Erster Fachkurs in Terrorchirurgie
In einem Brettspiel simulierten die Teilnehmer eine Terrorlage. Bild © picture-alliance/dpa

Abgerissene Arme oder Beine, Splitterverletzungen oder stark blutende Wunden: Bei einem neuen Kurs an der Uniklinik Frankfurt haben leitende Ärzte gezielt die Behandlung von Terroropfern trainiert.

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Angenommen in einer deutschen Großstadt geht in einer Fußgängerzone eine Bombe hoch. Rund 120 Menschen werden verletzt, mehr als 40 davon schwer. Die Opfer tragen Explosionsverletzungen davon und bluten stark.

Mit diesem Terror-Szenario haben sich 16 leitende Ärzte bei einem neuartigen Kurs in der Frankfurter Uniklinik auseinandergesetzt. Bei einem Brettspiel sollten die Mediziner, die aus dem ganzen Bundesgebiet kamen, am Freitag ganz schnell über das Schicksal einzelner Patienten entscheiden. Wer kommt sofort in den OP-Raum, wer wird stationär behandelt?

Vorbereitung für den Ernstfall

 In einem Brettspiel simulierten die Teilnehmer eine Terrorlage.
Am Brett sollten die Mediziner in Sekundenschnelle über das Schicksal von Patienten entscheiden. Bild © picture-alliance/dpa

Das ausgewählte Terrorszenario ist spätestens seit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin im vergangenen Jahr nicht mehr ganz so unvorstellbar. "Die Bedrohungslage ist da", sagte Reinhard Hoffmann, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Es gehe nicht um Panikmache, sondern um die Vorbereitung auf den Ernstfall. Die DGU veranstaltete den Premierenkurs zur Terror- und Katastrophenchirurgie zusammen mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr.

Weitere Informationen

Infos zum Kurs

Der zweieinhalbtägige Kurs heißt "Terror and Disaster Surgical Care" (TDSC) und kostet laut Veranstalter für Teilnehmer rund 600 Euro. Er richtet sich an Entscheidungsträger in Kliniken, wie Chefärzte und Oberärzte.

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DGU-Präsident Ingo Marzi betonte, die Bedrohung durch Terroranschläge stelle die deutsche Unfallchirurgie vor neue Herausforderungen. "Zum einen unterscheiden sich Schuss- und Explosionsverletzungen von bekannten zivilen Verletzungen", sagte Marzi, der auch Direktor der Klinik für Unfall- , Hand- und Wiederherstellungschirurgie an der Uniklinik Frankfurt ist.

Während bei Unfällen stumpfe Verletzungen wie Prellungen entstehen, droht bei Verletzungen durch Bombenexplosionen oder durch großkalibrige Gewehre laut Marzi schnelles Verbluten.

Opfer unter Gefahren retten

Zum anderen müssen sich Rettungsdienste und Klinikpersonal auf den Einsatz auf gefährlichem Terrain einstellen: die Rettung unter einer Gefahrenlage, akute Blutstillung, klinikinterne Abläufe und erhöhte Infektionsgefahren.

Sowohl bei Fragen der Organisation als auch bei den Verletzungsmustern bei Terroranschlägen wollen die Unfallchirurgen nun von der Bundeswehr lernen. Die Sanitätsoffiziere der Bundeswehr haben bei ihren Einsätzen im Ausland Erfahrungen in diesen Bereichen gesammelt.

Bundeswehr-Arzt: "Mit begrenztem Personal Verletzte versorgen"

DGU-Generalsekretär Hoffmann, DGU-Präsident Marzi und Oberstarzt Friemert
DGU-Generalsekretär Hoffmann, DGU-Präsident Marzi und Oberstarzt Friemert (v.li.n.re.) Bild © picture-alliance/dpa

"Wir sind es gewohnt, mit derartigen Szenarien umzugehen, wir kennen uns mit diesen Verletzungen aus. Und wir sind es gewohnt, mit reduzierten Mitteln zu arbeiten", sagte Oberstarzt Benedikt Friemert vom Bundeswehrkrankenhaus in Ulm.

Er verwies darauf, dass die Verletzten bei einem Anschlag - anders als bei einem zivilen Unglück - in der Regel in die nächstbeste Klinik kommen. Dort müsse mit begrenztem Personal die Versorgung der Verletzten erfolgen. "Es geht dann um die Frage: Wie behandele ich viele Menschen möglichst gut?", sagte Friemert.

Anders als bei Unfällen, die zu einer bestimmten Zeit geschehen, seien die Szenarien bei einem Anschlag zudem nicht vorhersehbar. "Es können mehrere Orte betroffen sein, alle gleichzeitig oder zeitlich versetzt. Die Art des Anschlags ist nicht kalkulierbar, was seitens der Terroristen auch so gewollt ist", sagte Friemert.

DGU kritisiert Zurückhaltung des Bundes

Die DGU hatte im September vergangenen Jahres zusammen mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr bereits einen Fünf-Punkte-Plan aufgestellt. Vereinbart wurden darin spezielle Formate für die Ausbildung bei einem "Massenanfall von Verletzten im Terrorfall", wie es in der Behördensprache offiziell heißt.

Künftig will die DGU zusammen mit der Bundeswehr bundesweit weitere Kurse zur Versorgung im Terrorfall anbieten. DGU-Generalsekretär Hoffmann übte diesbezüglich Kritik am Bund. Die Politik in Berlin interessiere sich wenig für die jüngste Initiative, sagte er. Dabei geht es auch um Geld - zum Beispiel für die Kosten der Kurse, die laut Hoffmann in den sechsstelligen Bereich gehen.