Arztpraxis
Immer mehr Hausarztpraxen in ländlichen Regionen schließen. Bild © Imago

Ein Hausarzt für 2.700 Einwohner: So kann die Realität bei der Ärzteversorgung in Hessen aussehen. Der Mangel an Allgemeinmedizinern dringt mittlerweile bis ins Rhein-Main-Gebiet vor.

Eigentlich wollte Peter Heller bereits vor zwei Jahren komplett aufhören. Allein schon der Gesundheit wegen. Mittlerweile ist der praktizierende Hausarzt aus dem südhessischen Fischbachtal 67 Jahre alt, hat einen Herzinfarkt hinter sich und drei Bypässe gelegt bekommen.

Wie so viele seiner Kollegen fand auch Heller lange keinen Nachfolger für seine Praxisräume. Einen jüngeren Anwärter hatte er damals an der Angel, "aber der hat dann kurzfristig abgesagt, weil es ihm zu viel Arbeit geworden wäre", berichtet der Mediziner im Gespräch mit hessenschau.de

Zu viel Stress, kaum Freizeit, nur wenig Zeit für die Familie: Das sind Argumente, die Heller in den vergangenen Jahren oft zu hören bekam, wenn er Gespräche mit Interessenten für seine Praxis führte. "Es gibt immer weniger Hausärzte, weil es sich mit familiären Belangen nicht vereinbaren lässt", meint Heller.

"Sieben Tage die Woche für Patienten da"

Dabei gibt es in Deutschland immer mehr Ärzte - doch die wollen kaum noch als Allgemeinmediziner praktizieren. Das hängt unter anderem mit der schlechteren Vergütung zusammen, da man als Facharzt deutlich mehr einstreichen kann. Andererseits eben auch mit einem häufig höheren Arbeitsaufkommen.

"Als Hausarzt bist du fast sieben Tage und Nächte für deine Patienten da", berichtet Heller aus seinem Alltag. In Fischbachtal ist er Alleinunterhalter, außer ihm gibt es in der 2.700-Einwohner-Gemeinde keinen weiteren Arzt. "Ich habe rund 2.500 Patienten im Quartal." Das sei erheblich weniger als beispielweise eine Praxis in Darmstadt habe.

Arzt Peter Heller aus Fischbachtal
Hausarzt Peter Heller suchte lange nach einem Nachfolger für seine Praxis. Bild © Peter Heller

Heller ist kein Einzelfall in dem besonders betroffenen Landkreis Darmstadt-Dieburg. Dort werden in den nächsten Jahren zahlreiche Ärzte aus Altersgründen ihre Kittel an den Haken hängen.

"Auf dem Papier sieht die Lage außerordentlich bedrohlich aus. Das Problem drängt sich vor allem im Osten des Landkreises in den ländlicheren Kommunen auf", erklärt Landrat Klaus-Peter Schellhaas (SPD) hessenschau.de.

Work-Life-Balance immer wichtiger

Laut einer Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) werden 2030 von aktuell gut 150 Hausärzten knapp 60 von ihnen in Ruhestand gehen. Nicht berücksichtigt sind die Zahlen von Allgemeinmedizinern, die sich in dem Zeitraum neu niederlassen werden. Aber klar ist: Es gibt einen immer dramatischeren Hausärzte-Mangel in ländlichen Regionen.

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Daten & Fakten

Die Zahl der Einwohner, die ein Hausarzt versorgen muss, liegt in Hessen im Schnitt bei ungefähr 1.500 Menschen - mit einigen Schwankungen. Im Landkreis Darmstadt-Dieburg versorgt ein Hausarzt knapp 2.000 Menschen, n Hersfeld-Rotenburg sind es dagegen nur knapp 1.400. In den Planungsbereichen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Heusenstamm/Rödermark sowie Rüsselsheim fehlen (Stand: 03/2016) jeweils 14 Hausärzte. In Dieburg/Groß-Umstadt sind 13 Stellen vakant. Die weitesten Wege, zu einem Hausarzt haben Patienten im Vogelsberg. In dem Kreis beträgt die durchschnittliche Distanz zu einem Allgemeinmediziner laut KV 8,1 Kilometer.

