Eine Straße in Wanfried, an welcherauschließlich Fachwerkhäuser stehen
Die Marktstraße in Wanfried: Sie führt am Rathaus und am Keudell'schen Schloss entlang. Bild © Diana Wetzestein (Bürgergruppe Wanfried)

Niederländer und Deutsche aus Ballungsgebieten zieht es nach Wanfried. Friedhilde Banholzer und ihr Mann leben seit einem Jahr in dem nordhessischen Örtchen. Der Grund für die Zuzüge? Die Wanfrieder selbst.

Friedhilde Banholzer und ihr Ehemann Schorsch haben es gewagt: Etwa 500 Kilometer entfernt von ihrer Heimat und ihren Kindern und Enkelkindern haben sie sich ein neues Haus gekauft. Altes Fachwerk, renovierungsbedürftig, im kleinen nordhessischen Wanfried. Es sollte kein Ferienwohnsitz sein, sondern ein Ort zum Altwerden. In einer Kleinstadt, in der das Ehepaar niemanden kennt. In Wanfried ist das nichts Ungewöhnliches.

Ehepaar Banholzer Wanfried
Aus Baden-Württemberg nach Nordhessen: Das Ehepaar Banholzer hat ihr neues Zuhause in Wanfried gefunden. Bild © Steffi Decker

Seit Oktober 2015 wohnt das Ehepaar dort. Mit Erstwohnsitz. Die alte Eigentumswohnung in Denzlingen bei Freiburg haben Friedhilde und ihr Mann aufgegeben. "Wir haben alle Zelte abgebrochen und sind total ins kalte Wasser gesprungen", sagt die 67-Jährige, "die Immobilienpreise im Freiburger Kreis sind utopisch. Daher haben wir uns gedacht: Suchen wir mal nach Häusern im Rest von Deutschland!"

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Daten & Fakten

Wanfried bekämpft seinen Immobilienleerstand seit 2006 aktiv mithilfe einer Bürgergruppe. Trotzdem betrug der Leerstand laut Zensus 2011 noch 6,7%. Auch die Nachbarkommunen sind stark betroffen. Im ganzen Werra-Meißner-Kreis gibt es hessenweit den größten Immobilienleerstand - 2011 standen 6,6% aller Wohnimmobilien leer, in einzelnen Gemeinden wie Sontra und Weißenborn auch bis zu 9% (Neuere Zahlen sind nicht verfügbar).

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Beim Fernsehen sind die pensionierte Lehrerin und ihr Mann durch Zufall auf das kleine Wanfried gestoßen. Eine Stadt im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis, in der geographischen Mitte Deutschlands, nicht weit von der thüringischen Landesgrenze. Bis zum 18. Jahrhundert pulsierendes Drehkreuz für Warenschiffe, so kämpft Wanfried wie die gesamte Region seit Mitte der 90er Jahre mit Bevölkerungsverlust und Immobilienleerstand. Im Werra-Meißner-Kreis keine Besonderheit - der Immobilienleerstand in Hessen ist nirgendwo größer.

Wanfrieder vermitteln leerstehende Häuser ehrenamtlich

Eine Entwicklung, gegen die Wanfried ankämpft. 2006 initiierten zwei Wanfrieder eine Bürgergruppe, die die leerstehenden Fachwerkhäuser im Stadtkern weitervermitteln wollte: "Die Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser", jetzt eine Gruppe aus elf Ehrenamtlichen - darunter Architekten, ein Anwalt, Grundstücks- und Gebäudegutachter sowie eine Journalistin und der Bürgermeister selbst. Mittlerweile vermittelt die Bürgergruppe nicht mehr nur Fachwerk, sondern auch Gebäude der jüngeren Generationen - auch in den vier Stadtteilen.

Bürgergruppe Wanfried Mitglieder
Die Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser. Bild © Diana Wetzestein (Bürgergruppe Wanfried)

Über ein Kommunales Immobilienportal bietet die Bürgergruppe zum Verkauf oder zur Vermietung bereitstehende Objekte an. Sie führen Interessenten durch die Kleinstadt, besichtigen die Häuser zusammen mit Interessenten und stehen während der Umbauarbeiten beratend mit Fachwissen zur Seite. Alles ehrenamtlich. Ein Engagement, das bundesweit Medieninteresse auf sich zog. So schauten Friedhilde und ihr Ehemann eine Sendung über die Bürgergruppe - und kamen so nach Nordhessen: "Die Gegend war uns völlig unbekannt, und dann sind wir einfach mal dahin gefahren! Das Städtchen hat uns gleich gut gefallen."

