Ärztin Kristina Hänel - Screenshot ihrer Internet-Seite
Ärztin Kristina Hänel - Screenshot ihrer Internet-Seite Bild © Klaus Pradella (hr-iNFO) / Screenshot: hessenschau.de

Die Staatsanwaltschaft Gießen wirft einer Ärztin vor, auf ihrer Webseite für Schwangerschaftsabbrüche zu werben. Der Medizinerin drohen zwei Jahre Haft. Im Netz formiert sich breite Unterstützung für die Ärztin.

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Paragraphen, Hammer und Justitia-Figur als Symbolbild für Justiz

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ärztin wegen Werbung für Schwangerschaftsabbruch angeklagt

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Vor über 30 Jahren hatte sich Kristina Hänel bereits bei Pro Familia engagiert, um schwangeren Frauen in Notsituationen zu helfen und sie als Ärztin zu beraten. Schon damals sei sie immer wieder von Abtreibungsgegnern angefeindet worden, sagt sie. Dass der damalige Fuldaer Bischoff Dyba die Glocken läuten ließ, um auf zahlreiche Abtreibungen aufmerksam zu machen, daran kann sie sich bis heute gut erinnern.

Anfeindungen - wenn auch nicht mehr in dem Maß wie früher - erlebt Hänel auch heute noch. Als sie nun aber von der Staatsanwaltschaft Post bekam, fiel sie schon aus allen Wolken. "Mich hat es  voll umgehauen, ich habe damit überhaupt nicht gerechnet. Ich habe erwartet, dass das Verfahren wie immer eingestellt wird", sagt die 61-Jährige.

Ärztin drohen zwei Jahre Haft

Am 24. November muss die Ärztin sich vor dem Gießener Amtsgericht verantworten. Ihr wird vorgeworfen, für Schwangerschaftsabbrüche Werbung zu machen. Die Staatsanwaltschaft Gießen bezieht sich in ihrer Anklage auf den Paragraph 219a des Strafgesetzbuches. Danach droht der Allgemeinmedizinerin eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren.

Bereits in den vergangenen Jahren war Hänel schon zwei Mal von der Organisation "Nie wieder" angezeigt worden. Dabei handelt es sich um radikale Abtreibungsgegner. In beiden Fällen wurden die Verfahren eingestellt. Dieses Mal ist es anders.

Thomas Hauburger, der Sprecher der Anklagebehörde, bemängelt Hänels Internetauftritt aus dem Jahr 2015: "Konkret geht es darum, dass sich auf der Homepage der Ärztin ein Link befunden haben soll, der zunächst allgemeine Informationen über den Schwangerschaftsabbruch bereitgestellt hat." Dies sei verknüpft gewesen mit dem Hinweis, dass der Abbruch in der Praxis der Ärztin durchgeführt werde. Diese Verknüpfung ist aus Sicht der Staatsanwaltschaft strafbar.

Internet-Petition unterstützt Medizinerin

Sie habe sich bei der Gestaltung der Webseite auf ein Gutachten einer Juristin berufen und die Seite auch noch einmal verändert, als die ersten Anzeigen kamen, sagt die Ärztin. "Ich war mir eigentlich sicher, dass das in Ordnung ist." 

Bei den früheren Ermittlungen hielt man der Ärztin laut Anklageschrift noch zugute, sie sei von einem Verbotsirrtum ausgegangen. Inzwischen allerdings seien an das Unrechtsbewusstsein der Medizinerin höhere Ansprüche zu stellen. 

All das kann Kristina Hänel nicht nachvollziehen. "Warum sollen sich Frauen nicht im Internet frei informieren können?" Außerdem liege es ihr fern, für Abtreibung zu werben. Die Ärztin sieht sich von einem großen Unterstützerkreis bestärkt. Eine Internet-Petition, die sie für die Abschaffung des Paragrahen 219a gestartet hat, ist innerhalb von nur einer Woche von rund 60.000 Menschen unterzeichnet worden.

Auch eine Verurteilung kann die Ärztin nicht abschrecken. Dann will sie in Berufung gehen. Außerdem habe Sie ihrer Anwältin bereits Vollmacht dafür gegeben, Verfassungsbeschwerde einzulegen.