Die I. E. Lichtigfeld-Schule im Philantropin Frankfurt
475 Schüler hat die Lichtigfeld-Schule derzeit - im nächsten Schuljahr sollen es mehr werden. Bild © I. E. Lichtigfeld-Schule

Die Frankfurter Lichtigfeld-Schule will jetzt als einzige jüdische Schule in Hessen wieder einen eigenen Abiturjahrgang anbieten. Was die Schule von anderen unterscheidet und warum auch nicht-jüdische Schüler sie besuchen, erklärt die Schulleiterin im Interview.

Einst war das Philanthropin im Frankfurter Nordend eine der angesehensten jüdischen Schulen in Deutschland. Die Nationalsozialisten schlossen die Schule 1942, bereits ein Jahr zuvor waren Schüler und Lehrer deportiert worden. Viele von ihnen starben in den Konzentrationslagern.

Erst 1966 gelang es, mit der Lichtigfeld-Schule wieder eine jüdische Schule in Frankfurt zu gründen, eine Grundschule, die mittlerweile zu einem Mittelstufengymnasium ausgebaut ist. Im Jahr 2006 zog die Schule ins Philanthropin um. Ab dem kommenden Schuljahr will die Schule an vergangene Zeiten anknüpfen und einen Abiturjahrgang anbieten, wie Schulleiterin Noga Hartmann erklärt. Zuerst hatte die Frankfurter Rundschau berichtet.

hessenschau.de: Ab kommenden Schuljahr können Schüler in Frankfurt erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder an einer jüdischen Schule einen Abiturjahrgang besuchen. Wie fühlt sich das an?

Noga Hartmann: Hervorragend. Es ist ein Schritt, der aus Sicht der Gemeindemitglieder längst überfällig ist. Es wird wieder hergestellt, was es schon vor dem Krieg gab. Wir schließen einen Kreis - endlich wird es in Hessen wieder die Möglichkeit geben, an einer jüdischen Schule bis zum Abitur zu lernen. Unser Kollegium freut sich sehr auf diese Aufgabe, hier herrscht Aufbruchstimmung.

hessenschau.de: Was war der Anlass für die Erweiterung? Hat sie auch mit erlebtem Antisemitismus zu tun?

Hartmann: Es gibt antisemitische Vorfälle, auch wenn Frankfurt grundsätzlich eine freundliche, weltoffene Stadt ist. Aber die Erweiterung der Schule hat andere, positivere Gründe. Die Kinder möchten auf dem Weg zum Abitur nicht noch einmal die Schule wechseln, sondern hier bleiben. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen.

hessenschau.de: Wie viele jüdische Schulen gibt es überhaupt in Hessen?

Hartmann: In Hessen ist unsere die einzige. Diese Schule ist auch die erste, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eröffnet wurde. Insgesamt gibt es in Deutschland nur zehn jüdische Schulen, und nur zwei weitere jüdische Schulen, an denen es einen gymnasialen Oberstufenjahrgang gibt.

hessenschau.de: Woher kommen Ihre Schüler?

Hartmann: Aus ganz Frankfurt, auch aus Hanau, Offenbach, Bad Homburg, Neu-Isenburg, Darmstadt und Kelkheim. Bei einigen ist die Familie aus beruflichen Gründen aus dem Ausland nach Frankfurt gezogen - wir haben Schüler aus 18 verschiedenen Nationen, die zum Beispiel Englisch, Französisch, Hebräisch, Russisch, Spanisch, Türkisch oder Ungarisch als Muttersprache sprechen.

Noga Hartmann, Schulleiterin der Lichtigfeld-Schule
Noga Hartmann, Schulleiterin der Lichtigfeld-Schule Bild © I. E. Lichtigfeld-Schule

hessenschau.de: Was unterscheidet die Lichtigfeld-Schule von anderen?

Hartmann: Bei uns spielen Hebräisch und jüdische Werte und Religion eine besondere Rolle. Wir begehen die jüdischen Feiertage. Das Konzept ist, das jüdische Leben kennenzulernen. Aber was jemand zu Hause macht, ist etwas anderes. Wir fragen im täglichen Schulleben nicht, welche Religion jemand hat. Einmal war ich sehr überrascht, als sich herausgestellt hat, dass ein Kind, von dem ich mir sicher war, dass es jüdisch ist, evangelisch war.

hessenschau.de: Ein Viertel Ihrer Schüler ist nicht jüdisch. Aufgrund welcher Angebote haben sie sich für Ihre Schule entschieden?

