Lebensmittelausgabe der Tafeln
Essen für Arme: Der Großteil der Bedürftigen, die in Offenbach zu den Tafeln kommen, sind ältere Menschen. Bild © picture-alliance/dpa

Viele ältere Menschen in Offenbach leben in Armut - mehr als irgendwo sonst in Deutschland. Auch in Frankfurt, Kassel und Wiesbaden ist die Armutsquote überdurchschnittlich. Furcht vor Altersarmut hat fast jeder dritte Deutsche, wie der neue ARD-Rentenreport zeigt.

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Hunderte Menschen kommen jede Woche in Offenbach zur Lebensmittelausgabe der Tafel. "Es ist sehr schlimm, und es wird immer schlimmer in Offenbach", sagt Christine Sparr. Seit elf Jahren arbeitet sie ehrenamtlich bei den Tafeln und verteilt Essen. Zwischen 200 und 250 Menschen kommen an einem Tag, der größte Teil sind Senioren, sagt Sparr. Mittlerweile machen die älteren Menschen 80 Prozent aus bei den Bedürftigen, schätzt sie. "Die Menschen schämen sich sehr, aber sie kommen trotzdem."

Offenbach hat die ärmsten Rentner

Deutschlandweit ist die Altersarmut in Offenbach am höchsten: 8,6 Prozent der Menschen über 65 Jahre sind arm, das heißt, sie beziehen Grundsicherung, weil sie von ihrer Rente nicht leben können. Bei der reichen Nachbarstadt Frankfurt sieht es kaum besser aus, mit 8,55 Prozent kommt Frankfurt deutschlandweit in der Statistik der Altersarmut auf Platz zwei. Unter den Top 10 sind auch Kassel und Wiesbaden. Der Bundesdurchschnitt liegt bei drei Prozent.

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Die Zahlen erfassen allerdings nur jene , die auch Grundsicherung beantragt haben. Sozialverbände schätzen, dass sogar dreimal so viele Rentner anspruchsberechtigt wären, aber ihre Ansprüche nicht wahrnehmen. Sparr von der Tafel in Offenbach macht die Erfahrung, dass viele aus Scham erst gar nicht um Hilfe vom Amt bitten. Diejenigen, die Lebensmittel abholen, müssen nachweisen, dass sie kein Geld haben, um sich selbst zu versorgen.

ARD-Rentenreport: Jeder Dritte rechnet mit Altersarmut

Fest steht: Zumindest die gefühlte Armut in Deutschland ist unter den Älteren noch einmal ein ganzes Stück größer. Für die hr-Dokumentation "Der Rentenreport", die das Erste am Montag um 22.45 Uhr ausstrahlt, befragte das Institut infratest dimap in einer repräsentativen Umfrage bundesweit Menschen zum Thema Altersarmut. 15 Prozent der aktuellen Rentner und Pensionäre gaben demnach an, dass sie arm sind.

Das sind fünfmal so viele wie in der offiziellen Statistik. Die Umfrage ergab auch, dass jeder Dritte (37%), der noch gar nicht in Rente ist, jetzt schon damit rechnet, später von Altersarmut betroffen zu sein.

Arm trotz Arbeit

Für viele Berufe ist diese Befürchtung nach den Recherchen des hr auch nicht unbegründet: Bei rund 50 Berufen wie Sicherheitspersonal oder Friseuren reichen selbst 45 Jahre Vollzeitarbeit noch nicht aus, um später mal eine Rente über dem Grundsicherungsniveau zu bekommen. Wer demzufolge in den alten Bundesländern unter einem monatlichen Brutto-Einkommen von rund 1.850 Euro liegt, rutscht mit seiner Netto-Rente später unter das Sozialhilfeniveau.

Armutsgefährdet sind nach hr-Recherchen sogar 170 Berufe, bei denen das Einkommen nicht für eine gesetzliche Rente über der Armutsgefährdungsquote reicht - zum Beispiel Kassiererinnen oder Zahnarzthelferinnen mit einem mittleren monatlichen Brutto-Einkommen von unter 2.400 Euro. Mehr zu den Datenrecherchen des ARD-Rentenreports erfahren Sie hier.

Weitere Informationen

Wann ist jemand arm?

Das Statistische Bundesamt geht aktuell davon aus, dass 19,7 Prozent der Menschen in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind, das sind rund 16 Millionen Menschen. Als armutsgefährdet gilt eine Person, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. Der Wert lag 2016 für eine alleinlebende Person bei 1.064 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.234 Euro im Monat.

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Nachfrage an Tafeln wächst täglich

Der Grundsicherungsbedarf orientiert sich immer auch an den regionalen Lebenshaltungskosten. Altersarmut ist daher besonders in den Großstädten ein Problem, vor allem dort, wo die Mieten hoch sind. Gebrochene Erwerbsbiografien, Arbeitslosigkeit oder Beschäftigung in schlecht bezahlten Jobs wie Leiharbeit und Minijobs sind weitere Gründe für die spätere Altersarmut, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung jüngst aufzeigte. Gerade auch Städte mit einem hohen Anteil an Migranten sind von Altersarmut betroffen - so wie in Offenbach.

Tafel-Mitarbeiterin Sparr erklärt es sich so: Offenbach war Arbeiterstadt. Als die Arbeitsplätze verschwanden, seien die Menschen geblieben. Viele Frauen seien im Alter betroffen, weil sie sich lange Zeit, statt zu arbeiten, um die Kinder kümmerten. Wenn dann eine Scheidung folgte oder der Ehemann starb, gerieten die Frauen in die Armutsfalle - und landen bei der Tafel.

Dort sieht Sparr jeden Tag die Not der Menschen, die nicht wissen, wovon sie ihr Essen bezahlen sollen. Die Tafel teilt an zwei Tagen in der Woche Lebensmittel aus, Pfarrer Hans Blamm von der Mariengemeinde an weiteren drei Tagen. So sei sichergestellt, dass Menschen sich an fünf Tagen in der Woche versorgen können. Jedes Mal gebe es 10 bis 15 Neuanmeldungen, sagt Sparr.

Für die Tafeln in Frankfurt sei die Situation ähnlich schlimm wie in Offenbach, sagt Sparr. Dass die Nachbarstadt reicher ist, schützt nicht vor der Altersarmut.