, als sie vorsichtig über den Stein mit der Aufschrift "Karolina Cohn" streicht. Karolina, ein Frankfurter Mädchen, geboren im gleichen Jahr wie Anne Frank, könnte heute 88 Jahre alt sein - wenn sie den Holocaust überlebt hätte.

Bis zu diesem Frühjahr hatte Mandy Eisemann aus dem US-Bundesstaat Maryland nie diesen Namen gehört. Damals erhielt sie einen Anruf von dem israelischen Ahnenforscher Chaim Motzen - einen Anruf, der sie nun nach Frankfurt zum ehemaligen Wohnhaus der Familie Cohn führte.

Das Original ist in Sobibor: Die Nachbildung des Anhängers von Karolina Cohn
Das Original ist in Sobibor: Die Nachbildung des Anhängers von Karolina Cohn Bild © picture-alliance/dpa

"Er erzählte von dem Amulett, von Sobibor. Der Name sagte mir damals gar nichts", erinnert sie sich. Erst im Laufe des langen Gesprächs verstand sie: Ihr Großvater war ein Bruder von Karolinas Mutter, der einzige der Geschwister, der den Holocaust überlebt hatte. Ihre Großtante Else hingegen war zusammen mit ihrem Mann Richard und den Töchtern Karolina und Gitta am 11. November 1941 von Frankfurt ins Ghetto von Minsk deportiert worden.

Hier hätte sich ihre Spur für immer verloren, hätte nicht der israelische Archäologe Yoram Haimi im vergangenen Jahr ein Amulett mit Karolinas Geburtsdatum und dem Ortsnamen Frankfurt am Main gefunden. Nachforschungen ergaben: Am 3. Juli 1929 wurde in Frankfurt nur ein jüdisches Mädchen geboren - Karolina Cohn.

Fand das Amulett von Karolina: der Archäologe Yoram Haimi
Fand das Amulett von Karolina: der Archäologe Yoram Haimi Bild © picture-alliance/dpa

Der Fund - und die namentliche Identifizierung des Mädchens - war eine kleine Sensation. Sobibor im südöstlichen Polen war ein Vernichtungslager, die Opfer wurden nicht namentlich erfasst. Mit dem Namen "Karolina Cohn" konnte eines der 1,5 Millionen im Holocaust ermordeten jüdischen Kinder der Anonymität entrissen werden.

"Wir hoffen immer, dass wir den Opfern die Namen zurückgeben können", sagt Mazurek. "Aber bis jetzt konnten wir nur fünf Namen identifizieren." Das sind fünf der bis zu 250.000 in Sobibor ermordeten Menschen - wobei nicht klar ist, ob Karolina in Sobibor ermordet wurde oder im Ghetto ums Leben kam.

"Plötzlich sind wir so eine große Familie"

Barry Eisemann aus Arlington im US-Bundesstaat Virginia ist als direkter Neffe von Else Cohn einer der nächsten noch lebenden Verwandten von Karolina. "Mein Vater hat nie von seiner Familie erzählt - und ich habe mich nicht getraut, ihn zu fragen", gibt der 72-Jährige zu.

Der Anruf von Chaim Motzen bot die Chance, die verschüttet geglaubte Familiengeschichte doch noch zu entdecken. "Ich habe zu Mandy gesagt: Pack' Deine Sachen, wir fahren da hin", lächelt der rüstige, hagere Mann mit den schütteren grauen Haaren und nimmt seine Tochter liebevoll in den Arm. "Das ist alles schon sehr aufwühlend und emotional."

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte in Frankfurt die Stolpersteine für die jüdische Familie Cohn.
Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte in Frankfurt die Stolpersteine für die jüdische Familie Cohn. Bild © picture-alliance/dpa

"Plötzlich sind wir so eine große Familie", sagt Mandy Eisemann. Die losen Fäden, die sie bisher kannten, wurden plötzlich zu einem großen Netzwerk. Sie hat ihre drei Kinder mitgenommen nach Frankfurt. "Vielleicht verstehen sie all das heute noch nicht so richtig", sagt sie. "Aber es ist Teil ihrer Identität, und eines Tages werden sie erkennen, wie wichtig dieser Tag war."

"Wir kannten einige der Eisemann-Cousins, aber zu der Cohn-Seite der Familie hatten wir keine Verbindung", erzählt ihr Vater. "Nun kommen wir hier als Familie zusammen. Das ist etwas ganz Besonderes."

Und Karolinas Amulett? "Das Original ist in Sobibor, es wird in der Gedenkstätte dort zu sehen sein", sagt der Archäologe Haimi. Eine Kopie hielt Greg Schneider, Vice Executive President der Claims Conference, am Montag in der Handfläche. "Das Amulett ist wichtig", sagt er. "Aber noch wichtiger ist, dass Karolina und ihre Familie nicht einfach Geschichte sind. Nun sind sie dem Vergessen entrissen."