Alte Frau am Tisch sitzend
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Ein Kunde hat vergessen, was er kaufen wollte. Ein anderer weiß gar nicht, wo er ist. Im Umgang mit der steigenden Zahl von Demenzkranken tun sich auch Geschäfte und Behörden schwer. In Limburg werden Mitarbeiter dafür geschult.

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Demenzlotsen

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Demenzlotsen in Limburg im Einsatz

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Manchmal kündigt sich die Erkrankung an: Dann wird die Stammkundin auf einmal von der Tochter beim Einkaufen begleitet. Es kann aber auch sein, dass ein Mann orientierungslos und unzusammenhängend sprechend im Laden auftaucht. Auf den Umgang mit Betroffenen wie diesen ist Rita Schlag gut vorbereitet.

Die Mitarbeiterin eines Reformhauses in Limburg hat sich zur Demenzlotsin schulen lassen. "Ich bin mutiger und unbefangener geworden", sagt Rita Schlag. Der Malteser Hilfsdienst hat seit 2014 in vier Schulungen 19 Demenzlotsen in 14 Unternehmen ausgebildet. "Eine gute Bilanz", meint Referent Michael Raab. Aber sie könne noch besser werden.

Fälle häufen sich

Demenzlotsen sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Geschäften, Banken oder Behörden, die älteren Kunden bei der Orientierung helfen können. Dahinter steckt die Überlegung, dass in einer alternden Gesellschaft Demenz immer häufiger auftritt. 1,6 Millionen Betroffene gebe es bereits in Deutschland, jährlich kämen rund 300.000 Fälle neu dazu, rechnen die Malteser in Limburg vor.

Die Betroffenen dürften nicht ausgeschlossen werden. Dafür soll im Rathaus Demenzlotsin Alexandra Haller sorgen. Sie bekommt regelmäßig Hinweise von Kollegen, wenn jemand im Haus ist, der Orientierung gebrauchen könnte. "Das kommt deutlich häufiger als früher vor", sagt Haller.

Werbewirksames Engagement

So wie im Fall der 75-Jährigen, die einen Kinderausweis für ihren nächsten Urlaub beantragen wollte. Die geschulte Sachbearbeiterin hörte zu, nahm die Angaben auf - und sorgte dafür, dass die Frau sicher wieder nach Hause kam. Für Ulrike Kremers, Inhaberin eines Bekleidungsgeschäfts, ist dieser Umgang mit den Betroffenen eine Frage der Mitmenschlichkeit: "Man geht ruhig mit den Menschen um und nimmt sie an. Und wenn ich mich offen zeige, funktioniert das auch."

Demenzlotsen Limburg
Wie diese Apotheke machen Geschäfte und Behörden in Limburg auf ihre Demenzlotsen aufmerksam. Bild © picture-alliance/dpa

Das lernen die Demenzlotsen in der kostenlosen, achtstündigen Schulung: Es gibt umfassende Informationen zum Krankheitsbild. Danach werden in Kleingruppen und mit Rollenspielen unter anderem Kommunikationstechniken erlernt, um angemessen mit den Erkrankten umzugehen. Einmal jährlich ist zur Auffrischung des Erlernten ein Treffen vorgesehen. Am Ende stehen ein für ein Jahr geltendes Zertifikat und ein Aufkleber. Den können sich die Läden zu Werbezwecken auf ihre Eingangstür kleben.

Schwierige Überzeugungsarbeit

Nach Auskunft des Malteser-Hilfsdienstes steht Limburg mit dieser Initiative in Hessen noch allein. Es war anfangs nicht leicht, Geschäftsleute davon zu überzeugen, dass sich die Schulungen trotz des Arbeitsausfalls lohnten. Inzwischen ist ein E-Learning-Programm nach Auskunft der Malteser in Arbeit, um Interessenten weiterbilden zu können.

Oft seien es Erfahrungen im eigenen Familienkreis, die Geschäftsinhaber oder Behördenmitarbeiter sensibilisierten, berichtet Christine Ryder, die für den Malteser Hilfsdienst die Demenzlotsen schult. Im Herbst ist wieder ein Lehrgang geplant.

Das Pilotprojekt in Limburg wurde drei Jahre lang vom Bund gefördert. Nun hoffen die Verantwortlichen auf Unterstützung des Landes. Staatskanzleichef Axel Wintermeyer (CDU) stellte bei einem Besuch in Limburg Hilfe in Aussicht. 2050 werde in Hessen jeder Sechste älter als 80 Jahre sein, gab er zu bedenken. Das Demenzlotsen-Projekt ist eines von sechs, das für den Hessischen Demographiepreis nominiert worden ist. Er wird Ende August vergeben. Der Sieger erhält 20.000 Euro.