Gemeinschaftshaus Sen Se e.V. / Mikroappartments The Flag
Bild © Sophia Averesch (hessenschau.de)

Er ist Student und wohnt im Mikroapartment, sie als Rentnerin in der Senioren-Hausgemeinschaft. Beide leben in Singlehaushalten - so wie immer mehr Menschen in Hessen. Doch auf Gesellschaft wollen die beiden trotzdem nicht verzichten.

Wohnen und arbeiten auf wenigen Quadratmetern. Student Nikolas Schwald lebt in einem Mikroapartment. Das Wichtigste für ihn: Unabhängigkeit. Die 75-jährige Herma Driesch hat sich bewusst für gemeinschaftliches Wohnen entschieden, mit Raum für sich. Sie lebt zusammen mit zwölf anderen Senioren in einer Hausgemeinschaft. Auch das ist ein Trend: Gemeinschaftliches Wohnen im Alter.

Renter, Berufstätige, Studenten: Heute gibt es mehr als doppelt so viele Singlehaushalte in Hessen als noch 1950. Es geht teuer und klein, aber auch günstig und groß. Der Trend geht in den Städten in Richtung kleiner, hochwertiger Apartments. In Großstädten wie Frankfurt schießen luxuriöse Wohntürme aus dem Boden - auch für studentisches Wohnen und Wohnen auf Zeit mit Rundum-Service. Qualitatives Wohnen auf nötigstem Raum, in bester Lage und allein - das ist das Konzept.

Mikroapartments: Wohnen auf 34 Quadratmetern

Nikolas Schwald Mikroappartment
Nikolas Schwald wohnt in einem Mikroappartment in Frankfurt. Bild © Sophia Averesch (hessenschau.de)

Im Frankfurter Nordend duscht, schläft, isst, kocht und lernt Nikolas Schwald auf 34 Quadratmetern. 750 Euro zahlt der 21 Jahre alte Student jeden Monat - warm, inklusive Internetzugang. Ein gemeinsamer Fitnessbereich und eine Chill-Area sind noch in Bau, denn Schwald wohnt schon in seinem Mikroapartment, das Gebäude ist noch nicht ganz fertig.

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Daten & Fakten

Der Trend ist eindeutig: Seit Jahrzehnten geht der Anteil der Singlehaushalte in Hessen nach oben. Waren 1950 noch 19% aller Haushalte
Einpersonenhaushalte, so betrug die Zahl 2015 bereits 40%. "Hauptstadt" der Singlehaushalte ist Gießen mit einem Anteil von etwa 50%.

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Er ist nicht der Einzige: Das Mikroapartment-Haus an der Campus-Meile in der Adickesallee sei schon im September zu 87 Prozent ausgebucht gewesen, sagt Monika Wagner, Leiterin von "The Flag" Deutschland. Gewerkelt wird noch an den Gemeinschaftsräumen, einem Café und dem Eingangsbereich innen und außen.

332 Mikroapartments entstehen in nur einem Gebäude. Auf acht Stockwerken, mit Fokus auf das studentische Wohnen. Das Standard-Apartment: 23 Quadratmeter für monatliche 600 Euro Warmmiete, ohne Möblierung. Wenige hundert Meter weiter richtet sich eine weitere "The Flag"-Filiale mit möblierten "Serviced Apartments" eher an Berufstätige.

"Meine Räumlichkeiten habe ich gerne für mich alleine"

Nikolas Schwald Mikroappartment Küche
Nikolas braucht seine Küche nicht teilen. Jedes Zimmer hat eine eigene Einbauküche. Bild © Sophia Averesch (hessenschau.de)

Jura-Student Schwald hat seine alten Möbel von seinem ersten Uni-Standort Bayreuth mitgenommen. Eine WG kam für den gebürtigen Karlsruher nicht infrage, sagt er: "Ich bin ein sehr eigener Mensch, habe gern mein eigenes Badezimmer und bin lieber selber dafür verantwortlich, wie es in meiner Küche aussieht. Ich lebe gerne mit Anderen zusammen, nur meine Räumlichkeiten habe ich gerne für mich alleine." Gerade wenn es im Studium härter zugehe, habe er die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und alleine lernen zu können.

Nikolas Schwald Mikroappartment
Hier ist der Schlafbereich. Die Möbel hat der Student mitgebracht. Bild © Sophia Averesch (hessenschau.de)

Viel Platz benötige er nicht. "Mehr Raum brauche ich als Alleinstehender nicht. Man muss alles dann auch putzen. Im kommenden Referendariat wie auch im Job werde ich viel zu tun haben, und dann bin ich ohnehin nur zum Schlafen zu Hause." Der Vorteil am Mikrowohnen? "Relativ hochqualitatives Wohnen für einen vergleichsweise schmalen Preis", findet Schwald. Vorausgesetzt, man setze die Qualität auf Priorität eins. Ansonsten würde man auch für die gleiche Miete eine größere Wohnung in Frankfurt bekommen.

