Ein Polizeiwagen im Einsatz.
Ein Polizeiwagen sperrt eine Straße. Wenn der Einsatz der Polizisten vorbei ist, beginnt häufig derjenige der Polizeiseelsorger. Bild © picture-alliance/dpa

Sinkende Akzeptanz in der Gesellschaft, steigender öffentlicher Druck und immer die Frage, was rechtens ist und was richtig: Die Herausforderungen an Polizisten sind immens. Um sie zu bewältigen, helfen Polizeiseelsorger wie Pfarrer Stefan Ott.

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Wenn der Einsatz vorbei ist und das Polizeiauto auf dem Parkplatz steht, dann fängt bei vielen Polizisten das Nachdenken an: War das jetzt so in Ordnung? Habe ich mich vielleicht rechtlich korrekt verhalten, aber war das auch richtig? Fragen, mit denen sie sich zum Beispiel an Stefan Ott wenden können. Seine Handynummer steht im Internet, er ist 24 Stunden am Tag erreichbar, sieben Tage in der Woche. Der 39-Jährige ist Polizeiseelsorger.

13 Polizeiseelsorger gibt es in Hessen. Ott ist einer von ihnen. Am Donnerstag hat Innenminister Peter Beuth (CDU) sie als "Menschen des Respekts" ausgezeichnet. "Polizeiseelsorge kennt keine Grenzen oder Dienst nach Vorschrift. Polizeiseelsorge ist ganz oft Arbeit im Verborgenen, die es aber wert ist, erzählt und einmal in besonderer Weise gewürdigt zu werden", begründet Beuth die Auszeichnung.

Da sein, wenn man gebraucht wird

Im Prinzip sind Polizeiseelsorger einfach Pfarrer, die von ihrem jeweiligen Bistum oder ihrer Landeskirche für bestimmte Bezirke zum Polizeiseelsorger ernannt werden. Sie sind also keine Polizisten. "Wir geben Lebenshilfe für die Beamten", sagt Ott. Bei kritischen Einsatzlagen etwa stehen die Seelsorger bereit und bieten Unterstützung an, wenn der Einsatz vorbei ist. "Im Einsatz selbst müssen die Beamten handlungsfähig sein. Da nutzt es nichts, wenn ich zwischendurch frage: 'Hast Du Lust, jetzt mal drüber zu reden?'", sagt Ott.

Logo der Polizeiseelsorger.
Das Logo der Polizeiseelsorger ist dem Polizeistern nachempfunden, hat aber mehr Strahlen und ein Kreuz in der Mitte. Bild © picture-alliance/dpa

Auch bei Großeinsätzen wie etwa dem G20-Gipfel in Hamburg dieses Jahr sind mehrere Polizeiseelsorger vor Ort. "Vielleicht führt man dort nicht die tiefschürfendsten Gespräche. Aber zu wissen, es ist jemand da, der uns begleitet - und wenn es nur zwei Sätze zwischen einem Brötchen und einem Kaffee sind: Das tut einfach gut." Aber die Seelsorger sind nicht nur für die Polizisten selbst, sondern auch für deren Angehörigen da. Außerdem geben sie in der Polizeiausbildung Unterricht im Fach Berufsethik.

Fünf Polizeidirektionen statt 52 Dörfer

"Aus meinem Abiturjahrgang sind viele zur Polizei gegangen", erzählt Ott, "es gab schon immer Berührungspunkte". Er selbst ist in Marburg zur Schule gegangen, hat anschließend Theologie studiert und sich 2006 zum Priester weihen lassen. Nach mehreren Jahren in einer Gemeinde in Homberg (Efze) und Borken (beide Schwalm-Eder) ist er seit Juni 2017 Polizeipfarrer. Hatte er vorher eine Gemeinde, die sich über 52 Dörfer erstreckte, so ist er jetzt für ganz Nordhessen und den Kreis Marburg-Biedenkopf zuständig, also fünf Polizeidirektionen.

Dennoch ist er glücklich darüber, sich jetzt wieder voll der Seelsorge widmen zu können, statt an Kirchengemeinderatssitzungen teilzunehmen und sich um den örtlichen Kindergarten zu kümmern.

Vorteil Seelsorge-Geheimnis

Zunächst einmal geht es daher darum, Vertrauen aufzubauen. Neben den Seelsorgern gibt es bei der Polizei auch noch den Zentralen Psychologischen Dienst, Personalberatung oder soziale Ansprechpartner. Ott sieht es aber als Vorteil, dass die Pfarrer bei der Kirche und nicht bei der Polizei angestellt sind und somit als extern gelten. Außerdem: "Wir haben ein Seelsorge-Geheimnis. Man kann uns grundsätzlich alles erzählen, ohne Angst zu haben, dass was rauskommt."

Die Probleme, von denen die Polizisten berichten, sind vielfältig: "Die Akzeptanz schwindet", sagt Ott, längst seien Polizisten nicht mehr für alle Respektspersonen. Eine weitere Herausforderung sind die sozialen Medien, dass nach Polizeieinsätzen "sehr viele Dinge im Internet auftauchen". Unabhängig davon, ob Kritik an Polizeieinsätzen gerechtfertigt ist oder nicht, "sind die Polizisten dadurch heute einem ganz anderen Druck ausgesetzt". Weitere Themen für viele Polizisten: Terrorgefahr - wie geht man mit der Angst um? Oder auch Stressbewältigung. Hinzu kommen private oder dienstliche Probleme.

Die Frage nach der Schuld

Und dann kommen noch die besonders kniffligen Fälle: "Es gibt Situationen, wo man schuldig wird - obwohl man sich vielleicht absolut rechtlich richtig verhält. Zum Beispiel wenn ich eine Waffe einsetze, auch um jemanden zu schützen." Die Botschaft, die Ott vermitteln will, ist einfach: "Gerade in kritischen Situationen ist es sehr wertvoll und wichtig zu wissen, dass jemand hinter mir steht, bedingungslos. Das ist das, was wir Gott nennen."

Missionieren will Ott aber nicht. "Natürlich versuchen wir, durch unser Beispiel und unsere Präsenz zu zeigen, dass es sich lohnt, den christlichen Glauben zu leben", sagt er. Aber am Ende gehe es vor allem um eins, sagt er mit Verweis etwa auf die Bundeswehrseelsorge oder Krankenhausseelsorge: "In den schwierigen Berufen, dort, wo es auch um Leben und Tod geht, sollen die Menschen in Begleitung sein."