Zwei Frauen mit Behinderung arbeiten in der Küche
Susanne (vorne) und Deborah arbeiten gemeinsam in der Küchen-Werkstatt der Lebensgemeinschaft Bingenheim. Bild © Kathrin Wesolowski

145 Menschen mit Behinderung leben und arbeiten in der Lebensgemeinschaft Bingenheim in Echzell in der Wetterau. Die Verantwortlichen sind überzeugt: Inklusion muss individuellen Bedürfnissen gerecht werden.

Videobeitrag

Video

zum Video Jobs für Menschen mit Behinderung

Ende des Videobeitrags

Deborah trägt eine dunkelblaue Mütze, ihre blond-braunen Haare sind darunter zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden. In ihrem knallroten T-Shirt steht sie lächelnd in der großen Küche. Es ist warm und riecht nach frisch geschälten Kartoffeln. "Mir macht es Spaß, abzutrocknen und zu spülen", sagt die 32-Jährige und lächelt, während sie mit dem weiß-blauen Geschirrtuch einen Metall-Topf abwischt.

Deborah hat eine geistige Behinderung. Seit 20 Jahren lebe sie schon in der Lebensgemeinschaft Bingenheim in Echzell in der Wetterau. Seit etwa drei Jahren arbeite sie hier in der Küche.

145 Menschen in verschiedenen Wohngruppen

Die Lebensgemeinschaft bietet etwa 145 Menschen mit Behinderung ein Zuhause und eine Arbeitsstelle. Finanziert wird sie vom Landeswohlfahrtsverband Hessen. Erwachsene und Kinder leben hier getrennt voneinander in Wohngruppen von sieben bis zwölf Menschen. In neun verschiedenen Werkstätten arbeiten die Erwachsenen täglich von 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr, versorgen damit die Lebensgemeinschaft und verkaufen auch einige Produkte.

Weitere Informationen

Fragen und Antworten

Ein Überblick über den Stand der Inklusion in Hessen.

Ende der weiteren Informationen

Die meisten Bewohner haben starke geistige oder psychische Behinderungen. Ein Ziel der Einrichtung: Inklusion - also die gesellschaftliche Integration von Menschen mit Behinderungen.

"Das Wichtigste ist das Heimatgefühl"

"Für sich das Gefühl der Heimat zu haben, ist das Wichtigste", sagt Jochen Pucher. Er ist seit 23 Jahren Geschäftsführer der Lebensgemeinschaft. Ob das Heimatgefühl in einer inklusiven Einrichtung aufkomme oder woanders, sei dabei nicht wichtig.

"Inklusion findet auf dem Papier oft nur zweidimensional statt", sagt der 59-Jährige. Da gehe es nur darum, theoretische Bedürfnisse wie Bildung und Unterkunft zu finanzieren und zu gewährleisten. Die dritte Dimension, wie mit den Menschen umgegangen werde und welche Bedürfnisse sie individuell hätten, komme oft zu kurz.

Dieser Meinung ist auch Marlene Dudek. Sie leitet die Erwachsenen-Wohngruppen der Lebensgemeinschaft. "Orte wie Bingenheim sind eine Antwort auf gesellschaftliche Fragen und Bedürfnisse", sagt die 37-Jährige. Menschen mit Behinderung seien besonders, hätten besondere Bedürfnisse und nach Bingenheim kämen die Fälle, die woanders häufig keinen Platz fänden. In Bingenheim stehe der Mensch als Individuum im Mittelpunkt.

"Arbeiten macht mir Spaß"

Ein Mann hält Tontasse in die Kamera
Sascha zeigt eine noch unfertige Tontasse. Bild © Kathrin Wesolowski

Einer von ihnen ist Sascha. Auch der 47-Jährige wohnt und arbeitet in der Lebensgemeinschaft. Sascha hat das Down-Syndrom, arbeitet täglich von morgens bis abends in der Töpferei.

