Tamara Dziura aus Wolfhagen vor dem Eingang des Internationalen Suchdiensts in Bad Arolsen
Tamara Dziura aus Wolfhagen weiß dank ITS endlich mehr über ihre Großmutter väterlicherseits. Bild © hessenschau.de

Seit 70 Jahren forscht der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen nach Verschollenen aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine Frau aus Nordhessen kam so ihrer lange tot gesagten Großmutter auf die Spur - und fand Verwandte in Frankreich. Wir schildern ihre Suche.

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Tamara Dziura aus Wolfhagen (Kreis Kassel) treibt seit ihrer Jugend eine Frage um: Was ist mit ihrer Großmutter passiert? "Mein Leben lang wurde mir erzählt, dass Oma im KZ gestorben ist und mein Vater auf dem Weg dorthin von seinem Vater gerettet worden ist", berichtet die heute 46-Jährige. Details dazu hat sie jedoch nie erfahren. Je älter sie wird, desto mehr zweifelt sie an der Schilderung.

Vom Vater ihres Vaters weiß sie gar nichts, von seiner Mutter kaum mehr: Bronislawa Dziura, im heutigen Polen geboren, während des Zweiten Weltkriegs in einem Konzentrationslager gestorben. Aber wo genau? Wie? Warum? Immer drängender werden die Fragen.

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Internationaler Suchdienst

Noch während des Zweiten Weltkriegs, 1943, richteten die Alliierten einen Suchdienst ein. Mit seiner Hilfe sollten Menschen Angehörige wiederfinden, die sie in den Kriegswirren aus den Augen verloren hatten. Seit 1948, also seit 70 Jahren, trägt die Einrichtung den Namen Internationaler Suchdienst (ITS). Er hat seinen Sitz in Bad Arolsen (Waldeck-Frankenberg). Die Wahl fiel auf den kleinen Kurort, weil er sich ziemlich in der Mitte der alliierten Besatzungszonen in Deutschland befand und dort noch ausreichend unzerstörte große Gebäude für den Zweck standen.

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Ihr Vater kann ihr bei der Suche nach Antworten kaum helfen. Gerhard Manfred Dziura, zunächst in einem Kinderheim und dann mit einer fürsorglichen Pflegemutter, aber einem lieblosen Pflegevater aufgewachsen, verschließt sich mit zunehmendem Alter. Er endet als Trinker, wird obdachlos und stirbt 2012. Seine Familie erfährt erst Tage später davon. "Er ist abgestürzt", sagt Tamara Dziura. Sie hatte seit Ende der 1990er Jahre keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater.

Tamara Dziura als Mädchen mit ihrer Schwester und ihren Eltern auf einem Foto von 1977
Tamara Dziura als fünfjähriges Mädchen (hinten) mit ihrer Schwester und ihren Eltern auf einem Foto von 1977. Bild © privat

6. April 2016:

Tamara Dziura schreibt einen Brief an den Internationalen Suchdienst (ITS, kurz für International Tracing Service) in Bad Arolsen (Waldeck-Frankenberg). Obwohl zwischen ihrem Wohnort Wolfhagen und der nordhessischen Kurstadt gerade mal 15 Kilometer liegen, hat sie erst vor kurzem vom ITS gehört, wo rund 30 Millionen Dokumente zu Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes lagern.

Der ITS ist eine der wichtigsten Aufklärungsstellen für NS-Opfer. Er verfügt über Millionen von personenbezogenen Akten aus Konzentrationslagern, Ghettos und Gestapo-Gefängnissen und ist Teil eines internationalen Netzwerks von Suchdiensten. Viele überlebende NS-Opfer wandten sich seit 1948 an den ITS, etwa um Ansprüche auf Entschädigung für ihr erlittenes Leid begründen zu können. Noch immer schreiben jedes Jahr über 15.000 Angehörige auf der Suche nach Antworten an den ITS - Menschen mit ganz ähnlichen Fragen wie Tamara Dziura.

Viel Hoffnung, eine Auskunft zu erhalten, hegt die Gastwirtin nicht. Aber sie ist jetzt, mit 44 Jahren, fest entschlossen, dieser Frage nachzugehen. Sie will endlich wissen, woher ihr Vater stammt. Also auch sie selbst.

13. Dezember 2016:

Kurz vor Weihnachten ein positiver Schock für Tamara Dziura. Sie erhält eine Nachricht vom ITS: "Wir können Ihnen mitteilen, dass nach uns vorliegenden Informationen Ihre Großmutter, Frau Dziura, den Krieg überlebt hat." Details erhalte sie bald.

Dass der Suchdienst erst nach einem Dreivierteljahr antwortet, hat mit der Flut an Anfragen zu tun. "Wir haben 15.000 Gesuche im Jahr, aber keine 15.000 Mitarbeiter", sagt ITS-Sprecherin Kathrin Flor. In dem großen Gebäude an der Großen Allee in Bad Arolsen arbeiten 265 Menschen, davon 15 in der Abteilung für Suchanfragen nach Angehörigen.

