Hamid aus Afghanistan
Seit gut einem Jahr lebt Hamid in einer Flüchtlingsunterkunft im Rhein-Main-Gebiet. Bild © Meliha Verderber (hessenschau.de)

In der Heimat werden sie wegen ihrer sexuellen Neigung angefeindet – hier auch: Schwule Flüchtlinge sollten eigene Unterkünfte bekommen, finden Aktivisten. Ein Hilfsverein berichtet von zunehmenden Anfragen.

Hamid wohnt seit gut einem Jahr gemeinsam mit rund 20 anderen Geflüchteten in einer Unterkunft im Rhein-Main-Gebiet. Das ist nicht immer einfach, wie er sagt: Einige seiner Mitbewohner mobbten ihn, weil er schwul ist. Wegen seines Schwulseins ist der 20-Jährige vor gut drei Jahren aus Afghanistan geflüchtet. Hamid ist zudem transgender. In seinem Fall heißt das: Er schminkt sich und trägt Frauenkleider, wenn er Lust dazu hat und wenn er als Tänzerin auftritt.

Bei einem persönlichen Treffen erzählt Hamid offen, dass er in Kabul sein Geld damit verdient habe, auf Partys und Hochzeiten als Tänzerin aufzutreten. "In Afghanistan findet man als Schwuler keine normale Arbeit", sagt er. Hamid tanzt leidenschaftlich gerne, doch sein Job als Tänzerin barg auch Gefahren. In der Regel waren nur Männer im Publikum, wie er berichtet: "Nach meinen Auftritten hat mich oft mindestens einer gezwungen, mit ihm mitzugehen. Manche haben mich dann vergewaltigt."

Zahl homosexueller Geflüchteter ist unbekannt

Wie viele Menschen so wie Hamid wegen ihrer sexuellen Orientierung oder abweichenden Geschlechtsidentität nach Deutschland geflüchtet sind, ist unbekannt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zählt nicht, wie viele Asylsuchende das als Fluchtgrund angeben. Hilfsorganisationen wie der Verein Rainbow Refugees Frankfurt schätzen, dass rund zehn Prozent der registrierten Flüchtlinge homo- oder transsexuell sind.

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Rainbow Refugees Frankfurt

Das offene Treffen des Hilfsvereins findet donnerstags ab 19 Uhr im Café Switchboard der Aidshilfe Frankfurt, Alte Gasse 36, statt.

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In dem Verein engagieren sich etwa 30 Ehrenamtliche. "Am Anfang haben wir drei Flüchtlinge betreut. Inzwischen kommen pro Woche bis zu fünf neue Flüchtlinge zu unserem offenen Treffen und wollen unsere Unterstützung", sagt Vorstandsmitglied Knud Wechterstein, der den Verein vor einem Jahr mitgegründet hat. Seither habe Rainbow Refugees Frankfurt rund 130 homo- oder transsexuellen Geflüchteten helfen können.

Angegriffen in Flüchtlingsunterkunft

Auch Hamid hat sich an den Hilfsverein gewandt. Darüber lernte er viele seiner Freunde kennen und bekam einen Job vermittelt. Seit einigen Monaten kocht er zweimal in der Woche in einer Bar. Dort werde er akzeptiert, wie er ist.

Knud Wechterstein von Rainbow Refugees
Knud Wechterstein, Mitbegründer des Hilfsvereins Rainbow Refugees Frankfurt. Bild © Meliha Verderber (hessenschau.de)

"Aber in meiner Unterkunft ist das leider anders", sagt Hamid. Ein Mann aus Äthiopien beleidige und beschimpfe ihn nahezu täglich. Ein anderer Mann aus Afghanistan sage ihm, er sei ein falsches Vorbild für seine Kinder. Er verlange, dass Hamid in der Unterkunft seine Neigungen verbergen soll. Für den 20-Jährigen kommt das nicht infrage, wie er sagt.

Hamids Erfahrungen mit seinen Mitbewohnern sind kein Einzelfall. Der Verein Rainbow Refugees Frankfurt und andere hessische Hilfsorganisationen fordern daher separate Unterkünfte für homo- und transsexuelle Geflüchtete, weil es immer wieder auch zu Übergriffen komme.

Afghanistan ist eines der gefährlichsten Länder für Schwule

Für Wechterstein ist das nicht verwunderlich: "In den Herkunftsländern der schwulen Geflüchteten haben die Menschen kein Verständnis für Homosexuelle oder Transsexuelle. In manchen Ländern droht ihnen Gefängnis oder sogar die Todesstrafe wie im Iran", sagt der Aktivist. Der "Gay Travel Index" listet Afghanistan auf dem achtletzten Platz von 193 Ländern. (Hier zum "Gay Travel Index", dem Überblick über die Situation für Homo- und Transsexuelle in den Staaten weltweit.)

Um Leben und Tod ging es auch für Hamid, als er noch in Kabul war. Ihm seien Zähne ausgeschlagen und die Nase gebrochen worden, berichtet er: "Einer hat mich an Händen, Armen und Beinen mit glühenden Zigaretten verbrannt, um mich zum Sex zu zwingen." Freunde von ihm seien wegen ihrer sexuellen Orientierung festgenommen, einige von ihnen umgebracht worden. "Danach wurde mir klar", sagt Hamid, "dass ich nicht mehr in Afghanistan bleiben konnte."

Viele wissen nicht von ihrem Recht auf Asyl

Menschen, die in ihrer Heimat aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgt werden, haben in Deutschland Recht auf Asyl. Wechterstein hat die Erfahrung gemacht, dass viele Betroffene das gar nicht wüssten. Die meisten seien es nicht gewohnt, offen über ihre Sexualität zu sprechen. "Viele Geflüchtete sprechen nicht mal das Wort Homosexualität aus, sondern sie sagen 'my problem'. Sie akzeptieren also ihre Sexualität nicht als etwas, das zu ihnen gehört, sondern definieren das als Problem", sagt Wechterstein.

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Hilfe für homosexuelle Flüchtlinge

In Hessen gibt es bislang vier örtliche Hilfsvereine:

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Ein anderer Grund, weshalb die meisten sich damit schwer tun, sich zu outen: Sie befürchten, dass ihre Familien in der Heimat davon erfahren, dass sie schwul sind, wenn sie das beim BAMF angeben. "Wir klären sie darüber auf, dass das nicht der Fall sein wird und dass es wichtig ist, dass sie ihre sexuelle Identität angeben", sagt Wechterstein. Die Mitglieder des Vereins bereiteten deshalb die Betroffenen auf ihre Anhörung beim BAMF vor.

Hamid steht seine Anhörung beim Amt noch bevor. Er habe keine Scheu davor, seinen Fluchtgrund anzugeben, sagt er und zeigt ein Foto von sich, als Frau gekleidet und akkurat geschminkt, mit einem gelben perlenbestickten Kleid, goldenen Hängeohrringen und einem roten Punkt zwischen den Augenbrauen. So trat Hamid vor kurzem im Schauspiel Frankfurt auf. "In Deutschland kann ich tanzen, weil ich es einfach mag", sagt er. Dass er hier nicht wegen Geld oder Sex tanzen muss, macht ihn glücklich. Auch deshalb möchte er in Deutschland bleiben.