Sybille Diehl und Thomas Pfeifer von der VIAS-Krisenberatung stehen an einer U-Bahnstation in Frankfurt
Sybille Diehl und Thomas Pfeifer kümmern sich um die Opfer von Bahnsuiziden: Lokführer, die unfreiwillig zu Mittätern gemacht werden. Bild © Anikke Fischer

Sie helfen, wenn der Albtraum aller Lokführer wahr wird: Die Krisenberater von Vias sind zur Stelle, wenn sich ein Mensch vor den Zug geworfen hat. Zwei Berater der Odenwaldbahn erzählen, wie traumatisch diese Fälle für die Lokführer sind.

Bis zu fünf Suizide im Jahr verzeichnet die Odenwaldbahn auf ihrer rund 160 Kilometer langen Strecke von Frankfurt bis Michelstadt. Für viele betroffene Lokführer ist es schwer, anschließend den Schritt in die Normalität zurückzufinden. Um sie kümmert sich seit 2012 ein Krisenteam des Eisenbahnunternehmens Vias. Mitbegründer ist Lokführer und Betriebsrat Thomas Pfeifer. Er und seine Kollegin Sybille Diehl erzählen, warum Lokführer so schnell wie möglich wieder fahren müssen und warum Entschuldigungsbriefe an die Lokführer nichts bringen.

hessenschau.de: Herr Pfeifer, Sie betreuen Lokführer, die durch Todesfälle auf den Gleisen in eine Krise geraten sind. Wie kamen Sie dazu?

Thomas Pfeifer: Wegen eines Falls mit einem jungen Mann, der noch in der Ausbildung zum Lokführer war. Eine junge Frau hatte sich in Suizidabsicht auf die Gleise gelegt und wurde durch den Zug geköpft. Den Mann hat das nicht mehr losgelassen. Er hat sich gefragt, wie er das hätte verhindern können und gesagt, er könne nicht mehr fahren. Ich bin dann mehrere Wochen mit ihm mitgefahren. Aber ich habe gemerkt: Das funktioniert nicht mehr. Er hat es nicht verarbeiten können und sechs Wochen nach Ausbildungsende aufgehört. Damals habe ich die Vias Krisenberatung ins Leben gerufen.

hessenschau.de: Wann kommt die Vias-Krisenberatung zum Einsatz?

Pfeifer: Bei Unfällen und Suiziden auf den Gleisen der Odenwaldbahn. Der Zugfahrer setzt einen Notruf ab, die Transportleitung bekommt die Nachricht, dass es einen Suizid gibt. Polizei, Feuerwehr, Notfallseelsorge werden informiert und im gleichen Atemzug die Vias-Krisenberatung angerufen. Wir sind keine Seelsorger, sondern helfen Kollegen bei traumatischen Ereignissen und begleiten sie. Wenn es nötig ist, verrmitteln wir sie auch zu psychologischer Betreuung.

hessenschau.de: Ihr Team besteht aus fünf Vias-Mitarbeitern, die ehrenamtlich tätig sind. Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Sybille Diehl: Wir haben ein Notfallhandy, das 24 Stunden am Tag besetzt ist. Bei einem Anruf fahren wir direkt zu dem Unfallort. Wir haben die Aufgabe, uns um den Lokführer zu kümmern und ihn, nachdem alles abgeschlossen ist, vom Unfallort wegzubringen. Man bringt die betroffene Person nach Hause, bindet auch die Angehörigen ein und lässt sie erst einmal 24 Stunden in Ruhe. Dann nehmen wir wieder Kontakt auf und machen uns ein Bild davon, wie es ihr geht und welche Maßnahmen sie braucht.

hessenschau.de: Was sind die häufigsten Folgen für die Zugfahrer?

Diehl: Unruhe, Schlafstörungen, ein veränderter Konsum von Kaffee, Zigaretten oder Alkohol. Und Angst beim Fahren. Deswegen begleiten wir die Betroffenen auch bei ihren ersten Zugfahrten nach dem Vorfall.

hessenschau.de: Wie schnell kann ein Lokfahrer denn nach so einem Ereignis wieder fahren?