Tamara Dziuras Forscherdrang ist nun vollends geweckt. Sie fragt bei Meldeämtern in Berlin, wo ihr Vater und auch sie zur Welt kamen, und bei der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, dem früheren Frauen-KZ, nach ihrer Großmutter. Sie legt einen Account bei Ancestry an, einem Internetportal für Ahnenforschung. In den kommenden Monaten wächst ihr Stammbaum - nur auf der väterlichen Seite sprießen kaum Äste.

23. Januar 2017:

Gabriele Zander-Knoche, die beim ITS die Suchanfrage von Tamara Dziura bearbeitet, schreibt an den Bürgermeister des nordfranzösischen Städtchens Sin-le-Noble. Sie bittet um Informationen zu Bronislawa Dziura: Lebt sie noch? Bekam sie Kinder in Frankreich? In Sin-le-Noble liegt die letzte dem ITS bekannte Meldeadresse von Tamara Dziuras Großmutter.

3. Februar 2017:

Der ITS schickt eine ausführliche Antwort an Tamara Dziura, im Anhang die Kopien etlicher Dokumente. Daraus geht hervor, dass bereits eine Personenakte zu Bronislawa Dziura in Bad Arolsen vorlag: Sie wandte sich 1967 an den Suchdienst mit der Bitte um Übersendung von Unterlagen, die ihre KZ-Haft belegen. Damit konnte sie eine Entschädigung beim deutschen Staat beantragen.

Eine alte Suchanfrage nach Tamara Dziuras Vater Gerhard beim Internationalen Suchdienst aus dem Jahr 1950
Eine alte Suchanfrage nach Tamara Dziuras Vater Gerhard beim Internationalen Suchdienst aus dem Jahr 1950. Bild © hessenschau.de

In einem Formular schildert Bronislawa Dziura in Stichworten ihren Weg von Polen nach Frankreich: 1922 in der damals ostpreußischen, heute polnischen Region Masuren geboren; nach der Okkupation durch die Nazis als Zwangsarbeiterin auf einem landwirtschaftlichen Gut; 1942 in Berlin wegen zweifachen Brot-Diebstahls zu einem Jahr Straflager verurteilt; 1944 ins Frauen-KZ Ravensbrück gesperrt; im Frühjahr 1945 nach einem Todesmarsch von den Alliierten befreit. Über Baden-Baden machte sie sich auf den Weg ins nordfranzösische Douai, wo ihr Vater seit einigen Jahren lebte.

Die wichtigste Jahreszahl für Tamara Dziura ist 1942: In dem Jahr kam ihr Vater zur Welt - offenkundig im Gefängnis. Wer trennte die beiden?

20. März 2017:

Tamara Dziura fährt zum Internationalen Suchdienst, wo Gabriele Zander-Knoche ihr Einblick in weitere Dokumente gewähren will. Auf der Fahrt nach Bad Arolsen sagt sie: "Hätte mein Vater gewusst, dass seine Mutter noch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg lebte, hätte ihm das geholfen. Vielleicht hätten sie sich kennen lernen können."

In einem schmucklosen Besprechungszimmer breitet Gabriele Zander-Knoche mehrere Papiere vor Tamara Dziura aus: die Anfrage ihrer Großmutter beim ITS, ihre Heiratsurkunde aus Frankreich und ihre Sterbeurkunde. Bronislawa Dziura heiratete demnach am 26. Juni 1948 Josef Wozniczka im nordfranzösischen Waziers und starb am 27. Dezember 2005 in Dechy.

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Erfolgreiche Suche in hallo hessen

Tamara Dziura und eine Mitarbeiterin des ITS sind am Mittwoch ab 16 Uhr zu Gast in hallo hessen. Dort erzählt Dziura von der erfolgreichen Spurensuche nach ihrer Großmutter.

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Ihre Enkelin blickt auf die Papiere wie ein Kind auf die Geschenke unterm Weihnachtsbaum. Sie sagt, sie habe damit gerechnet, dass ihre Großmutter nicht mehr lebe. Dennoch sei das hier "Wahnsinn, Wahnsinn". Und: "Ich bin in gewisser Weise stolz, dass ich einer der Fälle bin, bei denen es einen Treffer gab." Die ITS-Rechercheure stoßen bei zwei Dritteln der Anfragen auf ein Ergebnis.

