Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera, Wissenschaftsminister Boris Rhein
Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera, Wissenschaftsminister Boris Rhein. Bild © Imago/dpa/picture-alliance

Durch die Ehe für alle steige die Missbrauchsgefahr für Kinder: Diese Theorie eines Kasseler Professors entsetzt auch Wissenschaftsminister Boris Rhein. Die Uni soll disziplinarische Schritte prüfen.

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Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) drängt die Universität Kassel zu einem Durchgreifen im Fall ihres umstrittenen Biologie-Professors Ulrich Kutschera. Er nannte am Dienstag dessen Äußerungen zur Ehe für alle "dermaßen abstrus", dass er erwarte, dass die Uni die Aussagen genau prüfe. Nämlich dahingehend, "ob der Professor als Beamter seine Pflichten dadurch verletzt hat, dass er sich in abfälliger oder herabsetzender Weise gegen homosexuelle Menschen geäußert hat". Gegebenenfalls müsse die Hochschulleitung disziplinarische Schritte ergreifen.

Streng biologistische Argumentationsweise

Kutschera, in Kassel Professor mit Schwerpunkt Evolutionsbiologie, hatte vor den Folgen der Ehe für alle gewarnt. Kinder, die durch Adoption oder künstliche Befruchtung zu einem homosexuellen Paar kommen, seien einem erhöhten Risiko auf sexuellen Missbrauch ausgesetzt. Kutschera sieht nach dem Ja des Bundestags zur Ehe für alle "staatlich geförderte Pädophilie und schwersten Kindesmissbrauch auf uns zukommen".

Der Wissenschaftler berief sich dabei unter anderem auf eine Studie, die freilich zum genau gegenteiligen Schluss gekommen war: nämlich dass homosexuelle Paare ebenso gute Eltern seien wie heterosexuelle. Kutschera argumentierte biologistisch: Demnach entfalle bei nicht-leiblichen Kindern die Inzucht-Hemmung bei Männern.

Uni-Leitung zeigte sich erst machtlos ...

Die Uni-Leitung hatte sich am Montag von den Äußerungen des Professors zwar distanziert. Man teile die Ansichten nicht und sei sicher, dass dies für die Mehrheit der Hochschulgemeinde gelte. Jedoch greife die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit sehr weit, so dass das Präsidium die Aussagen hinzunehmen habe.

So einfach will das der Minister als oberster Dienstherr offenbar nicht durchgehen lassen, wenn er auch den Hinweis auf die Wissenschaftsfreiheit für zutreffend hält. Vielmehr muss die Universität nach Rheins Überzeugung prüfen, ob ihr oder dem Wissenschaftsstandort Hessen Schaden durch Kutscheras Äußerungen entstanden sei. Er wolle das weitere Vorgehen "genau im Blick" behalten.

... und sichert dann Prüfung zu

Daraufhin äußerte sich die Uni-Leitung am Dienstagnachmittag erneut: Zu personalrechtlichen Fragen dürfe man sich öffentlich nicht äußern, solche seien streng vertraulich zu behandeln. Man versichere jedoch, dass das Präsidium der Universität ein sorgsames Auge auf die Pflichten und Rechte der Beamten habe.

Uni-Präsident Reiner Finkeldey sagte: "Mich haben in den letzten Tagen viele kritische bis zum Teil entsetzte Reaktionen erreicht, die ich nur allzu gut nachvollziehen kann." Kein Mitglied der Hochschule solle verletztende Äußerungen machen.

SPD regt Kutschera-kritisches Symposium an

Kritik an Kutschera kam auch vom hochschulpolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Gernot Grumbach: "Es ist leider nicht das erste Mal, dass der Professor mit herabwürdigenden und polemischen Positionen auf sich aufmerksam macht." Grumbach regte ein Symposium an, "um anderen Wissenschaftlern die Gelegenheit zu geben, die abseitigen Ideen von Professor Kutschera zurechtzurücken".

Der Vorsitzende der hessischen Grünen, Kai Klose, kam auf Twitter zu einem eindeutigen Urteil: "Dieser Schwachsinn ist durch nichts wissenschaftlich belegbar."

Dieser Schwachsinn ist durch nichts wissenschaftlich belegbar, sagt aber viel darüber aus, was im Kopf dieses Herrn vorgeht. #Kassel https://t.co/we8Ivfu8yc