Collage aus einem Bild von Rechtsmediziner Verhoff und dem Bild einer Leichenhalle
Rechtsmediziner Marcel Verhoff kritisiert seit langem ungenaue Leichenschauen. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv) (Collage hessenschau.de)

In Deutschland bleiben nach Schätzungen etwa 1.000 Mordfälle pro Jahr unentdeckt, weil Leichen nicht sorgfältig untersucht werden. In Frankfurt wollen Rechtsmediziner jetzt genauer hinschauen.

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zum Video Frankfurts Rechtsmediziner starten Pilotprojekt

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Es ist ein Mord, der fast unentdeckt geblieben wäre. Doch kurz bevor die Leiche im Krematorium verbrannt werden soll, entdeckt Rechtsmediziner Marcel Verhoff bei der zweiten Leichenschau ein kleines Pflaster - darunter ist eine tiefe, tödliche Stichwunde versteckt. Ein eindrückliches Beispiel, das Verhoff immer wieder erzählt, um zu verdeutlichen, wie mangelhaft die Leichenschau durch den Arzt oftmals durchgeführt wird. Viele Verbrechen bleiben so unentdeckt, weil auf dem Totenschein "natürlicher Tod" angekreuzt ist.

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Verschiedenes rechtsmedizinisches Besteck auf Ablage

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Leichenschau soll professioneller werden

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Frankfurt will diesen Missstand nun bekämpfen, in dem die Leichenschau in Zukunft deutlich öfter von Rechtsmedizinern durchgeführt wird. Am Freitag stellte Verhoff zusammen mit Vertretern der Stadt, des Polizeipräsidiums Frankfurt und des Universitätsklinikums ein Pilotprojekt vor, das am 1. Januar gestartet ist und ein Jahr lang laufen soll.

Neun Stunden Wartezeit

Pro Jahr gibt es etwa 7.000 Todesfälle in Frankfurt, im vergangenen Jahr wurde bei 935 davon die Polizei hinzugerufen, zum Beispiel durch den Finder der Leiche oder den Notarzt. Die Polizei muss in diesen Fällen einen Arzt verständigen, der die Todesursache feststellt. Im Schnitt dauerte es zwei Stunden, bis ein Mediziner vor Ort war. In extremen Fällen warteten die Beamten bis zu neun Stunden am möglichen Tatort.

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Leichenschau

Vor der Bestattung muss bei jedem Verstorbenen eine Leichenschau durchgeführt werden. Das gibt das hessische Friedhofs- und Bestattungsgesetz vor. In der Regel machen das Hausärzte oder die Ärzte im Krankenhaus. Die Leiche muss dabei entkleidet und genau untersucht werden. Haben die Ärzte Zweifel an einem natürlichen Tod, müssen sie die Polizei verständigen.

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"Wenn man das hochrechnet, kommt man auf eine Wartezeit von 1.700 Stunden", erklärt Polizeipräsident Gerhard Bereswill. Rechnerisch verbringe damit ein Beamter ein ganzes Jahr mit warten. Dazu kommt die mangelnde Qualität der Leichenschau, da oft Ärzte mit keiner oder wenig Erfahrung in der Leichenschau gerufen werden müssten, so Bereswill. Fand sich gar kein Mediziner, musste das Gesundheitsamt die Aufgabe übernehmen.

Mehr Leichenschauen durch Rechtsmediziner

Mit dem Pilotprojekt will die Stadt Frankfurt langen Wartezeiten und unprofessionell durchgeführten Leichenschauen entgegenwirken. Das Besondere: In den Fällen, in denen die Polizei hinzugerufen wird, übernimmt tagsüber jetzt ein Rechtsmediziner die Leichenschau. Dafür wurde eigens am Institut für Rechtsmedizin ein Experte eingestellt, der ausschließlich diese Fälle untersucht.

Zitat
„"Das Projekt ist im Prinzip zum Erfolg verdammt"“ Zitat von René Gottschalk, Gesundheitsamt
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"Das Projekt ist im Prinzip zum Erfolg verdammt," ist sich der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, René Gottschalk sicher. Ein Rechtsmediziner könne die Leichenschau ganz anders durchführen, da er mehr Erfahrung habe und einen geschulten Blick.

Das Projekt soll ein Jahr lang laufen, danach wird ausgewertet, ob die Qualität der Leichenschauen verbessert werden konnte. "Dann werden wir mit den Verantwortlichen über die Ergebnisse und die Finanzen sprechen", sagte der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne). Die Stadt hat für das Pilotprojekt 100.000 Euro zur Verfügung gestellt.

Seit Jahren in der Kritik

Rechtsmediziner und Polizei kritisieren seit langem bundesweit eine zu hohe Zahl an fehlerhaften Totenscheinen und oberflächlichen Leichenschauen. Experten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Rostock untersuchten in einer Studie 10.000 Todesbescheinigungen: Davon waren lediglich 223 fehlerfrei, 44 Mal wurde fälschlicherweise ein natürlicher Tod festgestellt.

Auch der Frankfurter Rechtsmediziner Verhoff schließt sich dieser Kritik an: "Dass wir zu wenig obduzieren in Deutschland, ist völlig klar." Das Projekt der Stadt Frankfurt zielt allerdings nur auf die Verbesserung eines bestimmten Teils der Todesfälle ab. Ist die Polizei nicht vor Ort, soll weiterhin der Hausarzt die Leichenschau übernehmen.

[Anm. der Red., 16.01.2017: Frankfurt ist anders als von der Stadt berichtet nicht die erste Kommune in Deutschland, in der die Polizei bei einem Leichenfund direkt Rechtsmediziner alarmiert. In Leipzig gebe es das Modell schon seit Jahrzehnten, teilten die dortige Polizei und ein Rechtsmediziner am Dienstag mit. In Bremen wird seit August jeder Gestorbene von einem ausgebildeten Leichenarzt begutachtet. Wir haben die entsprechenden Passagen gestrichen.]