Hessencheck Raunheim
Streetworker Isack Majura (r.) arbeitet seit Jahren mit den Rappern Khalid Elyoussfi und Saqib Hussain (l.). Bild © Sophia Averesch/Raunheim

Rappen für Integration, Boxen für mehr Respekt: Raunheim ist jung, multikulturell und wächst mit großem Tempo. Damit das Zusammenleben in dem Mini-Schmelztiegel funktioniert, gibt es Menschen wie Streetworker Isack Majura.

"2004, mein erster Tag in Deutschland. Am Frankfurter Flughafen, da wo alles neu begann. Seit diesem Tag hab ich Deutschland geehrt, ging zur Schule, mir wurde vieles erklärt. Habe viele meiner Landsleute kennengelernt, hier hab ich mein Leben neu begonnen, deutsche Freunde gewonnen. Und dann irgendwann wollte ich mich integrieren. Hab mich hingesetzt, fing an Zeit zu investieren. Lernte die Kultur kennen und die Menschen. Für mich gibt es keine Trennung zwischen Rassen oder Grenzen."

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Hessencheck: zwei Rapper aus Raunheim

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Khalid Elyoussfi rappt über sein Leben, über seine Ankunft in Deutschland, seine Heimat Raunheim. Zusammen mit Saqib Hussain, der sich als Rapper C.U.P. nennt und ihm die Kunst des Sprechgesangs beigebracht hat. Mit 14 Jahren, in der Rapgruppe "Raunheim United". Im dem Song geht es um ihren eigenen Anfang in Deutschland. Mittlerweile leiten sie selbst die Rappergruppe für Jugendliche in Raunheim. Saqib Hussain als Betreuer, Khalid Elyoussfi als Tontechniker.

Unterstützt hat die Beiden dabei Isack Majura. Er ist der Streetworker der Stadt, schon seit mehr als 13 Jahren. "Streetwork heißt mobile Jugendarbeit. Das ist unser Arbeitsprinzip. Wir sitzen nicht rum, sondern gehen raus. Zu unserem Klientel und bieten gezielt Hilfe an", erklärt Majura. Als Streetworker sucht er den Kontakt zu möglichen benachteiligten oder auffälligen Kindern und Jugendlichen in Raunheim - und bietet konkret Unterstützung an. Majura ist immer da, wenn's mal brennt. Seine Handynummer habe fast jeder in der Stadt.

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Daten & Fakten

Raunheim ist ein wachsender "Melting Pot". Im Schatten des Flughafens ist die Bevölkerung der Stadt seit 1985 um rund 43 Prozent gewachsen. 2015 hatte die Kommune die höchste Geburtenrate. Raunheim ist Hessens zweitjüngste Kommune, nur die Uni-Stadt Gießen untertrifft Raunheim mit seinem Durchschnittsalter von knapp unter 40 Jahren noch. Raunheim ist nicht nur jung, sondern auch multikulturell. Rund 63 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund.

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Eine Stadt, die immer vielfältiger und größer wird. 16.500 Menschen leben dort, 22 Prozent sind unter 18 Jahre alt. Knapp zwei von drei Raunheimern haben einen Migrationshintergrund. Über 100 verschiedene Nationalitäten leben hier miteinander. Weitestgehend friedlich. Multikulti wird in Raunheim schon von klein auf gelebt.

Integration, Bildung und Respekt. In Raunheim sind das zentrale Werte der Jugendarbeit. Die Stadt bemüht sich, dass die Kinder und Jugendlichen gar nicht erst zwischen Einheimischen und Migranten, Türke oder Nicht-Türke, "schwarz" oder "weiß" unterscheiden. Das liegt besonders Isack Majura am Herzen. Der promovierte Erziehungswissenschaftler stammt selbst aus Tansania.

Integration durch Rap

Die Arbeit auf der Straße zahlt sich offenbar aus. Durchs Rappen die Schulnoten verbessern, das hat auch schon bei Rapper Khalid Elyoussfi geklappt: "Als ich zum Rappen gekommen bin, konnte ich kaum Deutsch. Ich wurde hier aufgenommen und mit der Hilfe von C.U.P hab ich mein Deutsch verbessert." Aus Loyalität zur Stadt wolle er den Jugendlichen etwas zurückgeben, erklärt er sein Engagement in der Jugendarbeit.

Kein Gangster-Rap, sondern Texte mit Botschaft und Inhalt - es geht um mehr als nur bloße Worthülsen, erklärt Saqib Hussain: "Wir zeigen den Jugendlichen direkt, dass wir eine ganz andere Schiene fahren, als es momentan im Trend ist. Wir rappen über das Zusammenleben in Raunheim, über die eigene Herkunft und Integration, über die Schule. Nicht über Gewalt und Drogen."

