Sandrao Mendig
Sandrao Mendig: "Habe immer gedacht, ich wäre irgendwas Kaputtes" Bild © Helena Lea Manhartsberger

Sandrao Mendig ist intersexuell. Was das bedeutet, wusste Mendig selbst lange nicht. Inzwischen versucht "ersie", anderen zwischengeschlechtlichen Menschen Mut zu machen. Helfen dürfte ein aktuelles Urteil des Bundesverfassungsgerichts.

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Sandrao Mendig

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das Leben als "Ersie": Portrait eines intersexuellen Menschen

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37 Jahre alt, 1,63 Meter groß, blau gefärbte Haare - auf der einen Seite lang, die andere Seite kurz. Beides eben. Dazwischen. Und genauso fühlt sich Sandrao Mendig auch. Mendig ist zwischengeschlechtlich. Nicht nur die deutsche Sprache tut sich schwer damit. Wie soll man einen intersexuellen Menschen ansprechen? Wie über ihn in 3. Person reden? Sandrao Mendig selbst mag das "Ersie".

Sandrao hieß früher einmal Sandra. Die Jugendzeit verbrachte ersie in einem kleinen Dorf in Nordhessen in der Nähe von Kassel, erst bei der Großtante, dann bei Pflegeeltern. Mädchen hatten sich da wie Mädchen zu benehmen: Röcke anziehen, die Haare lang tragen, mit Puppen spielen. Doch Sandra wollte nicht, wehrte sich mit Händen und Füßen. "Ich habe mein Leben lang immer gespürt, dass ich anders bin", sagt Sandrao Mendig.

"Ich habe gedacht, ich bin ein Monster, irgendein Alien", sagt ersie. "Ich habe gedacht, ich bin der einzige Mensch, der so ist. Und habe eben immer gedacht, ich wäre irgendwas Kaputtes, irgendwas, was nicht sein darf."

Ausbildung - Bundeswehr - Afghanistan - Burnout

Es folgten rastlose Jahre. Mendig wechselte häufig den Job, arbeitete viel. Machte eine Ausbildung zum Zahnarzthelfer, dann acht Jahre Bundeswehr, sogar zwei Einsätze in Afghanistan, dann arbeitete ersie als Zahntechniker und zum Schluss betreute Sandrao einen schwerbehinderten Menschen. "Ich hab mein ganzes Leben lang eigentlich nur gearbeitet, um mich von mir selbst abzulenken", sagt Mendig. Vor drei Jahren dann der Zusammenbruch: Diagnose Burnout. Es ging nicht mehr weiter.

Der Besuch bei einer Gynäkologin brachte das lang verschwiegene Lebensthema ans Licht. Die Ärztin erkannte Narben im Genitalbereich, Narben früherer Operationen, bei denen der Penis, der offenbar leicht verkürzt war, in eine Klitoris umoperiert werden sollte. Mendig wusste das nicht.

Zwischen 120.000 und 160.000 Betroffenen

Es gibt viele verschiedene Erscheinungsformen von Intersexualität. Intersexuelle Menschen haben weibliche und männliche Geschlechtsanteile - in verschiedenen Ausprägungen. Wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich intersexuell sind, ist laut Bundesverband für intersexuelle Menschen unklar. Schätzungen schwanken zwischen 120.000 und 160.000 Menschen. Vermutlich sei die Dunkelziffer hoch, sagen Experten.

Inzwischen wohnt Sandrao Mendig zurückgezogen in Nordeutschland. Im alltäglichen Leben merkt ersie noch immer überall, dass ersie nicht in die gängigen Schubladen passt. Sei es beim Einkaufen in der Herren- oder Damenabteilung, beim Ausfüllen von Formularen, auf öffentlichen Toiletten oder in Schwimmbad oder Sauna. Erst kürzlich war ersie mit einem anderen intersexuellen Mensch in der Sauna und ging in die Frauenumkleide. Dort hieß es: "Raus hier, Jungs." Da mussten sie Aufklärungsarbeit leisten: "Wir haben dann erklärt, was wir sind."

Bundesverfassungsgericht fordert drittes Geschlecht

Sandrao Mendig geht inzwischen offensiv mit dem Thema Zwischengeschlechtlichkeit um. Im Jahr 2015 hat ersie mit anderen zwischengeschlechtlichen Menschen bei einem Theaterstück "Adam, Eva und Ich" von der Fräuleinwunder AG mitgewirkt und stand damit schon in Hannover, Braunschweig, Hamburg und Berlin auf der Bühne.

Weitere Informationen

"Geschlecht wird völlig überbewertet"

Interview mit Lucie Veith, Bundesverband Intersexuelle Menschen (hr-iNFO, 22.11.2017)

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Mendig sucht die Öffentlichkeit, versteckt sich nicht hinter einem Pseudonym, Sandrao Mendig ist Sandrao Mendig. Ersie spricht mit betroffenen Eltern, die sich zum Beispiel an den Bundesverband für intersexuelle Menschen wenden, und versucht sie zu überzeugen, ihr Kind so zu lassen, wie es ist und nicht operieren zu lassen.

Den Druck von den Eltern nehmen könnte auch ein aktuelles Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Der Gesetzgeber wurde vom Bundesverfassungsgericht aufgefordert, bis Ende 2018 die Gesetzgebung so zu ändern, dass intersexuelle Menschen sich eindeutig geschlechtlich zuordnen können. Auf den Gesetzgeber kommt viel Arbeit zu. Es fängt schon bei der Geburtsurkunde an.