Symbolbild: Mann wirft Kirchensymbole in einen Mülleimer
Nicht jeder hält Religion für eine positive Errungenschaft der Menschheitsgeschichte. Bild © Colourbox.de, Pexels, Logo: ARD, Collage: hr

Als Kind wollte Martin Wagner Bischof werden. Jetzt ist er hessischer Landessprecher eines Konfessionslosenverbundes. Warum er Religionen für gefährlich hält und gut mit der Erkenntnis leben kann, "ein unbedeutendes Sandkörnchen in der Weltgeschichte" zu sein, erzählt er im Interview.

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Über ein Drittel der deutschen Bevölkerung gilt als konfessionslos. Einer von ihnen ist der Frankfurter Martin Wagner. Der 64-Jährige ist Landessprecher des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) Hessen. Für ihn ist die organisierte Religion mitverantwortlich für religiöse Gewalt und Intoleranz. Wagner arbeitet als Berater und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe.

hessenschau.de: Herr Wagner, Sie waren früher Mitglied in der katholischen Kirche. Warum lehnen Sie Religion inzwischen ab?

Martin Wagner, Landessprecher des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten
Martin Wagner. Bild © Carolina Ramirez

Martin Wagner: Als Kind habe ich immer als Berufswunsch Bischof angegeben und bin auch bis zum Einschreiben in das Theologie-Studium gekommen. Dann habe ich mich in verschiedenen Etappen wegbewegt. Das begann mit politischen Gründen wie dem Aufstand der Jugend in den 68er-Jahren und ging bis hin zur Philosophie. Ich bin dann zum Marxisten geworden und zu einem ziemlich engagierten Atheisten.

hessenschau.de: Was genau lässt Sie an Religion zweifeln?

Wagner: Ich bin sehr überzeugt von Marx‘ Satz "Die Religion ist das Opium des Volkes". Religion wird in schlechten Zeiten groß, sie ist ein vermeintliches Heilmittel.

hessenschau.de: Ein Heilmittel wofür?

Wagner: Menschen brauchen Religion, wenn es ihnen nicht gut geht oder sie sich Dinge nicht erklären können. Religion hat etwas Haltsames in geringen Dosen. Menschen brauchen zum Beispiel Rituale und Geschichten. Das bietet ihnen die Religion. Religion ist aber auch wie eine Droge, eine Gefahr.

hessenschau.de: Und welche Gefahr sehen Sie in der Religion?

Wagner: Sie hat die Funktion, Herrschaftssysteme aufzubauen und zu legitimieren. Schauen Sie mal genau hin: Alle Religionen sind Gebilde alter Männer. Religion lenkt davon ab, die richtigen Dinge zu tun.

hessenschau.de: Welche wären das?

Wagner: Zum Beispiel, die Gesellschaft zu verändern. Eigentlich bräuchte niemand zu hungern auf dieser Welt. Es ist genug für alle da – aber es passiert nichts. Wir müssten gegen die jetzigen Machtverhältnisse kämpfen und für eine gute Gesellschaft und Gerechtigkeit. Das passiert woanders als beim Gebet.

hessenschau.de: Aber es gibt auch viele kirchliche Einrichtungen, die sich sozial engagieren.

Wagner: Es gibt viele gute Menschen, die religiös sind, das will ich gar nicht absprechen. Und ich bekämpfe auch nicht den Menschen, der Religion braucht, sondern die Institution Religion.

hessenschau.de: Sie halten Religion für eine Rechtfertigungsideologie.

Wagner: Letztlich ist Religion Bestandteil eines Systems, mit dem andere Interessen gerechtfertigt werden. Das spannt sich von den Kreuzzügen über Hexenverbrennungen bis hin zum Irak-Krieg und den Islamismus, um nur einige Beispiele zu nennen.

hessenschau.de: Und trotzdem suchen viele Menschen bei der Religion Trost, zum Beispiel bei dem Umgang mit dem Tod. Wie erklären Sie sich das?

Wagner: Das ist die Unfähigkeit des Menschen, seine Unbedeutsamkeit und Begrenztheit zu akzeptieren. Das führt natürlich zu solchen Phantasien wie dem Paradies und dem Leben nach dem Tod. Solche Phantasien zu nähren ist meines Erachtens eine der wichtigsten Funktionen der  Religion.

hessenschau.de: Wie gehen Sie denn mit dem Gedanken an das Sterben um?

Wagner: Vor einigen Jahren hatte ich Krebs. Denkst Du jetzt immer noch so, haben Bekannte und Freunde gefragt, die wussten, dass ich mir den Atheismus auf die Fahne geschrieben hatte. Aber ich kann damit umgehen, dass mein Leben endlich ist und ich ein unbedeutendes Sandkörnchen in der Weltgeschichte bin. Dafür brauche ich keinen Gott und kein höheres Wesen. Natürlich ist es schwierig, Trost zu finden, wenn es einem dreckig geht. Aber das geht für mich bei anderen Menschen. Oder ich versuche, selbst Trost zu spenden und bin inniger mit Anderen.

hessenschau.de: Gibt es etwas Anderes, an das Sie glauben?

Wagner: Eigentlich glaube ich an nichts – ich bin Agnostiker. Auf der anderen Seite würde ich sagen, vielleicht glaube ich an das Gute im Menschen. Und daran, dass die Menschen doch in der Lage sind, eine positive und gerechte Gesellschaft zu entwickeln, in der alle glücklich leben können.

Das Gespräch führte Anikke Fischer.

Ihre Kommentare Haben Sie sich auch von Ihrer Religion abgewandt? Was war der Grund dafür?

24 Kommentare

  • Jetzt muss ich doch mal eine Lanze brechen. Ich habe die Kommentare überflogen, und ich bin mir sicher, daß alle, die an keinen Gott glauben wollen, ihre Abwendung zur Religion aufgrund der vielen Fehlverhalten von Oberen und Hirten begründen. Das kann ich sehr gut verstehen.
    Ich kann den aufgeregten Gemütern nur ans Herz legen, mit all ihren Zweifeln das Gespräch zu suchen, aber mit Fachleuten, und nicht mit ,,Selbstvermarktern '', wie sie hier so zahlreich schimpfen.
    Was mich persönlich als bekennender und überzeugter Christ ärgert, ist, daß all die ,Meckerer' hier aber gerne unsere Feiertage zum Relaxen und Faulenzen nutzen.
    Das ist sowas von verlogen, wie ihr Hass, dem sie dem Schöpfer Gott entgegenbringen.
    Das Elend und die Ungerechtigkeit in dieser Welt machen Menschen, und nicht Gott !

  • Religion nimmt mir die Freiheit zu Denken.

  • Religion ist Menschenwerk. Gott dagegen lehrt uns Menschen seine Verhaltensweise gegenüber seinem Nächsten. Denn Gott ist die Liebe selbst.

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