Schüler in einer Schule in Wiesbaden
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Whiteboards und Tablets im Unterricht? Die digitale Welt ist nur in wenigen hessischen Schulen angekommen. Während Gewerkschaften dem Land die Schuld daran geben, pocht der Kultusminister auf die Eigenverantwortung der Lehrer.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Lehrer kritisieren Fortbildungen

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Angelina beugt sich konzentriert über ihr Zeichen-Pad und versucht eine Trickfigur zu zeichnen. Auf dem Stundenplan steht Kunst, die 8. Klasse der Weibelfeldschule in Dreieich arbeitet mit einem digitalen Zeichenprogramm. Die Schüler sind konzentriert bei der Sache.

Das Programm, das sie verwenden, heißt "Krita". Es ist ein 3D-Animationsprogramm und kostenfrei. Das sei wichtig, sagt die Kunstlehrerin Svenja Gerhardt. Doch die Bedienung des Programms sei ziemlich kompliziert. Eine Fortbildung dafür habe sie nicht gefunden. "Also habe ich mir alles autodidaktisch beigebracht", sagt Gerhardt. Kein Einzelfall in Sachen digitaler Unterricht.

Medieneinsatz wie im "Mittelalter"

Angelina kommt inzwischen gut voran. Allerdings ist sie in keinem anderen Fach digital unterwegs. Das bestätigt auch ihre Mitschülerin Juli: "Im PoWi-Unterricht benutzen wir manchmal Computer, um Sachen zu recherchieren, aber nicht immer." Doch die Anzahl der Computer an ihrer Schule könne sie an beiden Händen abzählen. Außerdem würde das Internet nur selten funktionieren. Wie im Mittelalter.

So greifen die Schülerinnen meistens auf das gute alte Schulbuch zurück. Schülerin Juli kritisiert, dass viele aktuelle Informationen fehlten, zum Beispiel über den Syrien-Krieg oder den neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Außerdem meint sie, dass viele Lehrer wenig Interesse daran hätten, digital zu unterrichten.

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Podiumsdiskussion zum digitalen Unterricht

hr-iNFO veranstaltet am 10. Mai, 19 Uhr mit der Heraeus-Bildungsstiftung eine Podiumsdiskussion zum digitalen Unterricht im Neue Gymnasium Rüsselsheim.

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Damit spricht die Schülerin der Weibelfeldschule das aus, was Untersuchungen wie die Telekom-Studie aus dem Jahr 2016 zeigen. Whiteboards oder Tablets werden in hessischen Klassenzimmern eher selten eingesetzt, nur knapp ein Drittel aller Lehrer nutzen sie. Hessen belegt dabei den vorletzter Platz im Bundesländervergleich. In anderen Bereichen wie etwa der IT-Austattung schneidet Hessen allerdings besser ab. 

GEW: Lehrer offen für digitalen Unterricht

Sind Hessens Lehrer digitale Muffel? Nein, sagt der Lehrer René Scheppler. Der 36-Jährige unterrichtet Deutsch und Geschichte an der Wiesbadener Helene-Lange-Schule, einer Gesamtschule. Er vertritt die Lehrer in Sachen Digitalisierung bei der Gewerkschaft GEW. Natürlich gebe es auch Totalverweigerer, sagt er, die keinen Sinn darin sehen, Unterricht digital zu gestalten. "Aber viele Lehrer sind offen. Sie wissen schlichtweg nicht, wie sie ihren Unterricht digital gestalten sollen." Ein iPad oder Whiteboard mache längst noch keinen guten Unterricht.

Viele Lehrer wünschen sich tatsächlich mehr individuelle medienpädagogische Fortbildungen, wie die Telekom-Studie ergab. Die Angebote über die hessische Lehrkräfte-Akademie, die Schulämter, die Medienzentren oder die Universitäten, empfinden sie als wenig passgenau und zu sehr konzentriert auf das Rhein-Main-Gebiet.

