Schüler mit Behinderung
Viele Kinder mit Behinderung haben Integrationshelfer. Bild © Imago

Welche Schule ist die richtige für mein Kind mit Behinderung? Eine Regelschule oder eine Förderschule? Eltern von drei Schülern berichten über ihre Erfahrungen mit der Inklusion.

"Ich habe den Traum von einer Schule für alle", sagt Thomas Schmitt. Sein Sohn Daniel ist 17 Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Dadurch habe er Schwächen beim Sprechen und Lesen und brauche länger, um sich Lernstoff zu merken. Sechs Jahre lang habe Daniel eine Regelschule besucht - doch eine Inklusion habe letztlich nicht funktioniert.

Die Schmitts heißen in Wahrheit anders. Weil sie Nachteile befürchten, haben wir ihre Namen auf ihren Wunsch hin geändert.

Enttäuschter Vater: "Nicht genug auf Daniel eingegangen"

"Es wurde nicht genug auf Daniel eingegangen", sagt Thomas Schmitt über die Zeit seines Sohnes in der weiterführenden Schule. Die ersten vier Grundschuljahre auf einer Regelschule hätten gut funktioniert, auf der weiterführenden Schule, einer IGS in Frankfurt, habe es Probleme gegeben.

Vier Kinder mit Behinderung hätten eine Klasse mit Kindern ohne Behinderung besucht - und nur einen Integrationshelfer zur Verfügung gehabt. "Es gab einfach viel zu wenig Lehrer", kritisiert Schmitt. Von Jahr zu Jahr sei der Stoff schwieriger geworden, Daniel habe häufiger individuelle Hilfe gebraucht. Das habe das Personal einfach nicht leisten können.

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Ein Überblick über den Stand der Inklusion in Hessen.

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Daniel habe angefangen, andere Schüler anzuspucken und zu schubsen - möglicherweise durch den Stress. Immer wieder habe er sich nicht konzentrieren können und seine Finger in den Mund genommen.

"Die Lehrer haben immer öfter nachgefragt, ob ich denn endlich eine neue Schule für Daniel gefunden hätte", berichtet Schmitt. Irgendwann habe er seinen Sohn dann auf eine Förderschule in Frankfurt geschickt. Dort sei Daniel von den Lehrern etwas besser gefördert worden, ganz zufrieden ist sein Vater mit dieser Lösung allerdings nichts. Schmitt wollte unbedingt, dass sein Sohn von Kindern ohne Behinderung lerne und inklusiv unterrichtet werde.

Idas Eltern bevorzugen die Förderschule

Guido Kerbsties und Antje Henrich haben es mit einer Regelschule gar nicht erst versucht. Sie entschieden sich bewusst für eine sonderpädagogische Förderung ihrer Tochter. Durch einen Sauerstoffmangel am dritten Lebenstag habe Ida eine geistige Behinderung mit Intelligenzminderung, berichten die Eltern. Zunächst hätten sie ihre Tochter in einen inklusiven Kindergarten geschickt, sich danach aber für eine Förderschule entschieden.

Familienfoto mit Eltern und zwei Töchtern
Ida (zweite von l.) mit ihren Eltern Guido Kerbsties und Antje Henrich sowie Schwester Ava. Bild © Kathrin Wesolowski

"Ich will nicht, dass sich mein Kind immer als das schlechteste fühlt und nicht mitkommt", erklärt Antje Henrich ihre Entscheidung, "Es bringt ja nichts, wenn ich mein Kind aus gesellschaftlichen Gründen auf eine Regelschule schicke, nur weil ich es für politisch korrekt halte - mein Kind dort aber leidet und nicht so viel lernt."

Offenbacher Eltern-Initiative: "Immer ausprobieren!"

Zu so einem Denken würden viele Eltern gedrängt, sagt Dorothea Terpitz, Vorsitzende der Eltern-Initiative gemeinsam Lernen für Stadt und Kreis Offenbach (IGEL-OF). Ihrer Meinung nach kann jedes Kind inkludiert werden. "Man muss entsprechend das Schulkonzept ändern und angemessene Vorkehrungen für die Kinder treffen."

Inklusion sei für sie, dass niemand aus der Gesellschaft ausgeschlossen werde. Dazu gehöre, dass alle Kinder unter einem Dach unterrichtet würden. "Es kann verschiedene Klassen geben, aber in einer Schule, unter einem Dach", sagt sie. Eltern, die unsicher seien, ob sie ihr Kind mit Behinderung auf eine Regelschule schicken sollen, rät sie: "Ich würde es immer ausprobieren."

Kind mit Down-Syndrom erfolgreich in Regelschule

Mathieu hat es probiert: Er ist elf Jahre alt, hat das Down-Syndrom und geht in Offenbach in die fünfte Klasse. Seit der Grundschule besucht er eine Regelschule. "Erst wollten sie nicht, dass er auf die Grundschule geht", erinnert sich Stefan Kneisel, Mathieus Vater. Seine Erklärung: Die Verantwortlichen hätten nicht gewusst, wie sie mit einem Kind mit Behinderung umgehen sollten. Doch Kneisel ließ nicht locker. Schließlich habe die Schule Mathieu aufgenommen.

Heute besucht Mathieu eine Haupt- und Realschule im Main-Kinzig-Kreis. Sein Vater hat den Eindruck, dass Mathieu gut in die Klassengemeinschaft integriert ist. In Mathieus Klasse sind außer ihm drei weitere Schüler mit Behinderung. Dauerhaft seien eine Förder- und eine Regelschullehrerin anwesend.

Gemeinsam mit Terpitz engagiert sich Mathieus Vater für die schulische Inklusion. Terpitz ist sich sicher, dass Inklusion funktionieren kann. "Das zweigliedrige Schulsystem ist diskriminierend", sagt sie. Ihrer Meinung nach dauert es allerdings mindestens noch eine Generation, bis es wirklich eine Schule für alle gibt.

Kultusministerium: Sonderpädagogen effektiver einsetzen

Eine Schule für alle will das CDU-geführte hessische Kultusministerium nicht. Im Gegenteil: Es will die Wahlfreiheit der Eltern zwischen Regel- und Förderschule sichern.

Ein Ministeriumssprecher sagte, man wolle sonderpädagogische Lehrkräfte effektiver einsetzen. Lehrer mit Förderschwerpunkten sollten nicht wie bisher häufig an mehreren Schulen unterrichten, sondern dauerhaft in einer Schule arbeiten.