Schule
Dass Kinder auch nachmittags in der Schule sind, wünschen sich viele Eltern. Aber das Angebot reicht bisher noch nicht für alle. Bild © picture-alliance/dpa

Den ganzen Tag in der Schule? Für mehr und mehr Kinder in Hessen ist das einer neuen Bildungsstudie zufolge Alltag. Dort kann ihnen nach Meinung von Kritikern aber oft nur ein "Schmalspurprogramm" geboten werden.

Immer mehr Kinder in Hessen sind in einer Ganztagsschule. Das geht aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh hervor, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Demnach ging fast jeder zweite Schüler (45,6 Prozent) im Jahr 2015 in eine solche Einrichtung, zehn Jahre zuvor waren es noch 18,6 Prozent. Damit hat sich der Anteil innerhalb von zehn Jahren weit mehr als verdoppelt. Im bundesweiten Vergleich liegt Hessen im Mittelfeld.

Doch es gibt auch Kritik: "Viele dieser Schulen können nur ein Schmalspurprogramm anbieten", kritisierte Roman George, Referent für Bildungspolitik der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hessen (GEW). Der Anteil "echter", gebundener Ganztagsschulen sei in Hessen noch geringer als in anderen Bundesländern. "Die Schulen benötigen für pädagogisch hochwertige Ganztagangebote eine deutlich bessere Ressourcenausstattung", sagte George. Die GEW fordert daher neben mehr Personal auch, die Schulen umzubauen, sodass sie etwa Sozialräume anbieten können.

Opposition vermutet Trickserei

Nach Angaben des Kultusministeriums sollen ganztägige Angebote in Hessen in Zukunft mit bis zu 230 Stellen im Jahr gefördert werden. Dort, wo es von Schulen und Schulträgern gewünscht wird, sollen Ganztagsschulen oder ganztägige Angebote eingerichtet werden.

Die Opposition warf der Landesregierung indes Trickserei beim Ganztagsschulausbau vor. Nicht alle Schüler nähmen am Ganztagsbetrieb teil, erst recht nicht fünf Tage die Woche, hieß es in einer Mitteilung der SPD-Fraktion im Landtag. "Die Lehrerversorgung reicht in der Regel auch gar nicht aus, hier zu einer Vollbeschulung zu kommen und allen Eltern ein auskömmliches Angebot zu machen", sagte der bildungspolitische Sprecher Christoph Degen. Eine im Juli veröffentlichte Studie hatte Hessen bei Ganztagsangeboten an Grundschulen ein schlechtes Zeugnis ausgestellt.

Drei von vier Eltern wollen Ganztagsbetreuung

Laut einer von der Bertelsmann Stiftung zitierten Umfrage wünschen sich bundesweit derzeit fast drei von vier Eltern (72 Prozent) einen Platz in einer Ganztagsschule. Auch der hessische Landeselternbeirat sähe gerne mehr "echte" Ganztagsschulen mit schulischen Konzepten im Land. "In vielen Familien wollen oder müssen beide Elternteile arbeiten gehen", erklärte der Vorsitzende Reiner Pilz.

Die Studie der Bertelsmann Stiftung berechnet, wie ein Ausbau von "guten Ganztagsschulen" bundesweit aussehen könnte: Um bis 2025 für 80 Prozent der Schüler in Deutschland einen Ganztagsschulplatz zu haben, müsste die Politik 15 Milliarden Euro in die räumliche Infrastruktur investieren und 47 600 zusätzliche Pädagogen einstellen.

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Ganztagsschulen in Hessen

Nach Angaben des Kultusministeriums bieten in Hessen im aktuellen Schuljahr 2017/18 insgesamt 1114 Schulen freiwillige Zusatzangebote oder einen Ganztagsunterricht an. Darunter fallen Grundschulen, Förderschulen und Schulen mit Sekundarstufe I. Dabei gibt es drei Kategorien:
- Profil 1 (706 Schulen): Angebot von 7.30 Uhr bis 14.30 Uhr an mindestens drei Wochentagen , darunter Hausaufgabenbetreuung, Fördermaßnahmen sowie Wahl- und Freizeitangebote. Teilnahme freiwillig.
- Profil 2 (142 Schulen): An fünf Schultagen pro Woche freiwillige Zusatzangebote von 7.30 Uhr bis 16 oder 17 Uhr.
- Profil 3 (99 Schulen): Vollwertige Ganztagsschulen. Betreuung, Unterricht und verpflichtende Ganztagsangebote von 7.30 Uhr bis 16 oder 17 Uhr an fünf Tagen pro Woche.
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Zusätzlich gibt es noch den Pakt für den Nachmittag (167 Schulen): Verlässliche Betreuung der Kinder von 7.30 Uhr bis 17.00 Uhr. Das Land stellt von 7.30 Uhr bis 14.30 Uhr die Lehrer, danach übernehmen die Kommunen. Eltern bezahlen für die zusätzliche Versorgung.

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Sendung: hr1, 17. 10. 2017, 17 Uhr