Kathrin Wesolowski Selbstversuch
Kathrin Wesolowski im Julie-Roger-Haus. Bild © hessenschau.de

Die Altenpflege wird immer wichtiger in unserer alternden Gesellschaft. Gleichzeitig hat der Beruf ein schlechtes Image. Unsere Reporterin hilft eine Woche lang in einem Frankfurter Heim mit. Hier berichtet sie von ihrem ersten Tag, der ganz anders war als erwartet.

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Darum mache ich den Selbstversuch

Die Altenpflege hat ein schlechtes Image. Viele Menschen stellen sich die Arbeitsbedingungen eines Altenpflegers unattraktiv vor: körperlich anstrengend, unterbezahlt und mit unflexiblen Arbeitszeiten. Es gibt viel zu wenige Pfleger.

Aber wie hart und stressig ist die Arbeit eines Altenpflegers wirklich? Welche schönen Seiten hat der Beruf? Das möchte ich in einem Selbstversuch im Julie-Roger-Haus in Frankfurt herausfinden. Fünf Tage lang werde ich dort als Pflegehelferin mitarbeiten.

Mein erster Tag

Am Morgen des ersten Tages bin ich natürlich etwas aufgeregt. Wie werden die Senioren auf mich reagieren? Und wie werde ich darauf reagieren, mir unbekannte ältere Menschen nackt zu sehen und bei der intimen Körperpflege zu beobachten? Dass ich an meinem allerersten Tag einen Pflegeheimbewohner selbst wasche, darf ich als ungelernte Hilfskraft natürlich nicht. Aber allein das Zuschauen fällt nicht jedem leicht.

Unterwegs mit Franziska Fernau, die im Julie-Roger-Haus eine Ausbildung zur Altenpflegerin macht, löst sich meine Anspannung. "Hier laufen die Uhren langsamer", sagt sie und lächelt. Sie ist ganz entspannt und mag ihren Beruf offensichtlich. Sie plaudert mit den Senioren, bezeichnet Rollatoren scherzhaft als Ferraris und lässt sich bei der Pflege Zeit.

Ein Teil der Pflege ist das Wechseln der Einlagen. Ich beobachte die Reinigung des Intimbereichs einer Bewohnerin und fühle mich etwas unwohl. Nicht wegen des Anblicks oder des strengen Geruchs, sondern weil ich in die Intimsphäre eines Menschen eintrete, ohne dass er selbst darüber entscheiden kann. Ich stelle mir vor, wie viele Praktikanten und Pfleger diese Frau schon nackt gesehen haben, und frage mich, ob sie das wirklich in Ordnung findet.

Ich selbst gewöhne mich schnell an den Anblick nackter älterer Menschen. Dieser Teil der Arbeit macht auch nicht die Hauptsache bei der Pflege aus. Viel wichtiger scheinen mir die kurzen Gespräche der Pfleger mit den Senioren zu sein, die dankbar lächeln, wenn wir ihnen geholfen haben.

Ab und zu helfe ich an meinem ersten Tag im Heim dabei, die Senioren zu stützen. Ich merke, dass es körperlich wirklich anstrengend ist. Viele Senioren haben keine Kraft, ihre Muskeln sind größtenteils abgebaut. Umso größer das Gewicht, das allein auf dem Pfleger lastet.

Das hat mich überrascht

Die Pflege ist - zumindest an diesem Tag, in diesem Heim - viel entspannter und weniger zeitaufwendig, als ich gedacht hätte. Für 33 Bewohner sind hier fünf Altenpfleger und Altenpflegehelfer zuständig. Innerhalb von etwa drei Stunden sind Franziska Fernau und ich fertig mit den Bewohnern, die uns zugeteilt sind.

Einige von ihnen können selbst aufstehen, sich anziehen und auf die Toilette gehen. Von neun Bewohnern müssen wir nur vier pflegen. Nach den drei Stunden Pflege ist es sehr entspannt: Wir können eine lange Pause einlegen und müssen anschließend nur noch aufschreiben, was wir gemacht haben, und die Übergabe an die Spätschicht vorbereiten.

Das hat mich erschreckt

Ein Bewohner klagt am Vormittag plötzlich über starke Rücken- und Kopfschmerzen, hat kalten Schweiß auf der Stirn und einen hohen Blutdruck. Plötzlich sind alle Pfleger in Alarmbereitschaft. Der Verdacht auf einen Schlaganfall macht die Runde. Ein Notarzt bringt ihn ins Krankenhaus.

Ich bekomme alles zwar nur als Zuhörerin und Zuschauerin mit, den Mann habe ich selbst nicht gesehen. Dennoch frage ich mich, wie ich reagieren würde, wenn ausgerechnet am ersten Tag meines Selbstversuchs ein Bewohner sterben würde. Auch wenn ich den Bewohner gar nicht kenne: Ich werde traurig bei dem Gedanken.

Glücklicherweise kommt der Mann nach drei Stunden wieder. Er hatte nur erhöhten Blutdruck, sonst alles gut.

Ein besonderer Moment

Franziska Fernau und ich begleiten einen älteren, gebrechlichen Bewohner mit seinem Rollator auf dem Weg zum Speisesaal. Er ist heute allerdings so schwach, dass er sich zwischendurch auf eine Couch setzen muss. Da kommt uns eine ältere, offenbar demente Frau entgegen, die sich über ihn lustig macht. "Also, ich kann das alles alleine", sagt sie hämisch, während der Mann nichts sagt und offensichtlich traurig ist, dass er körperlich so abgebaut hat.

Einige Sekunden später schaut die Frau mich plötzlich eindringlicher an, lächelt, küsst ihren Zeige- und Mittelfinger und drückt mir die Schulter, als würden wir uns sehr nahe stehen. Dieser Wechsel von ihrem unfreundlichen Verhalten zu einer Art Vertrautheit ist merkwürdig, aber auch irgendwie berührend.

Täglich können Sie auf Instagram Stories meinen Tag im Pflegeheim verfolgen. Jeden Abend ziehe ich Zwischenbilanz auf hessenschau.de.