"Euthansie"-Opfer Helga Ortlepp. Die qualmenden Schlote der Tötunganstalt.
"Nicht vorzeigbare Opfer": "Helga Ortlepp war eine von 15.000 "Euthanasie"-Ermordeten in Hadamar. Weithin sichtbar stieg damals der Rauch der Verbrennungsöfen in den Himmel. Bild © Puschmann/Gedenkstätte Hadamar

In Hadamar brachten Nazi-Ärzte und Pfleger 15.000 Menschen um. Nun fragen immer mehr Angehörige nach dem Schicksal der Opfer. Warum erst jetzt? Die Antwort offenbart bittere Wahrheiten.

Für den Termin beim Fotografen haben sie das Kind in einen Matrosenanzug gesteckt. Mit geneigtem Kopf, eine Spange hält das gescheitelte Haar, schaut die Kleine in die Kamera. Sie wirkt ein wenig verlassen. Oder kommt das nur denen so vor, die das Ende der Geschichte kennen?

"Das ist die Helga. War sie nicht bildhübsch? Sie hatte so was Exotisches", sagt Gisela Puschmann und zeigt auf das Matrosenmädchen. Anfang 1941 starb Helga Ortlepp im Alter von 17 Jahren in der Landesheilanstalt in Hadamar. Dass ihre Tante dort ermordet wurde, in einer als Duschraum getarnten Gaskammer, hat die 63 Jahre alte Puschmann erst spät erfahren.

Unter der schwarzen Wolke

Jahrzehntelang gab es nur einen Verdacht. Die Frankfurter Anwältin fasste sich ein Herz, wandte sich an die Hadamarer Gedenkstätte und erhielt so Gewissheit über das, was "wie eine schwarze Wolke über unserer Familie hing". Wie zuvor Puschmann nahmen im vergangenen Jahr 182 Angehörige Kontakt mit der Gedenkstätte auf. Im zu Ende gehenden Jahr 2016 werden es kaum weniger gewesen sein; die Bilanz steht noch aus. Was zunächst nicht viel zu sein scheint angesichts der nahezu 15.000 Ermordeten, belegt doch eine bemerkenswerte Entwicklung.

Ein dreiviertel Jahrhundert trennt uns schon von den Verbrechen, die Verwaltungsdirektoren, Ärzte und Pfleger - als "Euthanasie" und "Gnadentod" beschönigt - an Psychiatrie-Patienten begingen. Und mehr Menschen als früher offenbaren Interesse am Schicksal der Opfer. Nicht nur die Zahl der Besucher in der Hadamarer Gedenkstätte stieg seit 2011 kontinuierlich an, von knapp 14.000 auf mehr als 19.000 pro Jahr. Die Gedenkstätte registriert nach eigenen Angaben auch, dass sich bei ihr deutlich mehr Wissenschaftler melden als früher - und mehr Verwandte von Opfern.

Wahrheit auf dem Dachboden

Ihre Briefe, Mails und Anrufe landen bei Claudia Schaaf. Eine Frau aus Polen erkundigt sich: Den Großvater töteten die Nazi-Mediziner in Hadamar. Auch eine russische Anfrage ist dabei. Die allermeisten aber kommen aus dem Bundesgebiet. "Manche wissen wenig. Andere suchen Bestätigung oder forschen nach Details. Es ist vor allem die Enkel- und Urenkelgeneration, die nun wissen will, was war", sagt die Gedenkstätten-Mitarbeiterin, eine studierte Kulturwissenschaftlerin.

Weitere Informationen

Vergast und totgespritzt

Die Heil und Pflegeanstalt Hadamar war eine von sechs "Euthanasie"-Tötungsanstalten der Nazis. Von Berlin aus organisiert starben allein 1941 bei der Aktion "T4" mehr als 10.000 psychisch kranke und behinderte Menschen in der Gaskammer der Klinik durch Kohlenmonoxid. Bis kurz vor Kriegsende 1945 tötete das Klinikpersonal noch einmal 4.500 Menschen mit Medikamenten oder durch Mangelernährung. Unter den Opfern waren nun auch Zwangsarbeiter und deren Kinder, "halbjüdische" Kinder aus Heimen, traumatisierte Überlebende der Bombenangriffe und auch psychisch kranke SS-Männer und Wehrmachtssoldaten.