Ein wenig Enttäuschung mischt sich allerdings in die Freude über die neuen Informationen über ihre lange totgesagte Großmutter. "Ich habe im Stillen gehofft, dass noch Angehörige in Frankreich, Kinder meiner Oma, da sind", sagt Tamara Dziura. Gabriele Zander-Knoche bittet sie um Geduld: "Wir sind noch mitten im Suchprozess!" In Frankreich gebe es keine Melderegister wie in Deutschland. Es sei gut möglich, dass der ITS noch auf Tanten oder Onkel von Tamara Dziura stoße, von denen sie nichts weiß.

Tamara Dziura (links) beim ITS in Bad Arolsen mit Suchdienst-Mitarbeiterin Gabriele Zander-Knoche
Tamara Dziura (links) beim ITS in Bad Arolsen mit Suchdienst-Mitarbeiterin Gabriele Zander-Knoche. Bild © hessenschau.de

Aus all den Unterlagen geht nicht mit einer Zeile hervor, dass Bronislawa Dziura nach ihrer Befreiung aus dem KZ nach ihrem während der Haft geborenen Sohn gesucht hätte. Die Frauen in dem ITS-Besprechungszimmer rätseln über die Gründe.

"Wie lange hatte sie ihr Kind bei sich?", fragt Tamara Dziura: "Vielleicht wurde es ihr gleich weggenommen. Das könnte die fehlende Bindung zum Kind erklären." Gabriele Zander-Knoche sagt: "Eine polnische Mutter hätte ihren Sohn doch nicht Gerhard Manfred genannt."

So ergeben sich immer neue Fragen, die bei Tamara Dziura Gänsehaut hervorrufen.

Sie hält es für möglich, dass ihre Großmutter vergewaltigt wurde, womöglich als Zwangsarbeiterin auf dem ostpreußischen Gut, und dass sie deswegen mit dem Kind nichts zu tun haben wollte. Ziemlich sicher ist sie sich, dass die Pflegeeltern ihres Vaters mehr wussten, als sie sagten.

31. Mai 2017:

Wieder erreicht Tamara Dziura eine Mail vom ITS, die sie umhaut: Ihre Großmutter hatte in Frankreich vier Kinder! So kommt sie - im Alter von 45 Jahren - unverhofft zu drei Tanten und einem Onkel. Kinder einer Frau, von der Tamara Dziura zeit ihres Lebens gehört hat, sie sei längst tot. Sie fragt sich, ob sie Kontakt zu ihr wollen. Tamara Dziura will auf jeden Fall. Kurze Zeit später bekommt sie auch eine Adresse vom ITS: Monique Wozniczka, wohnhaft in Aniche, geboren 1950.

2. Juli 2017:

Tamara Dziura und Monique Wozniczka telefonieren das erste Mal miteinander - mithilfe einer Bekannten, die dolmetscht. In den folgenden Tagen und Wochen sprechen sie immer wieder miteinander und schreiben sich Briefe. Die Französin versichert der Deutschen, dass sie den Kontakt halten will: "Du gehörst jetzt zur Familie."

Tamara Dziura erfährt, dass ihre Tante keine besonders schöne Kindheit hatte. Ihre Mutter war krank und traumatisiert durch ihre Erlebnisse in der Haft und im KZ. Inzwischen haben die Geschwister keinen Kontakt mehr zueinander. Sie sahen sich zuletzt bei der Beerdigung von Tamara Dziuras Großmutter im Jahr 2005.

Sterbeurkunde von Tamara Dziuras Großmutter
Die Sterbeurkunde von Tamara Dziuras Großmutter aus dem Dezember 2005. Bild © privat

20. Dezember 2017:

Der ITS übermittelt einige Details zu den beiden anderen Tanten, geboren 1949 und 1955, und zum Onkel, geboren 1960. Zu manchen sind Adressen bekannt. Tamara Dziura darf sie nur erhalten, wenn ihre französischen Verwandten einverstanden sind. Doch die beiden Jüngeren haben auf die Anfragen bislang noch nicht einmal reagiert.

12. Januar 2018:

Tamara Dziura erhält vom ITS weitere Nachrichten zum Todesmarsch ihrer Großmutter im Frühjahr 1945. Über den Suchdienst ist sie voll des Lobes: "Die leisten super Arbeit und recherchieren immer noch. Ich hätte gedacht, es wäre zu Ende, als sie rausfanden, dass meine Großmutter den Krieg überlebt hat."

In den Oster- oder in den Sommerferien will sie ihre Tante Monique besuchen - vorausgesetzt, sie kann sich die Reise nach Frankreich leisten. Tamara Dziura hat zwei Kinder im Teenageralter und arbeitet inzwischen als Küchenhilfe in einer Grundschule.

Außerdem hat Monique Wozniczka ihre deutsche Nichte, zu der sie mit fast 70 Jahren so unverhofft kam, noch nicht eingeladen. "Ich weiß noch gar nicht, ob sie überhaupt will, dass ich sie besuche", sagt Tamara Dziura. So hat ihre Suche auch hier neben einer Antwort eine weitere Frage ergeben.