Die Bait-ul-Wahid Moschee in Hanau lud zum Tag der Offenen Moschee Besucher ein - der Politikwissenschaftler Mimoun Azizi
Die Bait-ul-Wahid Moschee in Hanau lädt zum Tag der Offenen Moschee Besucher ein - der Politikwissenschaftler Mimoun Azizi Bild © picture-alliance/dpa - privat

Der Frankfurter Psychiater und Politikwissenschaftler Mimoun Azizi kämpft mit anderen liberalen Muslimen für einen weltoffenen Islam. Im Gespräch entwirft er das Bild von einem friedvollen Islam, der die Gleichberechtigung von Mann und Frau vertritt und in dem auch Homosexuelle akzeptiert werden.

Vor wenigen Tagen hat der in Frankfurt lebende Psychiater und Politikwissenschaftler Mimoun Azizi die  Freiburger Deklaration unterzeichnet. Darin rufen liberale Muslime zu grundlegenden Reformen des Islam auf. "Wir träumen von einer muslimischen Gemeinschaft, die Frieden, Toleranz und Nächstenliebe predigt und lebt", heißt es in dem Text. Die Unterzeichner mahnen die Gleichberechtigung der Geschlechter an und fordern ein "Aufklärungsprogramm" innerhalb der muslimischen Gemeinschaft. Unter den Unterzeichnern sind auch die Islamkritikerinnen Necla Kelek und Seyran Ates sowie die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün. hessenschau.de sprach mit Mimoun Azizi.

hessenschau.de: Was wollen Sie als liberale Muslime bewirken?

Mimoun Azizi: Ich will zunächst an einem aktuellen Beispiel aus Hessen zeigen, was im Moment falsch läuft beim Thema Islam. Wie durch Recherchen von hr-iNFO heraus kam, hat der Deutsch-Islamische Vereinsverband Rhein-Main (DIV) Gelder vom Bundesfamilienministerium bekommen, um Jugendliche vor der Radikalisierung zu schützen. Dabei steht der DIV zum Teil selbst unter dem Einfluss von Muslimbrüdern und Salafisten.

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3. Oktober: Tag der Offenen Moschee

Um persönliche Begegnungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen ging es am Montag beim Tag der Offenen Moschee, an dem sich bundesweit rund 1.000 islamische Gebetshäuser beteiligten. Auch in Hessen waren Moscheen geöffnet, darunter die Bait-ul-Wahid Moschee in Hanau, eine der größten in dem Bundesland.

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Das zeigt, wie weit sich inzwischen solche extrem konservative bis fundamentalistische Strömungen als Repräsentanten des Islam etabliert haben. Wir von der Freiburger Deklaration wollen dem einen weltoffenen, liberalen Islam entgegensetzen, der auch in der Lage ist, sich mit sich selbst kritisch auseinander zu setzen.

hessenschau.de: Was wollen Sie konkret erreichen?

Zitat
„Wir träumen von einer Islamreform. Von einer Aufklärung, aus der eine muslimische Gemeinschaft erwächst, die sich als integralen Bestandteil der europäischen Gesellschaft sehen will.“ Zitat von Freiburger Deklaration
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Mimoun Azizi: Wir wollen eine Alternative aufzeigen. Wir wollen zeigen, dass es Muslime gibt, für die Religion Privatsache ist. Wir gehen davon aus, dass achtzig Prozent der Muslime in Deutschland sich nicht durch DITIB oder den Zentralrat der Muslime in Deutschland repräsentiert fühlen. Und wir wollen der deutschen Gesellschaft zeigen, dass der Islam sehr wohl in Deutschland zuhause sein kann, dass er sehr wohl friedlich ist, dass er Homosexuelle akzeptiert, dass er sehr wohl in der Frage von Schwangerschaftsabbrüchen einen liberalen Standpunkt vertreten kann oder dass er bei der Jugendarbeit auf Selbstbestimmung junger Menschen statt auf autoritäre Bevormundung ankommt.

hessenschau.de: Wie wollen Sie diese Ziele erreichen?

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zum Video Tag der offenen Moschee - Mimoun Azizi im Interview

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Mimoun Azizi: Wir wollen erreichen, dass bestimmte Einrichtungen und Politiker auf Ebene der Kommunen, der Länder oder des Bundes mit uns reden und ihnen zeigen, dass sie andere Ansprechpartner haben. Sie sollen uns als Gegenbewegung zu den konservativen Verbänden wahrnehmen. Wir wollen zeigen, dass der Islam nicht nur Radikalismus ist, er ist nicht nur "Islamischer Staat", er ist nicht nur Burka oder Burkini. Wir wollen neugierig machen, dass möglichst viele sagen: schauen wir mal, was es an anderen Positionen im Islam gibt.

hessenschau.de: Organisationen wie DITIB werfen liberalen Muslimen wie Ihnen vor, ein Zerrbild von Muslimen in Deutschland zu zeichnen, indem Sie behaupten, viele würden sich nicht in die Gesellschaft einbringen, wollten eigentlich einen Gottesstaat. Wie reagieren Sie auf diese Kritik?

Mimoun Azizi: Diese Unterstellungen sind an Absurdität nicht zu übertreffen. Denn zum einen werfen wir nicht "den Muslimen" vor, sich nicht integrieren zu wolle oder gar einen Gottesstaat errichten zu wollen, viel mehr richtet sich unsere Kritik an die Verbände selbst. Diese Verbände, zu denen auch die DITIP und der Zentralrat der Muslime gehören, vertreten eine sehr konservative Auslegung des Islam, die in sehr vielen Punkten der Integration diametral gegenübersteht. Ich darf auch daran erinnern, dass die DITIP ein Verband ist, der von der Türkei aus gelenkt wird. Sigmund Freud würde hier von einer Projektion sprechen.

hessenschau.de: Sie sagen, Religion ist Privatsache. Gehen Sie trotzdem zum Beten in eine Moschee?

Mimoun Azizi: Für mich ist eine Moschee wie eine Synagoge oder eine Kirche ein Gotteshaus. Ein Haus, in das man sich zurückziehen kann und den Kontakt zu Gott intensiver spüren kann. Von daher ist es für mich völlig normal, diese Nähe zu suchen.