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Egon Hoffmann aus Haiger hat sie miterlebt: Die Kesselschlacht von Stalingrad (hier sowjetische Truppen auf einem undatierten Foto). Bild © hr

Egon Hoffmann aus Haiger ist einer der letzten Überlebenden der "Hölle von Stalingrad" - der Schlacht, die als eine der größten des Zweiten Weltkrieges gilt. Das Grauen verfolgt ihn auch nach 75 Jahren noch.

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zum Video Ein Stalingrad-Überlebender berichtet

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"Ich war dabei. Ich hab Stalingrad vom ersten bis zum letzten Tag mitgemacht." Es gibt nicht mehr viele Deutsche, die das sagen können. Der 94 Jahre alte Egon Hoffmann aus Haiger im Lahn-Dill-Kreis kann es. Zum Treffen des "Bundes ehemaliger Stalingradkämpfer" in Limburg vor wenigen Tagen sind außer ihm noch drei weitere Ostfront-Veteranen gekommen. Und nur einer, Hoffmann, war tatsächlich in Stalingrad, als die Rote Armee die deutsche Wehrmacht dort am 22. November 1942 einkesselte, vor genau 75 Jahren.

Egon Hoffmann ist damals 18 Jahre alt. Als Kradschütze der 29. Infanteriedivision ist er auf einem BMW-Motorrad mit Beiwagen unterwegs. Schon seit Wochen liegt seine Einheit in der Gegend von Stalingrad, der Industriestadt an der Wolga, die heute Wolgograd heißt. Hitler will die Stadt unbedingt erobern. Doch die vollständige Einnahme gelingt nicht - auch nicht nach wochenlangen Häuserkämpfen. An jenem Tag im November bekommt Hoffmann dann eine kurze Nachricht: "Der Kessel ist zu."

Sieben Jahre russischer Kriegsgefangener

Was das für ihn und die 300.000 Angehörigen der eingeschlossenen 6. Armee bedeutet, habe er als einfacher Obergefreiter nicht ermessen können, sagt der 94-Jährige. Die Armee muss auf Befehl von Hitler aushalten, abgeschnitten von jeder Versorgung und unter ständigem Beschuss, solange es geht. Zweieinhalb Monate später wird die Armee von den sowjetischen Truppen überrollt.

Über die Gräuel dieser Schlacht spricht Hoffmann nicht gern. "Da ist ein Deckel drauf", sagt er. Nur manchmal geht der Deckel auf - in Alpträumen kehren Bilder wieder. Die meisten seiner Kameraden überleben nicht. Die Schlacht, die eisige Kälte mit Temperaturen bis minus 40 Grad, den Hunger und die anschließende Gefangenschaft fordern unzählige Opfer. Auch Hoffmann kommt in russische Gefangenschaft, sieben Jahre lang.

Von der riesigen Armee kehren am Ende nur 6.000 Deutsche nach Hause zurück. In den Kämpfen sterben insgesamt 700.000 Menschen, unter ihnen viele Bewohner der Stadt. Hoffmann überlebte äußerlich unverletzt, nach psychischen Leiden hat nie jemand gefragt. Das Krankheitsbild "posttraumatische Belastungsstörung" gab es damals nicht.

Noch drei Besuche in Wolgograd

Trotzdem baut sich Hoffmann nach Krieg und Gefangenschaft ein neues Leben auf, findet Arbeit bei der Stadtverwaltung Dillenburg, gründet eine Familie. Dort sei Stalingrad kein großes Thema gewesen, seine Töchter hätten es nicht hören wollen. Ihn selbst lässt das Erlebte nie los. Er lernt Russisch, fährt noch drei Mal nach Wolgograd und trifft russische Veteranen.

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Stalingrad 75 Jahre Kesselschlacht

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Egon Hoffmann: "Ich war von Anfang bis Ende in Stalingrad dabei"

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Und er geht jedes Jahr am Totensonntag zum Stalingrad-Gedenken nach Limburg. In Limburg trifft er dann auch den Ostfront-Veteran Jochen Schmidt aus Essen, 95 Jahre alt. Seit Jahrzehnten kennen sich die beiden. Schmidt war zwar nicht in Stalingrad, fühlt aber trotzdem eine starke Verbundenheit mit alten Kameraden wie Hoffmann. Im Krieg, unter der stärksten Belastung, da habe sich keiner mehr verstellen können. "Da ist der Mensch pur", sagt Schmidt. "Und daher kommt auch diese innere Verbindung zu den Leuten. Und nicht, wie unverständige Menschen behaupten, weil wir immer noch Nazi-Ideen nachhängen.“ Denen habe er schon damals nicht angehangen, sagt er.

Kein Stolz auf Leistungen der Wehrmacht

Genauso wenig können Schmidt und Hoffmann mit dem Begriff "Stolz" anfangen, den zum Beispiel AfD-Chef Alexander Gauland angesichts der "Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen" empfindet. In der Wehrmacht habe er nur die Befehle seiner Vorgesetzten befolgt, sagt Hoffmann. Einen Befehl zu verweigern, hätte ihn das Leben kosten können. In Stalingrad galt für ihn das Motto: "Wer nicht fallen will, muss kriechen". Im wörtlichen und im übertragenen Sinne.

Im Leben nach Stalingrad hat Hoffmann dann durchaus erreicht, worauf viele stolz wären: Er hat 1989 das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen. Für sein Engagement in der Kommunalpolitik und im "Verband der Heimkehrer", der zurückgekehrte Kriegsgefangene unterstützte. Hoffmann macht aber auch um diese Ehrung kein Aufhebens. Nur eines ist ihm klar: Wenn es irgendwie geht, will er auch nächstes Jahr nach Limburg kommen - um der gefallenen Stalingrad-Kameraden zu gedenken.