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Schellhaas selbst hat sich von der Vorstellung des klassischen Hausarztes längst verabschiedet. "Der Beruf ist mittlerweile viel femininer geworden." Laut Statistik sind 70 Prozent der Absolventen im Studium weiblich - und das hat weitreichende Folgen. So steht für viele der Frauen der Wunsch nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance im Fokus. Statt Vollzeitpraxis soll noch genügend Zeit für Familie und Freizeit übrig bleiben.

Wie schwer es ist, einen Nachfolger auf dem Land zu finden, schildert Peter Heller: "Auf einer Praxisbörse bei der KV haben 22 abgabewillige Hausärzte aus dem Altkreis Dieburg ihre Praxis zur Übernahme angeboten - aber nur ein Interessant war dabei." Das sorgt für großen Frust bei den alteingesessenen Ärzten, die ihre Patienten nicht einfach so zurücklassen wollen.

13 Hausärzte fehlen im Bereich Dieburg/Groß-Umstadt

Schellhaas
Landrat Klaus-Peter Schellhaas. Bild © Imago

Heller steht von morgens 8 bis manchmal 20 Uhr abends in seiner Praxis. Eine Stunde Pause gönnt er sich dazwischen. Im nächsten Jahr wird er 68 Jahre - und wird dann endlich kürzer treten. Ans Aufhören denkt der Arzt mit Leib und Seele aber nicht. Vielmehr wird er seine Praxis an einen Nachfolger, den er inzwischen gefunden hat, übergeben und sich von ihm als 32-Stunden-Kraft anstellen lassen.

So viel Glück wie Heller ("Jemanden zu finden, war wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen") haben andere Kollegen nicht nicht immer. Während Praxen in Städten recht schnell den Besitzer wechseln, entpuppen sich gleiche Einrichtungen in ländlichen Gebieten als Ladenhüter.

Das hat natürlich Auswirkungen auf den medizinischen Versorgungsgrad: So liegt die Quote nach Angaben der KV im sogenannten Planungsbereich (PB) Dieburg/Groß-Umstadt unter 90 Prozent. Anders ausgedrückt: Es fehlen derzeit 13 Hausärzte. Im PB Heusenstamm/Rödermark/Rodgau/Dietzenbach/Obertshausen werden aktuell sogar 14 Mediziner gesucht, der Versorgungsgrad liegt hier bei fast 95 Prozent.

Rund 1.700 Patienten auf einen Hausarzt

Die Zahlen überraschen insofern, weil die beiden Bezirke am Rande des wirtschaftlich starken Rhein-Main-Gebiets liegen. "Wir sprechen da nicht vom klassischen ländlichen Raum", hebt Landrat Schellhaas hervor. Das scheint aber kein Argument für Ärzte zu sein, sich bevorzugt abseits der Städte niederlassen zu wollen. In Zahlen drückt sich das wie folgt aus: So kommen im Bereich Dieburg/Darmstadt im Schnitt auf einen Hausarzt knapp 1.700 Patienten. Hessenweit sind es im Schnitt 1.500.

In immer mehr ländlichen Regionen interveniert die Politik - obwohl für die flächendeckende ambulante Versorgung die KV zuständig ist. An die Stelle fehlender Ärzte treten jetzt vermehrt Medizinische Versorgungszentren (MVZ). Ein solches Zentrum, wo verschiedene Ärzte unter einem Dach arbeiten, ist in Ober-Ramstadt (Darmstadt-Dieburg) entstanden. Ärzte sind in diesen MVZ angestellt, haben feste Arbeitszeiten und Urlaube.

"Wir müssen selbst die Verantwortung übernehmen", meint Landrat Schellhaas zu den Initiativen. Solche Versorgungszentren seien aber der allerletzte Schritt, wenn eine richtige Unterversorgung drohe. Zwar gibt es schon Förderprogramme, um Hausärzten auch finanziell das Leben auf dem Lande schmackhaft zu machen. Aber die reichen offenbar weiterhin nicht aus, um das Praxissterben abseits der Städte zu stoppen.