Zwei Männer mit Kind
Laut dem Kasseler Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera ist ein Kind mit zwei Vätern einem deutlich erhöhten Missbrauchsrisiko ausgesetzt. Bild © picture-alliance/dpa

Ein Kasseler Evolutionsbiologe warnt vor Folgen der Ehe für alle: Er befürchtet eine Zunahme von "schwerstem Kindesmissbrauch". Der Asta ist empört, die Uni gibt sich machtlos.

Groß war vielerorts der Jubel, als der Bundestag mit einer großen und fraktionsübergreifenden Mehrheit kurz vor der parlamentarischen Sommerpause die Einführung der Ehe für alle beschloss. In Zukunft können Frauen Frauen und Männer Männer heiraten - und Kinder adoptieren. Beim Kasseler Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera hat die Entscheidung große Besorgnis ausgelöst: Er fürchtet, dass nun mehr Kinder sexuell missbraucht werden.

Dieses Risiko sei für Kinder, die von gleichgeschlechtlichen Paaren angenommen werden, 15-mal höher als für Kinder in einer Familie mit traditioneller Mann-Frau-Beziehung. Der Professor an der Universität Kassel begründet diese Rechnung im Gespräch mit dem erzkatholischen Internetportal kath.net gemäß seinem Fachgebiet mit der Evolutionsbiologie, wie die HNA am Montag berichtete.

Auf Nachfrage bekräftigte Kutschera seine Haltung auch gegenüber hessenschau.de: Nach allem, was man wisse, führe die jeweils 50-prozentige Übereinstimmung der Gene eines Kindes mit denen seiner Mutter und seines Vaters zu einer Inzucht-Hemmung. Diese Hemmung entfalle in der Beziehung eines Mannes oder einer Frau zu einem Stiefkind - und damit auch bei homosexuellen Paaren, die durch künstliche Befruchtung oder Adoption zu Kindern kommen.

Professor beruft sich auf Studie, die seine These widerlegt

Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera
Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera. Bild © Imago

Kutschera nennt als Beleg dafür die Studie "Gefährdung der Jungen", die 2009 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht worden sei. Jedoch handelt es sich bei der Veröffentlichung nicht um die Zusammenfassung einer Studie, sondern lediglich um einen Leserbrief. Darin geht es um eine repräsentative Erhebung der Universität Bamberg, und die kommt sogar zum gegenteiligen Ergebnis: "Sogenannte Regenbogeneltern sind genauso gute Eltern wie heterosexuelle Paare. Das Kindeswohl ist bei ihnen ebenso gewahrt wie in anderen Familien."

Kutschera spricht im Zusammenhang mit dem Beschluss zur Ehe für alle trotzdem davon, er sehe "staatlich geförderte Pädophilie und schwersten Kindesmissbrauch auf uns zukommen".

Asta antwortet mit "Regenbogenstraßenfest"

Dagegen erscheint es dem auch an der kalifornischen Stanford-Uni tätigen Professor nur natürlich, wenn ein Mann in seiner Lebensmitte sich in seine 15-jährige Stieftochter verliebt und diese begehrt. "Männer über alle Kulturen hinweg bevorzugen deutlich jüngere, fruchtbare und nicht besonders wortgewandte Frauen", argumentierte Kutschera in einer früheren Polemik gegen die Gender-Forschung und sah Darwin auf seiner Seite: "Männer sind quasi die Urviecher in uns, die Affen...". Im Gegensatz dazu umschreibt Kutschera homosexuelle Paare als "sterile Homo-Duos ohne Reproduktionspotenzial".

Prompt provozierten diese Äußerungen eine Reaktion des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) der Uni Kassel. Am Mittwochnachmittag lädt der Asta zu einem "Regenbogenstraßenfest" in der Nora-Platiel-Straße in Kassel ein. Man wolle Offenheit gegen Kutscheras krude Thesen stellen, sagt eine Sprecherin. Schließlich gehörten zum Asta ein Schwulen- und ein Frauen-Referat.

Unileitung distanziert sich und verweist auf Wissenschaftsfreiheit

Auch die Hochschulleitung nahm am Montag Stellung zu den Aussagen ihres Evolutionsbiologen: "Professoren können für ihre Äußerungen nicht nur die Meinungsfreiheit, sondern auch die Freiheit der Wissenschaft in Anspruch nehmen, die das Grundgesetz sehr weit fasst. Das hat das Präsidium auch dann hinzunehmen, wenn Äußerungen im Widerspruch zur Position der Hochschulleitung stehen."

Das Präsidium der Uni ist nach eigenen Angaben überzeugt davon, dass Kutscheras Position keine Unterstützung in der Hochschulgemeinde finde. Und weiter: "Diese Universität und die Hochschulleitung haben immer deutlich gemacht, dass sie unterschiedliche Lebensentwürfe respektieren und Diversität als Gewinn für die Universität verstehen."

Für den Kasseler Landtagsabgeordneten Timon Gremmels (SPD) haben Kutscheras Interview-Aussagen mit Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit dagegen nichts zu tun. In einem Tweet sieht er die Menschenwürde verletzt.

Unglaublich. Das ist nicht von #Wissenschaftsfreiheit gedeckt. Das verstößt gegen #Menschenwürde (Art. 1 GG). https://t.co/BuWStiY4Ac

Sendung: hr1, 18.07.2017, 11 Uhr