Die Suche nach einem Parkplatz ist oft von Hindernissen gesäumt
Radwege gibt es, aber meistens nur, wenn das Auto nicht gestört wird. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Der Aktionstag "Mit dem Rad zur Arbeit" erinnert mich an die "Earth Hour": eine Stunde Licht aus für den Klimaschutz. Ein Zeichen, kaum mehr. Echte Anreize fürs Radfahren gibt es nur, wenn der Radverkehr in Städten wie Frankfurt endlich ernst genommen wird.

Dass man mit dem Rad zur Arbeit fahren kann, wenn man in der Nähe wohnt - statt Benzin zu verprassen, Parkplätze zu suchen und in Staus zu stehen -, darauf kann man auch alleine kommen. Viele tun das zum Glück: Die Zahl der Radfahrer steigt kontinuierlich.

In Frankfurt werden laut einem Greenpeace-Städteranking inzwischen rund 13 Prozent der Wege mit dem Rad zurückgelegt. Die Stadt mit ihren kurzen Wegen und wenigen Hügeln ist prädestiniert fürs Radfahren.

Zweifler werden so nicht überzeugt

Als regelmäßiger Radfahrer in Frankfurt merke ich, dass der Radverkehr der Stadt bewusst ist: Es gibt oft Fahrradsymbole oder Radspuren auf der Straße, Fahrradampeln, Abstellplätze, ein Radfahrbüro als Anlaufstelle. Radschnellwege werden immerhin diskutiert und geplant - auch wenn der Bau des Radwegs von Frankfurt nach Darmstadt wohl dreimal länger dauern wird als der komplette Neubau der Schiersteiner Brücke über den Rhein.

Das alles geht - wie auch der Aktionstag "Mit dem Rad zur Arbeit" - als Anstupser in die richtige Richtung. Aber Zweifler wird das nicht vom Radfahren oder anderen Auto-Alternativen überzeugen.

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Umdenken? Nein Danke.

Die Länder um uns herum schaffen schon lange unwiderstehliche Anreize zum Umsteigen auf Fahrrad oder Busse und Bahnen: Kopenhagen und Amsterdam investieren intensiv in Radverkehr auf eigenen, gut ausgebauten Wegen. Wien hat eine ÖPNV-Jahreskarte für 1 Euro pro Tag. Paris rüstet für den Radverkehr auf und verhängt Fahrverbote für Autos. London hat schon vor vielen Jahren eine Citymaut eingeführt.

Derweil regiert im deutschen Bewusstsein das Auto. Und dabei soll es allem Anschein nach auch bleiben. Der echte Wille zum Umsteigen fehlt. Und zwar bei allen Beteiligten: beim Autofahrer, bei der Autoindustrie und vor allem bei der Politik, die selbst bei den dramatischen Messergebnissen der aktuellen Euro-6-Diesel ihre schützende Hand über die Autoindustrie hält.

Schlechte Luft und Holperpisten

Diese Denke hat zur Folge, dass das Fahrrad bei der Verkehrsplanung meistens den Kürzeren zieht. An vielen wichtigen Verkehrsachsen gibt es statt gut befahrbarer Radwege plötzlich doch wieder nur die schmale Holperpiste.

Wenn ich den Frankfurter Alleenring entlang fahre, die wichtigste Ost-West-Verbindung der Stadt, spüre ich an den meisten Stellen jedenfalls keine Verkehrswende, sondern Autostaus, schlechte Luft und alte, enge Radwege.

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So fühlt sich Radfahren in Frankfurt an

Wie es einem als Radfahrer in Frankfurt ergeht, hat hessenschau.de im vergangenen Sommer im Video dokumentiert.

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Das Auto darf sich nebenan auf bis zu drei frisch sanierten Spuren austoben. Moderne Radspuren hören dagegen oft einfach auf - wie auf der Friedberger Landstraße. Und selbst bei neueren Hauptstraßen wird der Radweg manchmal noch "vergessen", zum Beispiel in der Konrad-Adenauer-Straße nahe der Konstablerwache. In den meisten anderen deutschen Städten wird die Situation ähnlich oder noch unangenehmer für Radfahrer sein.

Verkehrswende geht nicht ohne Opfer

Ohne dem Auto etwas wegzunehmen, wird sich aber nichts ändern. Und so lange kann für viele kein echter Anreiz fürs Radfahren entstehen. Autofahrer sind eine vollständige Infrastruktur gewohnt. Radfahrer leider nicht. Da hilft es auch wenig, wenn Frankfurts Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) den Radweg am Alleenring als "gut ausgebaut" bezeichnet.

Wer sich trotz Auto-Dominanz wacker auf dem Rad hält - und damit zur Entlastung der Umwelt und übrigens auch des Verkehrs beiträgt -, muss sich als Rüpelradler beschimpfen lassen und bei Kontrollaktionen Knöllchen fürs Fahren auf dem Gehweg kassieren. Fehlverhalten von Autofahrern, allen voran Falschparken auf Radwegen und an Kreuzungen, wird nach meinem Empfinden dagegen großzügig toleriert.

Rüpelradler gibt es - leider. Ihr Anteil würde aber sicher an Bedeutung verlieren, wenn sich Radfahrer insgesamt besser akzeptiert fühlen könnten und sie endlich die dafür notwendige Infrastruktur bekämen.

Ihre Kommentare Mit dem Fahrrad zur Arbeit - auch etwas für Sie?

55 Kommentare

  • Der Bericht spricht mir aus der Seele.
    Ich fahre seit langem mit dem Rad zur Arbeit. Seit letztem Jahr sind dies 28km einfach. Glücklicherweise ein Großteil davon entlang des Mains und fernab vom Autoverkehr.

  • Vermutlich würde sich nur etwas ändern, wenn die Einhaltung der Grenzwerte zur Luftreinhaltung auch einklagbar wären. Die Aktion "Mit dem Rad zur Arbeit" gibt es schon seit 12 Jahren und in der Stadt mit dem Rad zu fahren wird immer gefährlicher.

    Die "Radspuren" in den Städten nimmt kein Mensch ernst. Weder die Autofahrer, die diese Spur gerne als erweiterte Parkmöglichkeit nutzen noch die Radfahrer, die sich ohnehin nicht auf diese Spur als sichere Fahrbahn verlassen können. Von Familien, die einen Ausflug mit Kindern auf dem Rad machen möchten, will ich jetzt garnicht erst anfangen. Für mich sind diese Striche auf der Straße nur Gekritzel und bestenfalls billige Ausreden. Das hat mit Radwegen nichts zu tun.

    Die Niederländer können uns deshalb vormachen wie Radwege funktionieren, weil die keine Autoindustrie haben. Hierzulande ist das doch gar nicht gewollt, dass die Leute mit dem Rad fahren. Weder von der Politik noch von den alt Eingeschworenen, wie man hier lesen kann.

  • Klasse - endlich mal Klartext in den Medien - und nicht nur "Nice-to-have"-Geschwätz. Der Film
    vom 50 km-Weg zur Arbeit - super! Da bekommt man ja richtig Lust auf's Mitfahren - schöne Strecke.

    Kann ich den GPS-Track zu dieser Strecke bekommen? Ich würde die Strecke aus Spaß mal nachfahren. Mir wären 50 km täglich zu viel (habe mal 48 km probiert), aber 27 km Arbeitsweg per Rad hatte ich auch einige Jahre - und das hat Spaß gemacht. Da ist der Kopf bei Arbeitsbeginn so richtig durchgepustet, das ist ein ganz anderes Arbeiten als nach der lahma.. Anreise im Auto. Nur weiter so!

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