Ende der weiteren Informationen

Erst jetzt gibt mancher Dachboden preis, woran so lange nicht gerührt wurde. "Es ist gar nicht so selten, dass Angehörige bei Haushaltsauflösungen auf Hinweise stoßen", lautet Schaafs Erfahrung. Also bemüht sich die Expertin gemeinsam mit Kollegen um Klarheit, schaut in die Opferdatenbank oder ins hauseigene Archiv mit den 7.000 Akten. Nicht selten zeigt die Recherche: Nach Hadamar führt keine Spur. Ist es anders, nimmt Schaaf die Angehörigen auf Wunsch auch mit in den Keller unter ihrem Büro.

Eine schmale Treppe führt hinab. Nach wenigen Schritten links ein gekachelter Raum, die Gaskammer. Hier starben allein in der ersten Mordphase 1941 in nur acht Monaten an die 10.000 Patienten. Kinder und Alte, Männer und Frauen, Kranke, Behinderte und Menschen in Lebenskrisen. Mit grauen Bussen wurden sie aus anderen Kliniken nach Hadamar gekarrt, gleich nach der Ankunft dem Arzt vorgeführt, ins Gas geschickt und in einem von zwei Öfen verbrannt. In der Kleinstadt mit Renaissance-Schloss im Westerwald wussten alle, warum die Schornsteine oben auf dem Mönchsberg pausenlos qualmten.

Erinnerungen an Wotan, nicht an Helga

Eine der ersten, die so endeten, war Helga Ortlepp. "Die müssen das gewusst haben. Aber sie war offensichtlich nicht einmal wert, erwähnt zu werden", sagt Gisela Puschmann.  "Die", damit meint die Frankfurterin ihre Familie, den Vater vor allem. Von Lieblingsschäferhund Wotan hatte der Kriegsteilnehmer dutzendweise Bilder in seinen Alben, über den an der Front gefallenen Onkel sprach man daheim oft und gerne. An Helga erinnerte nichts und niemand.

Gedenkstelle Hadamar Keller
Der Keller der Tötungsanstalt heute: Gaskammer, Sektionsraum und der Platz, an dem das Krematorium (v.l.) stand. Bild © Gedenkstätte Hadamar (2), picture-alliance/dpa

"Meine Tante ist zweimal getötet worden. Erst vergast, dann totgeschwiegen", sagt Puschmann. Noch immer weiß sie nicht, aufgrund welcher Diagnose die 17-Jährige ermordet wurde. Helga habe seit einem Sturz mit dem Fahrrad epileptische Anfälle gehabt, hieß es einmal.

Empörende Gnade

Sprachlosigkeit herrschte bis in unsere Zeit hinein bei vielen Familien, wenn nicht zuhause, dann doch nach außen. Manchmal wird es auch Ahnungslosigkeit gewesen sein. Überlebende der "Euthanasie" gab es kaum, in Hadamar waren es wohl nicht einmal 250. Die Täter verschleierten ihre Taten, logen in Briefen an Familien, fälschten Akten und auch die Sterbeurkunden.

Und wer später Fragen stellte, musste nach Antworten lange suchen. Patientenakten verbrannten in den Trümmern Berlins oder verstaubten in einem Keller der Klinik, die nach dem Krieg als Psychiatrie des Landeswohlfahrtsverbands weitergeführt wurde. Erst 1983 nahm die Gedenkstätte die Arbeit auf, mehr als zwei Jahrzehnte später, 2006, war eine Datenbank mit Informationen über fast alle Ermordeten fertig.

Weitere Informationen

Massenmord, Begnadigung, Pharmabranche

Zwei Pfleger und der Verwaltungschef der Hadamarer Heilanstalt wurden nach Kriegsende von der US-Militärjustiz wegen der Morde an Zwangsarbeitern als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet. Die deutsche Justiz ging mit anderen Mördern gnädiger um, wie der Fall von Hans Bodo Gorgaß zeigt. In seiner Zeit als "Vergasungsarzt" starben in Hadamar mehr als 4.100 Menschen. Zunächst zum Tode verurteilt, erhielt er später lebenslang, dann 15 Jahre Gefängnis. Dank einer Begnadigung durch Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn (SPD) kam Gorgaß 1958 vorzeitig frei. Der überzeugte Anhänger der NS-Ideologie von der "Rassenhygiene" fand Anstellung als Wissenschaftler in einem Pharmaunternehmen und starb 1993 im Alter von 84 Jahren.