Ein weiteres Problem: Viele Fortbildungen fänden in gut ausgestatteten Seminarräumen statt, sagt Scheppler von der GEW. Doch viele Schulen in Hessen hätten gar kein WLAN.

Auch der hessische Vorsitzende der Gewerkschaft Bildung und Erziehung, Stefan Wesselmann, kritisiert die Bedingungen an Hessens Schulen. Medienpädagogische Fortbildungen seien eine "Dauerbaustelle". Dem Grundschullehrer fehlt ein Konzept von Seiten des Kultusministeriums. Er sieht keinen roten Faden, keine medienpädagogische Strategie.

Kultusminister Lorz setzt auf die Eigenverantwortung von Lehrern

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sieht das natürlich anders. Es gebe einen hessischen Fahrplan Richtung digitales Klassenzimmer, sagt Lorz. Schulen könnten sich zu dem Thema von der Lehrkräfte-Akademie beraten lassen und es könnten auch Berater an die Schulen kommen. Lorz verwies außerdem auf einen jährlichen Topf von drei Millionen Euro, der für die digitale Auf- und Ausrüstung an hessischen Schulen bereit stehe. Zusätzlich gebe es ein breites Fortbildungsangebot und 40 Euro pro Lehrer im Jahr zusätzlich für externe Schulungen.

Ob Lehrer sich aber für den digitalen Unterricht fit machen, ist ihnen selbst überlassen. Minister Lorz setzt dabei auf deren Eigenverantwortung.  "Ich glaube nicht, dass es der richtige Weg wäre, wenn wir jetzt sagen würden: Wir setzten jetzt von oben fest, so und so ist in Zukunft zu unterrichten." Lorz legt eher Wert auf den pädagogischen Freiraum. "Für mich ist entscheidend, dass die Lehrer damit umgehen können und deswegen lege ich so einen großen Wert aus Fort- und Weiterbildungskonzepte." Engagierte Lehrer sollten den digitalen Wandel in den Schulen vorantreiben, die Schulen sollen dabei individuelle Strategien entwickeln.

Ihre Kommentare Ohne Tablet abgehängt? Verpassen Hessens Schüler den Anschluss?

15 Kommentare

  • Ich denke die Schüler sollten erst einmal richtig lesen, schreiben und rechnen lernen. Die digitale Welt wird die Kinder früh genug einnehmen. Ein W-lan zum Beispiel an Schulen wäre der falsche weg. Den Nutzen der digitalen Welt sehe ich nicht darin das die Kinder dann in der Schule nur noch via Facebook und Co kommunizieren und an ihren Mobiltelefon hängen. Unterricht über Digitale Medien ab der 8 Klasse wäre sinnvoll. Das geht aber auch ohne w-lan.

  • Für die Ausstattung der Schulen sind die Kommunen verantwortlich. Für die finanzielle Ausstattung der Kommunen das Land. Niemand hindert allerdings das Land daran, die Schulen direkt mit geeigneter Ausstattung zu bedenken. Digitalisierung ohne geeignete Konzepte, ist allerdings auch nicht zielführend. In Hessen wird Konzept-Losigkeit halt per Delegation an die ausführende Ebene verwiesen - zusammen mit der Schuld an mangelhafter Umsetzung. Das man politisch damit durchkommt liegt auch daran, dass es eine gewisse Tradition im Lehrer-bashing gibt, schließlich durfte jeder Bürger mal als Schüler negative Erfahrungen sammeln.

  • Aha, Steinzeit also. In der Steinzeit konnten die Menschen noch Bilder auf Felsen malen - und heute? Heute kopieren wir Bilder aus dem www und fügen sie in ppt ein. In der Steinzeit konnten die Menschen essbare von giftigen Pflanzen unterscheiden - und heute? Heute werfen wir eine Zuckerpackung weg, weil das MHD überschritten ist.
    Weniger Digitalisierung und dafür mehr Denken wäre angebracht und dafür braucht man immer noch das eigene Gehirn, die restliche Technik ist beliebig austauschbar.

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