Präventiv und rund um die Uhr

Das Prinzip der Raunheimer Jugendarbeit: Prävention. "Wir warten nicht, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Dann ist es zu spät", betont Majura. Oftmals sein erster Arbeitsschritt: "Ich gehe zu dem Kind nach Hause, zu den Eltern und klopfe an der Tür." Ein Gespräch mit den Eltern, ein Gespräch mit dem Jugendlichen. Sei der Kontakt aufgebaut, nehme das Ganze seinen Lauf.

Zitat
„Es war schon immer mein Ziel im Leben, Menschen zu helfen.“ Zitat von Isack Majura
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Für viele ist Majura die erste Anlaufstelle - nicht selten werde er vom Einkaufszentrum angerufen, weil ein Jugendlicher beim Klauen erwischt wurde. Oder die Polizei klingelt nachts bei ihm an, weil ein Jugendlicher nicht von seinen Eltern, sondern von Majura abgeholt werden will. Majura stellt das Kind zur Rede - mitsamt seinen Eltern. "Das ist die Arbeit, die viel Energie und Zeit kostet. Aber es bringt viel. Das ist es wert."

Bildung steht an oberster Stelle

Für eine funktionierende Jugendarbeit brauche es ein gutes Netzwerk mit anderen Einrichtungen wie Schule, Polizei, Jugendamt und anderen Trägern. Ihr Fachwissen wird benötigt. "Eine Stadt allein kann das nicht schaffen", sagt Majura. Um die Kinder und Jugendlichen auch außerschulisch für den Berufseinstieg zu qualifizieren, gibt es das Ausbildungscoaching - eine Kooperation der Stadt mit dem Zentrum für Weiterbildung. Dort werden Jugendliche für den Berufseinstieg fit gemacht - Beraterin Kristin Stoppel sucht mit den Jugendlichen nach Ausbildungsplätzen, geht die Bewerbungsunterlagen durch und bereitet sie auf ein Vorstellungsgespräch vor. Alles freiwillig.

Asubildungscoach Kristin Stoppel, Streetworker Isack Majura und eine Jugendliche im Gespräch
Kristin Stöppel hilft Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Raunheim bei der Ausbildungssuche - von der ersten Bewerbung bis zum Vorstellungsgespräch. Bild © Sophia Averesch (hessenschau.de)

Bis auf diejenigen jungen Erwachsenen, die seitens des Jobcenters eine verpflichtende Einladung erhalten. Damit diese nicht behaupten, die Einladung nicht bekommen zu haben, bringt Majura sie persönlich vorbei. An die Haustür. "Dann kann ich mir sicher sein. Sie müssen dann herkommen", sagt der Streetworker.

Boxen für mehr Respekt und Disziplin

Jugendliche aus verschiedenen Kulturen treffen auch im Raunheimer Boxclub aufeinander. "Woher man kommt, ist egal. Wichtig ist nur, dass wir uns mit Respekt begegnen", sagt Majura. Das findet auch Trainer Faruk Bayrak: "Die Kinder und Jugendlichen lernen hier, sich und ihre Aggressionen im Griff zu haben, den Gegner zu respektieren. Uns ist es egal, ob sie gewinnen oder verlieren. Wenn sie verlieren, wollen sie immer besser werden, sind motiviert und lernfähig. Das ist uns fast lieber."

Jugendcafé  im Stadtzentrum Raunheim
Der Eingangsbereich im Jugendcafé: Dreimal in der Woche können sich die Jugendlichen hier abends treffen, reden und zusammen chillen. Bild © Sophia Averesch (hessenschau.de)

Majura kontrolliert regelmäßig die Anwesenheitsliste, die beim Bocxlub geführt wird. Das sei zwar ein außerschulisches Angebot, Pünktlichkeit und das Abmelden müssten trotzdem gelernt werden, erklärt er.

Raunheim und sein Streetworker

Seit 2003 ist Isack Majura schon Streetworker in Raunheim. Die Stadt ist dem promovierten Erziehungswissenschaftler ans Herz gewachsen, besonders die Jugend. Wenn Majura ins öffentliche Jugendcafé der Stadt geht, rufen die Jugendlichen seinen Namen, machen einen Faustschlag mit ihm. Er selbst wohnt aber nicht in Raunheim. "Sonst habe ich gar keine Privatsphäre mehr", sagt er und lacht. Die meiste Zeit am Tag verbringt er ohnehin in der kleinen Stadt.

Schon bei seinem Vorstellungsgespräch habe er gespürt, dass er hier zufrieden sein werde: "Es ging mir nicht nur um die Arbeitsstelle. Ich habe die Menschlichkeit und Wärme hier in Raunheim von Anfang an gespürt." Denn trotz der vielen Nationalitäten und Religionsunterschiede leben die Einwohner friedlich zusammen, findet Majura - das sei das Besondere an Raunheim.

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