Pfeifer: Man sagt, wenn einer zehn Tage nicht fährt, wird es immer schwieriger. Wir versuchen also, spätestens drei Tagen nach so einem Vorfall die erste Fahrt zu machen. Er muss noch einmal genau an der Unfallstelle vorbeifahren, egal was es kostet. Es ist nötig, dass er es noch einmal durchlebt, damit er damit abschließen kann. Entweder er packt es, oder er packt es nicht. Wenn er es nicht schafft, müssen wir Schritte einleiten wie eine Behandlung in einer Traumaklinik und Betreuung durch einen Psychologen. Es gibt Menschen, die nur schwer zugeben können, dass sie ein Problem haben.

hessenschau.de: Kann man Lokführer auf so eine Situation vorbereiten?

Pfeifer: Wir versuchen schon in der Ausbildung darauf hinzuwirken, und den Auszubildenden klarzumachen: Passt auf Männer, jeder Unfall ist schlimm, aber beim Schienen-Suizid ist der Lokführer das Opfer. Nicht Ihr tötet den Menschen, sondern er sucht Euch aus und benutzt Euch, damit er seinen Seelenfrieden kriegt.

hessenschau.de: Wird man nicht auch wütend, wenn man durch einen Suizid mit zum Opfer gemacht wird?

Pfeifer: Man ist schon sauer darüber. Aber das ist eigentlich auch das Gute daran, dass wir für uns selber sagen können: Ich bin nicht schuld. Ich habe alles richtig gemacht, ich kann es nicht verhindern, ich bin das Opfer. Nur so kann der betroffene Lokführer das auch schnell abhaken. Die meisten können besser mit einem Suizid umgehen als mit einem Unfall. Weil ein Unfall nicht gewollt ist. Sie fragen sich, was sie hätten tun können. Aber Suizide können wir nicht verhindern. Mit einem 78 Tonnen schweren Koloss und einem Bremsweg von 1.000 Metern hat man keine Chance.

hessenschau.de: Was bleibt Lokführern in dem Moment, wenn sie den Zusammenprall nicht mehr verhindern können?

Diehl: Wichtig ist, dass die Lokführer kein Bild von der Person kriegen. In dem Moment, in dem der Zug auf den Menschen zufährt und der Lokführer weiß, dass er den Menschen trotz Notbremsung erwischen wird, raten wir ihm, an die Decke oder auf den Boden zu schauen, auch laut zu singen, damit er nichts sieht und hört. Wenn man das Gesicht der Person noch zu sehen bekommt, wird es problematisch.

hessenschau.de: Ist den Menschen bewusst, was sie den Lokführern damit antun?

Pfeifer: Ja, manche hinterlassen einen Brief und entschuldigen sich sogar beim Lokführer. Das finde ich fast noch schlimmer als jemanden, der sich kurzfristig dazu entscheidet. Die Menschen, die sich vor einen Zug werfen, haben vielleicht ein hartes Schicksal gehabt - das tut uns allen leid – aber der Lokführer ist derjenige, der es ausbaden muss. Manche Lokführer sind danach für den Rest ihres Lebens fertig.

Das Gespräch führte Anikke Fischer.

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HILFE BEI SUIZIDGEDANKEN

Falls Sie verzweifelt sind und in einer bedrückenden Lebensituationen keinen Ausweg für sich sehen: Suchen Sie sich bitte Hilfe bei anderen Menschen. Das kann ein Gespräch mit Familienangehörigen oder Freunden sein. Außerdem gibt es professionelle Beratungsangebote. Hier können Sie auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, unter der Rufnummer 0800-1110111 und 0800-1110222. Über weitere Beratungsangebote für Betroffene und Angehörige informiert die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention auf ihrer Homepage.

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