Ende der weiteren Informationen

Das allein erklärt die Zurückhaltung vieler Angehöriger nicht. Die späte, von Widerständen begleitete historische Aufarbeitung, ein in mehr als einem Fall empörend gnädiger Umgang mit Tätern in der Nachkriegszeit, die Verweigerung von staatlichen Entschädigungszahlungen - Familien führte die Bundesrepublik lange vor Augen: Ihre Toten waren Opfer dritter Klasse. Manchmal sogar zuhause "totgeschwiegen", wie es Gisela Puschmann erfahren hat. In jedem Fall gesellschaftspolitisch "nicht vorzeigbar", wie es Andreas Hechler nennt, dessen Urgroßmutter Emilie Rau in Hadamar getötet wurde.

Erinnerung an Helga Ortlepp, Gedenkstättenleiter Schulte
"Niedertracht von Fanatismus": Erinnerung an Helga Ortlepp, Gedenkstättenleiter Jan Erik Schulte im Archiv. Bild © Puschmann/hessenschau.de

Wie das Unheil der "Euthanasie" nach dem Krieg generationsübergreifend fortwirkte, führt Hechler in einer bitteren Gesellschafts- und Familienstudie vor. Titel: "Diagnosen von Gewicht. Innerfamiliäre Folgen der Ermordung meiner als 'lebensunwert' diagnostizierten Urgroßmutter". Sie zeigt nicht nur, wie der Rassenhygiene-Wahn der Nazis Menschen zu Ballast für Volkswirtschaft und Genpool einer vermeintlichen Herrenrasse erklärte. Das dahinter stehende Menschenbild ("gesund, normal, nützlich") vergiftete bis in die Gegenwart auch das Leben von Nachkommen. Sie sahen sich dem Verdacht ausgesetzt, vielleicht selbst "irre" zu sein. Deshalb mussten sie sich vor "sozialer Ächtung und Diskriminierung" schützen, wie Hechler sagt.

Ein Stigma für die Nachkommen

"Manche mögen die Behinderung eines Verwandten als Makel empfunden haben. Jedenfalls wurden lange Zeit psychische Erkrankungen als Erbkrankheit gedeutet. Damit war auch für die Angehörigen eine Stigmatisierung verbunden", sagt Gedenkstättenleiter Jan Erik Schulte. Inzwischen macht sich nach Überzeugung des Historikers aber "ein gewandeltes gesellschaftliches Klima gegenüber Menschen mit Behinderung" bemerkbar. Ein Wandel, der vor etwa einem Jahrzehnt einsetzte. "Vorher gab es kaum Angehörigenfragen." Die Entwicklung erleichtert Nachkommen der dritten und vierten Generation zu artikulieren, was ihre Mütter und Väter, Großväter und Großmütter so oft für sich behielten: schmerzliche Fragen - und Ansprüche.

Dazu passt, dass die Opfer erst seit wenigen Wochen im offiziellen Gedenken einen Namen haben. Einzelfälle schilderte die Gedenkstätte bis zum November auch in ihrer Dauerausstellung nur anonymisiert, mit abgekürztem Nachnamen. Das lag nicht nur an generellen datenschutzrechtlichen Vorbehalten, wie Historiker Schulte zu bedenken gibt: "Anfangs waren auch Angehörige für eine Anonymisierung. In den letzten Jahren kam allerdings gerade von Angehörigen der Opfer die Forderung, die vollständigen Namen zu nennen."

Die Sterbeurkunde lügt noch immer

Urenkel Hechler hat die Anonymisierung stets als Zementierung "des Verdeckens, Versteckens und Tabuisierens" kritisiert. Auch was Nichte Puschmann davon hielt, konnten viele nachlesen: Am 75. Todestag ihrer Tante erinnerte die Frankfurter Anwältin Zeitungsleser im Rhein-Main-Gebiet nicht zum ersten Mal an das Schicksal der Tante. "Helga Ortlepp. Geboren am 5.8. 1923. Am 30.1.1941 von den Nazis in der Gaskammer von Hadamar ermordet", hieß es in der Gedenkanzeige. "Meine Tante hat mit ihrem Namen auch ihre Würde zurück", sagt Puschmann.

Erledigt ist damit nichts. Die amtliche Sterbeurkunde zum Beispiel. Sie konserviert bis heute die Nazi-Lüge vom natürlichen Tod, den Helga Ortlepp mit 17 in Hadamar gestorben sei. "Das lasse ich ändern. Damit das auch seine Richtigkeit hat", sagt Anwältin Puschmann. Auf das Amtsgericht Limburg kommt ein Antrag zu: auf Wahrheit nach 75 Jahren.