Neu-Anspach
Neu-Anspach ist in den vergangenen 30 Jahren stärker gewachsen als alle anderen Städte in Hessen Bild © Alfred Junghenn

Wachstum mit Grenzen: Keine Gemeinde in Hessen ist in den letzten drei Jahrzehnten schneller groß geworden als Neu-Anspach. Aber das Wachstum bringt auch Probleme mit sich. Ein "Masterplan" soll nun helfen.

Seinen Abschied aus Frankfurt hat Bernhard Büttner bis heute nicht bereut. Vor über 30 Jahren waren der Städteplaner und seine Frau mit ihren beiden Kleinkindern von der Großstadt in den Taunus nach Neu-Anspach gezogen. "In Frankfurt war die Wohnungssituation schon damals schwierig. Wir wollten uns Eigentum zulegen. Außerdem hatten wir uns in der Stadt auch nicht mehr so wohl gefühlt", erinnert sich Büttner im Gespräch mit hessenschau.de.

Entwicklungsmaßnahme beschleunigt Wachstum

Es war das Jahr 1985, als die Büttners Frankfurt den Rücken kehrten und sich ein Häuschen im Ortskern der wachsenden Hochtaunus-Gemeinde zulegten. Da waren in Neu-Anspach die städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen, die 1974 verabschiedet worden waren, schon im vollen Gange.

"Es gab viel Zuzug, Neubauten entstanden. Anspach hatte ein kleinstädtisches Flair mitten in der Natur", hebt Büttner rückblickend hervor. Damals zählte die Kommune knapp 10.000 Menschen, heute sind es etwa 15.000. Diese Marke hatte die Gemeinde bereits 2005 erreicht, zwei Jahre später war es dann soweit: Neu-Anspach erlangte den offiziellen Status einer Stadt.

"Hochhäuser wie in Dietzenbach wollte man nicht"

Das vorrangige Ziel der Nassauischen Heimstätte als eingesetzter Entwicklungsträger war somit erreicht. Seitdem wurden mehr als 90 Millionen Euro in die Entwicklung von Neu-Anspach gesteckt. Ursprünglich waren die Pläne für den Ort sogar noch größer: Neu-Anspach sollte auf 30.000 Einwohner wachsen.

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Daten & Fakten

Das gesamte Rhein-Main-Gebiet boomt. Im Zeitraum 1985 bis 2015 sind nicht nur in Frankfurt (+23,1%), sondern in fast allen Städten und Gemeinden die Bevölkerungszahlen gestiegen. Am stärksten in Neu-Anspach: Dort leben heute knapp 50 Prozent (49,6%) mehr Menschen als noch vor 30 Jahren. Im gesamtem Hochtaunuskreis sind es 11,8 Prozent mehr.

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Aber Wachstum sorgt auch für Probleme, weiß Büttner als ehemaliger Städteplaner. "Solche Hochhäuser wollte man in Neu-Anspach nicht haben", verweist der 61-Jährige auf das Negativbeispiel Dietzenbach im Kreis Offenbach. Dort entstanden im Zuge der parallel laufenden Entwicklungsmaßnahme Hochhaussiedlungen, die heute gerne als sozialer Brennpunkt bezeichnet werden.

Viel Eigentum, aber wenige Mietwohnungen

Doch auch das einst boomende Neu-Anspach hat inzwischen mit Schwierigkeiten zu kämpfen. So ging in den vergangenen Jahren die Einwohnerzahl wieder leicht zurück: Es handelt sich zwar nur um ein Minus von einigen hundert Einwohnern. Doch die magische Grenze von 15.000 ist wieder unterschritten, die Tendenz eher leicht negativ. Vor allem: Gerade für eine Kleinstadt bedeuten weniger Einwohner geringere Steuereinnahmen.

Bernhard Büttner
Bernhard Büttner zog vor über 30 Jahren mit seiner Familie nach Neu-Anspach. Bild © privat

Deshalb hat die Stadt vor kurzem einen sogenannten "Masterplan 2030" aufgelegt, um wichtige Weichen für die Zukunft zu stellen. Eine der wichtigsten Aufgaben wird sein, junge Leute in Neu-Anspach zu halten.