Hartmann: Sicher aufgrund des Leistungsniveaus, aber zum Beispiel auch, weil wir uns um jedes Kind kümmern und die Stimme der Eltern gehört wird. Wir sind eine staatlich anerkannte Schule mit Ganztagsangebot und haben akademisch, zum Beispiel gerade im Bereich Naturwissenschaften, Musik und Sprachen, einen sehr guten Ruf. Von der ersten Schulwoche der Eingangsstufe an wird verpflichtend Neu-Hebräisch gelehrt, ab der zweiten Klasse Englisch und auf Wunsch zusätzlich Russisch. Es sind maximal 22 Schülerinnen und Schüler in einer Klasse. Wir bieten spezielle Betreuung für Hochbegabte an und Ganztagsbetreuung bis 18.30 Uhr inklusive koscherem Mittagessen.

hessenschau.de: Die Lichtigfeld-Schule ist eine Privatschule. Wer kann bei Ihnen Schüler werden?

Hartmann: Wir sind grundsätzlich offen für alle, nehmen aber nicht alle auf. Es muss für beide Seiten gut passen. Bevor wir ein Kind aufnehmen, gibt es ein Vorgespräch mit dem Kind und den Eltern. Dann kommt das Kind für einige Tage in die Schule und wir schauen, wie es passt. Wenn wir den Eindruck haben, dass ein Kind von seinen Eltern zum Schulwechsel gezwungen wird, obwohl es an seiner alten Schule glücklich ist, unterstützen wir das zum Beispiel nicht.

hessenschau.de: Welche Neuplanungen sind für die Erweiterung der Schule nötig?

Hartmann: Für die Oberstufe wird unsere Grundschule aus Platzgründen ausziehen, deshalb baut die Gemeinde ein neues Grundschulhaus im Westend. 2019 soll es fertig sein. Die voraussichtlichen Kosten in Höhe von rund zwölf Millionen Euro werden zwischen der Gemeinde, der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen geteilt.

hessenschau.de: Ist etwas über das Schicksal der Menschen bekannt, die dem letzten Abiturjahrgang im Jahr 1939 im Philanthropin angehörten?

Hartmann: Ja, zum Beispiel über den späteren Journalisten und Historiker Peter Bloch. Er war als letzter jüdischer Schüler aus der Frankfurter Wöhlerschule vertrieben worden. Drei Jahre danach legte er am Philanthropin sein Abitur ab, mit dem letzten Jahrgang, für den das noch möglich war. Er flüchtete vor den Nazis erst nach England, dann nach Belgien, bevor er in der Schweiz in ein Arbeitslager gesteckt wurde. Sein Vater wurde von einem jüdischen Denunzianten verraten und in einem Lager umgebracht. 1949 wanderte Bloch mit seiner Mutter in die USA aus. Er starb 2008 in New York. Aber bis zum Alter von noch mehr als 80 Jahren kam er mehrfach in seine Geburtsstadt Frankfurt zurück, um in Schulen seine Geschichte zu erzählen.

Weitere Informationen

I.E. Lichtigfeld-Schule

Die Lichtigfeld-Schule wurde 1966 von der jüdischen Gemeinde gegründet. Sie wurde nach dem Landesrabbiner Isaak Emil Lichtigfeld benannt. Sie knüpft an die 1942 von den Nationalsozialisten geschlossene, jüdische Frankfurter Schule Philanthropin an. Die 1804 gegründete Schule im Stadtteil Nordend war mit bis zu 1.000 Schülern die größte und älteste jüdische Schule Deutschlands.

Seit 2006 ist die Lichtigfeld-Schule auch wieder an ihrem historischen Ursprung im Frankfurter Nordend angesiedelt. Aktuell hat die Lichtigfeld-Schule 475 Schüler und rund 70 Lehrer. Die staatlich anerkannte, kostenpflichtige Privatschule mit Ganztagsangebot für Kinder von der Eingangsstufe bis Klasse 9 wird ab nächstem Schuljahr eine Oberstufe anbieten, so dass 2021 das erste Abitur abgelegt wird.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Anikke Fischer.