Radrennen im Rheingau
Teilnehmer des Kult-Radrennens L’Eroica im Rheingau. Bild © Paolo Martelli

30 Jahre alte Rennräder, Trikots aus den 70er Jahren: Das legendäre Radrennen L'Eroica aus der Toskana hat erstmals hierzulande stattgefunden. Für Verwirrung sorgte bei der Tour durch den Rheingau nur die Promillegrenze.

Externer Inhalt
Ende des externen Inhalts

Das Radrennen beginnt mit einem lauten Stöhnen im Starterfeld. "Es gibt heute an den Verpflegungsstationen leider keinen Wein", verkündet Veranstalter Uwe Buhrdorf kurz vor dem Start im Rheingau-Örtchen Geisenheim-Johannisberg und löst damit kurzzeitig kollektive Enttäuschung aus. "Es tut mir leid, aber wir sind hier in Deutschland."

"Don’t drink and drive" gilt hierzulande bekanntlich auch für nichtmotorisierte Fahrzeuge, Alkohol ist bei der Deutschland-Premiere der L’Eroica im Gegensatz zum Mutterrennen in der Toskana erst einmal verboten.

Baumwoll-Trikots aus den 70ern

Während in Gaiole im Chianti-Gebiet, wo 1997 die erste Auflage des etwas anderen Radrennens stattfand, zu Wasser und Bananen stets auch ein edler Tropfen gereicht wird, gibt es bei den Essens- und Getränkeausgaben an der Strecke im Rheingau hessische Spezialitäten: Rauchpeitsche, Wurstbrötchen und Äpfel aus der Region. Lediglich ein dreiköpfiges Radteam aus Bayern hat sich heimlich etwas Rotwein in die Alu-Trinkflaschen abgefüllt. "Ein Motor läuft ja auch nicht ohne Treibstoff", witzelt einer von ihnen.

Radrennen Rheingau
Die Fahrer waren mit alten Rennrädern unterwegs. Bild © Paolo Martelli

Es ist sowieso kein gewöhnliches Radrennen: Die Fahrer tragen Baumwoll-Trikots aus den 70ern und 80ern, die fahrbaren Untersätze wurden alle vor dem vom Reglement festgelegten Jahr 1987 hergestellt. Klickpedale, aufwändige Bremsanlagen oder gar Carbon-Rahmen sind verboten und gibt es hier nicht. "Ihr seid wahre Helden", ruft ein vorbeifliegender Mountainbiker beim Anblick der nostalgischen Räder. "Carbon statt Kondition", schallt es zurück.

Muskelkraft statt Technik

Denn das Fortbewegen auf den Fahrrad-Oldtimern ist echte Arbeit. Die insgesamt 75 Kilometer mit 1.324 Höhenmetern der L’Eroica Germania Ciclo Club müssen mit reiner Muskelkraft bewältigt werden. Der Name L’Eroica – die Heldenhaften – kommt also nicht von ungefähr. Doch warum tun sich die Teilnehmer, die teilweise aus England, Holland und Italien angereist sind, das überhaupt an? "Ich bin im Toskana-Urlaub auf die L’Eroica gestoßen", erzählt Walter Schöpf aus Bayern. "Da habe ich mir gedacht: Die sind total verrückt, das muss ich auch machen."

Sieben Jahre später hat der ehemalige Mountainbiker 13 Rennräder in seiner Garage und bereits an fünf Rennen in der Toskana teilgenommen. Eine Leidenschaft, die er inzwischen mit seinem Sohn, fünf weiteren Freunden und zahlreichen Rennrad-Liebhabern rund um den Globus teilt.

In Gaiole gehen inzwischen jährlich 7.000 Radfahrer an den Start. Ableger gibt es in Südafrika, den Niederlanden, Kalifornien, Uruguay, England, Spanien, Japan und nun auch in Deutschland. Verantwortlich dafür ist der gebürtige Wiesbadener Buhrdorf, den ebenfalls das Fahrrad-Fieber gepackt hat. Nach einer Teilnahme bei der L’Eroica in Italien kam er auf die Import-Idee und dann schnell auf den Austragungsort in Hessen: "Der Rheingau eignet sich dafür einfach perfekt."

L’Eroica-Gründer: "Es geht um Dolce Vita"

Und so radeln am Samstag rund 40 Unerschrockene auf nostalgischen Rädern von Johannisberg durch die Weinberge ins Wispertal und zurück. Zwei knackige Anstiege, beeindruckende Panoramen, die typischen Feldwege und ein geplatzter, aber sofort von rund 20 Ersthelfern gewechselter Reifen inklusive. Das Ziel erreicht die Gruppe, die immer zusammenbleibt, nach rund fünf Stunden. Zur Belohnung gibt es: Endlich jede Menge Weißwein des ortsansässigen Weinguts, das sowohl als Start als auch als Ziel dient.

Radrennen Rheingau
Am Schluss hieß es dann: Dolce Vita. Bild © Paolo Martelli

Das gemeinsame Anstoßen und Verweilen bei gekühlten Getränken ist mindestens genauso wichtig wie das Rennen an sich, erklärt L’Eroica-Gründer Giancarlo Brocci, der extra für das Rennen im Rheingau angereist ist. Bei der L’Eroica geht es nicht nur um Sport und Strapazen, sondern auch um "Dolce Vita", so der Italiener.

"Espresso, Wein, gutes Essen. Wir lieben das Leben und das Fahrradfahren", sagt er. "Gucken Sie sich die Tour de France an. Chris Froome gewinnt und trinkt in Paris nur einen kleinen Schluck Champagner, weil er Angst um seinen Körper hat. So etwas würde es bei uns nie geben." Die promillefreien Verpflegungsstationen hat er da wohl schon wieder vergessen.