Straßenschild
Das neue Straßenschild in Marburg. Bild © Stadt Marburg

Walter Voß hatte sich um die Erhaltung Marburgs beim Einmarsch der Alliierten verdient gemacht, dafür hat ihn die Stadt mit einer Straße geehrt. Allerdings war seine Rolle während der NS-Zeit weniger rühmlich. Nun hat die Straße einen neuen Namen.

In die NSDAP trat er am 1. Mai 1933 ein, später wurde er stellvertretender Kreisamtsleiter für Kommunalpolitik der Partei. SS und NS-Fliegerkorps unterstützte er als förderndes Mitglied. Als kommissarischer Oberbürgermeister Marburgs war er für die meisten Haftbefehle gegen Sozialdemokraten und Kommunisten verantwortlich. Er wirkte an der frühen Diskriminierung und Verfolgung von Juden mit und legitimierte Aktionen der SA gegen jüdische Händler. 1944 erhielt er das Kriegsverdienstkreuz I. Klasse.

Und trotzdem benannte die Stadt Marburg wenig später einen Weg nach Walter Voß. Damit wollte sie ihrem früheren Bürgermeister (im Amt von 1927 bis 1945) für seine Verdienste um die Erhaltung der Stadt nach dem Einmarsch der Alliierten danken. Die Spruchkammer Marburg-Land hatte ihn 1947 entlastet.

Der Walter-Voß-Weg lag zwar nur am Waldrand und war nicht mal 200 Meter lang, dennoch wurde er nun zum Ärgernis für die Stadt - ein Ärgernis, das am Dienstagmittag behoben wurde. Die Straße im Stadtteil Ortenberg heißt nun Katharina-Eitel-Weg, wie die Stadt am Mittwoch mitteilte.

Anwohner nach dem neuen Namen befragt

"Die persönliche Geschichte von Walter Voß im Nationalsozialismus war keineswegs ruhmreich", sagte der jetzige Oberbürgermeister Thomas Spieß (SPD) bei der Umbenennung. Die Stadtverordnetenversammlung hatte im Juni einstimmig für den neuen Namen gestimmt. Zuvor hatte die Stadt die Anwohner befragt, wie der Weg künftig heißen solle. Am häufigsten wurde dabei Katharina Eitel genannt.

Die 2016 verstorbene Marburger Künstlerin hatte nach Angaben der Stadt selbst lange Zeit in der nun umbenannten Straße gelebt. Sie habe die gemeinnützige "Stiftung Hoffnung 13" hinterlassen, die Kindern in Kriegs- und Krisengebieten durch Bildungsprojekte helfen will. Zu Lebzeiten hatte sie sich demnach intensiv mit der deutschen Geschichte, mit Konflikten und Sehnsüchten beschäftigt. Zur jüdischen Kultur hatte sie eine besondere Nähe entwickelt.

Marburger Engagement "ungewöhnlich und bemerkenswert"

Die Umbenennung geht auf eine Studie zurück, die der Marburger Historiker Eckart Conze über die Kommunalpolitik während und nach der NS-Zeit im Auftrag der Stadt erstellt und vergangenes Jahr veröffentlicht hatte (hier zum Download). Conze sagte hessenschau.de, es sei "ungewöhnlich und bemerkenswert", mit welcher Intensität sich die Stadt um die Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit bemühe.

Ein Prozess, der übrigens noch nicht beendet ist: Conze berichtet, es gebe derzeit noch Diskussionen um den Karl-Theodor-Bleek-Platz beim Marburger Südbahnhof. Bleek hatte im Entnazifizierungsverfahren seine NSDAP-Mitgliedschaft verschwiegen. Er war von 1939 bis 1945 Stadtkämmerer von Breslau. Nach dem Krieg wurde er erster frei gewählter Oberbürgermeister Marburgs, begründete die FDP-Vorläuferpartei LDP mit und war Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung Hessens sowie des Hessischen Landtags.