Ein Zuhause zum Altwerden

Das Ehepaar bat die Bürgergruppe um Hilfe. Sie suchten nach geeigneten Fachwerkhäusern für das Ehepaar, besichtigte sie gemeinsam mit ihnen. Das Fachwerkhaus hat das Ehepaar zwar letztlich alleine gefunden, ohne den letzten Rat der Initiative kauften sie das Objekt jedoch nicht: "Mein Mann und ich kennen uns mit Fachwerk nicht so gut aus. Wir baten die Gruppe, das Haus anzusehen und einzuschätzen, ob da größere Reparaturen nötig oder, ob die Balken in Ordnung sind."

Fachwerkhaus Wanfried Banholzer
Die Bürgergruppe Wanfried half, dass dieses Fachwerkhaus nicht mehr leer steht. Das Ehepaar Banholzer wohnt hier das ganze Jahr über. Bild © Friedhilde Banholzer

Noch während der Renovierungsarbeiten am Fachwerkhaus zog das Ehepaar in ihr neues Heim in der Wanfrieder Stadtmitte. 140 Quadratmeter Wohnfläche mit großem Innenhof und Garten - zum Kaufpreis von 40.000 Euro. Ein neues Zuhause, in dem das Ehepaar altern möchte. "Wir können hier auch alles rundum zu Fuß erledigen. Das war auch ein Punkt, der uns sehr wichtig war. Mit zunehmendem Alter wollen wir alles möglichst fußläufig erreichen können. Wer weiß, wie lange wir das Auto nutzen können." Die Infrastruktur stimme: Eine Apotheke, Ärzte, ein Metzger und ein Tierarzt seien in der Nähe, ein großer Supermarkt werde gerade noch gebaut.

Erst die Niederländer, dann die Deutschen

Friedhilde und ihr Mann sind kein Einzelfall in Wanfried. Es seien gerade die "Best Ager" zwischen 50 und 60 Jahren, die ihren Alterswohnsitz in Wanfried suchen, erklärt Bürgermeister Wilhelm Gebhard, der sich schon vor seiner Amtszeit in der Bürgergruppe einbrachte. Gerade diese Gruppe ziehe es aus den kleineren Wohnungen in den deutschen Ballungsgebieten wie Rhein-Main, Berlin oder Süddeutschland nach Wanfried: "Sie fragen sich, was passiert, wenn sie in Rente gehen. Viele kommen zu dem Entschluss, nicht ihr Leben lang in der kleinen teuren Wohnung bleiben zu wollen. Und hier in Wanfried gibt es günstigen Wohnraum und unsere Hilfe."

Wanfried Luftaufnahme
Mitten im Grünen: Wanfried von oben. Bild © Carl-Heinz Greim

Anfangs waren es aber die Niederländer, die Wanfried für sich entdeckten. Nach einem Inserat einem niederländischen Internet-Kleinanzeigenportal kamen nach drei Monaten acht Ehepaare zur Besichtigung nach Wanfried, zwei davon sind geblieben. Mittlerweile gibt es 13 niederländische Haushalte in Wanfried, manche kommen, um dort Urlaub zu machen, andere wohnen ganz dort. Das Medieninteresse an der Bürgergruppe hat Wanfried wieder attraktiver erscheinen lassen - selbst ehemalige Bewohner des Ortes kehren mit ihren Familie in die alte Heimat zurück, nachdem sie in ihrer Jugend einst die Kleinstadt verlassen hatten, sagt Bürgermeister Gebhard.

Wanfried wächst wieder

Die Bürgergruppe habe in den vergangenen zehn Jahren 54 leerstehende Häuser vermittelt. Fachwerkhäuser und neuere Gebäude, die ohne das Engagement nun verfallen würden.

Es zeichnet sich offenbar für das Jahr 2016 sogar erstmals wieder ein Bevölkerungswachstum ab. "Es könnte sein, dass wir ein Bevölkerungszuwachs haben, wenn alles so bleibt. Seit 1995 ist das nicht mehr passiert", freut sich Gebhard: Mehr Einwohner, weniger Leerstand. Bis auf wenige schwer zu vermittelnde Gebäude sei der Stadtkern wieder bewohnt, die neuen Bewohner hätten die Wanfrieder sogar noch ein bisschen weltoffener werden lassen, sagt Gebhard: "Wir Wanfrieder sind keine sturen Nordhessen."

Eine Stadtkarte Wanfrieds und auf der linken Seite das Rathaus
Das Rathaus in Wanfried - ein renoviertes Fachwerkhaus. Bild © Diana Wetzestein (Bürgergruppe Wanfried)

Friedhilde Banholzer und ihr Mann fühlen sich jedenfalls längst heimisch in Wanfried. Friedhilde geht regelmäßig tanzen und mit neuen Freunden wandern. Man habe hier den Eindruck, es gehe alles einen Tick langsamer, sagt sie. Aber auf eine sehr angenehme Art und Weise. "Es ist einfach stressfreier hier", sagt sie.