"Wir haben hier zwar viel Eigentum, aber nur wenige Mietwohnungen. Junge Menschen können sich nicht gleich Eigentum leisten", verdeutlicht Büttner, der seit April Stadtrat ist. Auch Bürgermeister Klaus Hoffmann (CDU) machte zuletzt deutlich, wie wichtig es sei, junge Leute in der Stadt zu halten.

Rund 45 Millionen Euro Schulden angehäuft

Finanziell große Sprünge kann sich das Taunus-Städtchen nicht leisten. Kein Wunder bei rund 45 Millionen Euro Schulden. Deshalb soll künftig die Ausweisung großer Bauflächen vermieden werden, "da dies höhere Anforderungen an die Infrastruktur bedeuten", spricht Büttner als besorgter Stadtrat: "Besser wäre eine Verdichtung, um Wohnraum zu schaffen."

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Zusammenschluss aus vier Gemeinden

Neu-Anspach entstand im Zuge der Gebietsreform im Dezember 1970 als freiwilliger Zusammenschluss der vorher selbständigen Gemeinden Anspach, Rod am Berg und Hausen-Arnsbach. Westerfeld kam ein Jahr später hinzu.

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Ein großer Lichtblick ist die zukünftige Elektrifizierung der Taunusbahn, mit der auch Büttner jeden morgen zur Arbeit nach Frankfurt gependelt war. Ab 2019 soll die S-Bahn-Linie 5, die bislang in Friedrichsdorf (Hochtaunus) endet, über Neu-Anspach ins benachbarte Usingen reichen. Das könnte freilich Menschen in den Taunus locken, die in Frankfurt arbeiten, aber sich die explodierenden Wohnkosten am Main nicht mehr leisten können.

Pendler-Stau an der "Peters-Pneu-Kreuzung"

Büttners Frau ist noch berufstätig und zwängt sich mit ihrem Auto morgens durch das verstopfte Nadelöhr "Peters-Pneu-Kreuzung" in Bad Homburg-Dornholzhausen zu ihrer Arbeitsstelle nach Oberursel. "Schon seit 30 Jahren gibt es die Diskussionen, aber ein Ausbau dieser Kreuzung ist bislang gescheitert", hadert Bernhard Büttner.

Mit diesem bislang ungelösten Verkehrsproblem haben sich die Büttners aber längst arrangiert. Dafür müssen sie umgekehrt auch nicht den Weg über die Saalburg nehmen, wenn sie den umliegenden Hessenpark oder die Lochmühle mit ihren Enkelkindern besuchen wollen. "Die Freizeit- und Sporteinrichtungen hier sind positiv und der Taunus mit seiner Natur", hebt Büttner hervor. Abstrich müsse man aber bei Kulturveranstaltungen oder Gastronomie machen. Zudem: In Neu-Anspach gibt es kein richtiges Stadtzentrum, das Rathaus liegt nicht zentral.

"Umfeld für Kinder positiver als in Frankfurt"

Die beiden Töchter der Familie sind inzwischen 33 und 31 Jahre alt. Für sie komme ein Wegzug aus Neu-Anspach nicht in Frage, betont Büttner. Das Umfeld für Kinder hier sei positiver als in Frankfurt. "Es gibt weniger Kriminalität und Anonymität." Als er mit seiner Familie in den Taunus zogen, seien sie von den "Altbürgern" positiv aufgenommen. Dennoch habe man es als "Eingeplackter" anfangs schwer gehabt, Gehör zu finden mit wichtigen Zukunftsthemen, berichtet der engagierte 61-Jährige.

Inzwischen ist in Neu-Anspach ein Sinneswandel eingetreten. Die Gemeinde weiß um die Herausforderungen, die sie anpacken muss, um nicht noch mehr junge Menschen zu verlieren.