Dutzende weißer Tontassen, -kugeln und -schalen stehen aneinandergereiht auf tonverstaubten Regalen, einige sind bereits mit hellblauer und rosa Farbe bemalt. Es riecht nach frischem Ton. Dazwischen steht Sascha. Mit einer dunkelgrünen Latzhose über seinem weißen Langarmshirt fertigt er an einer Ränderscheibe große Kaffeetassen an. "Arbeiten macht mir Spaß", sagt er und zieht seine Mundwinkel nach oben. "Nur am Ofen stehen mag ich nicht." Das sei ihm zu heiß.

Lachende Kinder tanzen Buchstaben im Kreis

In unmittelbarer Nähe der Werkstätten liegt die Waldorfschule. Auch sie gehört zur Lebensgemeinschaft. Ein Mädchen spielt ein klassisches Lied auf einem hellbraunen Klavier, etwa 15 Schülerinnen und Schüler laufen dazu im Kreis und tanzen. Lehrer Klaus Richter gibt Anweisungen, spricht laut die Laute E-V-O-E aus, hebt die Arme über den Kopf und bedeutet seinen Schülern, es ihm gleich zu tun.

Ein kräftiges, schwarzhaariges Mädchen mit einem blau-weiß gestreiften Hemd lacht. Ein großer Junge hüpft immer wieder herum, schlägt seine Fersen immer wieder gegen seinen Hintern und tanzt immer wieder aus der Reihe.

Der Junge gehört zu den 65 Kindern, die die Waldorf-Förderschule besuchen. Für eine Regelschule fehlten die erforderlichen Unterstützungsmöglichkeiten, sagt Schulleiterin Susanne Molzahn. Einen staatlichen Abschluss bekommen die Kinder zwar nicht, sie lernen, soweit ihr Zustand es zulässt, aber Dinge wie Lesen, Schreiben, handwerkliches Geschick und Musik. In der Regel nehmen sie morgens am Unterricht teil, teilweise in Klassen mit nur drei Personen, nachmittags arbeiten sie in den Werkstätten mit.

"Erzwungene Inklusion hilft nicht"

"Viele sagen: 'Ich weiß, was gut für dich ist', aber genau das ist das Gegenteil von Inklusion. Dass man die Menschen nicht für voll nimmt und nicht einbezieht", sagt die 54-Jährige und drückt ihre Hände fest aufeinander. Molzahn hat gerade Mittagspause, sitzt in einem hellbraunen Sessel eines Wohnzimmers einer Wohngruppe. Auf Menschen mit stärkerer Behinderung müsse individuell eingegangen werden, erzwungene Inklusion helfe ihnen nicht.

Genauso sieht es Geschäftsführer Pucher. "So, wie auf der einen Seite die Inklusion immer mehr zur Entmischung führt, dass Menschen mit Behinderung immer mehr in der Gesellschaft eingeschlossen sind, so ist die Kehrseite, dass eine neue Exklusivität entsteht. Nämlich die Menschen, die in den Regelschulen tatsächlich nicht richtig aufgehoben sind." Solche Menschen kommen laut Pucher nach Bingenheim - um sich auf der Welt wohl zu fühlen.

Nach Autounfall in die Lebensgemeinschaft

Wohl fühlen möchte sich auch Florian. "Ich miste heute die Schweine aus", erklärt er. Florian trägt eine locker sitzende Jeans und ein dunkelgrünes T-Shirt, gerade hat er Pause. Der 31-Jährige läuft langsam und etwas schief, seit einem schweren Autounfall vor einigen Jahren ist er sowohl körperlich als auch geistig eingeschränkt.

Zuvor hatte Florian eine Ausbildung zum Maschinenschlosser begonnen, konnte Auto fahren. Seit dem Unfall lebt er wieder bei seinem Vater. Florian würde gerne als Maschinenschlosser arbeiten und wieder Auto fahren. Seit dem Autounfall geht das nicht mehr. Immerhin kann er in der Landwirtschaft der Lebensgemeinschaft arbeiten.