Mikrowohnen in Hessen

Main-Atrium Offenbach
So wird das "Main Atrium" in Offenbach aussehen: 205 Single-Appartments, ein Fitnessbereich und eine Dachterrasse für die Gemeinschaft. Bild © i Live

"The Flag" ist nicht der einzige Anbieter für Mikroapartments in Hessen. "The Fizz" bietet im Frankfurter Stadtteil Gallus schon studentisches Wohnen in Mikroapartments an. 2018 folgt ein zweites Gebäude direkt am Main. An der Grenze zu Frankfurt wird in Offenbach derzeit das "Main Atrium" gebaut. Geboten wird unkompliziertes Wohnen für 205 Berufstätige, Studenten, Berufseinsteiger und temporäre Projektmitarbeiter. Im Gegensatz zu den anderen Anbietern werden diese Apartments von Betreiber "i Live" nicht nur vermietet, sondern auch verkauft - im Regelfall an Investoren, die die Apartments dann wiederum weiter vermieten. Fast alle sind nach Angaben des Unternehmens schon weg.

Die Gegenbewegung: Eine Hausgemeinschaft für Senioren

In einer eigenen Wohnung leben, das möchte Herma Driesch schon. Aber mit Gemeinschaft: Im Frankfurter Stadtteil Niederursel lebt die 75-Jährige zusammen mit zwölf anderen Senioren in einem Haus. Die Jüngste ist 62 Jahre, die Älteste 92. Zwölf Frauen, ein Mann. Jeder lebt für sich in einer Zweizimmerwohnung, dazu gibt es einen Gemeinschaftsraum. Sie sehen sich nicht nur als Nachbarn, sondern als Wahlverwandtschaft.

Portät Herma Driesch
Die 75-jährige Herma Driesch wohnt in einer Hausgemeinschaft für Senioren. Bild © Sophia Averesch (hessenschau.de)

"Gemeinsam statt einsam" lautet der Tenor der Hausgemeinschaft vom Verein "Sen-Se" (Senioren-Selbsthilfe für gemeinschaftliches Wohnen). Zusammen Altwerden und sich im Alltag unterstützen - das ist das Ziel der Gemeinschaft, nicht Pflege oder Betreuung. Denn was in Statistiken zum Thema Singlehaushalte oft übersehen wird: Ein großer Teil der sogenannten Singles lebt nicht aus freien Stücken unabhängig und alleine. Sehr häufig handelt es sich um ältere Menschen, deren Partner bereits verstorben sind.

Angst vor dem Älterwerden hat Herma Driesch nicht. Sie zog 2010 zusammen mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann in die neu errichtete Hausgemeinschaft ein, um im Alter nicht allein zu sein. Kinder hat das Paar nicht. So zogen sie als Einzige zu zweit ein. "Mein Mann und ich haben uns rechtzeitig um das Wohnen im Alter bemüht. Anfangs war er ein leichterer Pflegefall, angewiesen auf barrierefreies Wohnen und einen Aufzug", erinnert sich Driesch. Innerhalb von vier Wochen war die Entscheidung gefallen - nach 48 Jahren verließ das Ehepaar die alte Wohnung. Ihre jetzige Wohnung ist komplett barrierefrei, die Türen breit genug für Rollator und Rollstuhl, einen Aufzug hat das Haus auch.

Eine Pinnwand für Notizen der Hausbewohner und der Aufzug des Hauses
Über die Pinnwand kommunizieren die 13 Hausbewohner miteinander. Zum Beispiel, wenn jemand eine längere Zeit nicht im Haus ist. Bild © Sophia Averesch (hessenschau.de)

Ihre Mitbewohner im Haus kannten die beiden nur durch einige vorherige Treffen, erzählt Herma Driesch: "Wie es im Leben halt so ist: Man muss sich immer auf neue Situationen einstellen. Das Kennenlernen erfolgte dann hier mit dem Wohnen." Die Seniorin vertraut ihren Hausmitbewohnern inzwischen. Zwei haben einen Schlüssel zu ihrer Wohnung, um nach ihr zu sehen, falls etwas passieren sollte. Eine Entscheidung, die Driesch nicht bereut. Sie hatte bereits einen Herzinfarkt, ihre Nachbarn fanden sie und halfen ihr.

Der Flur im ersten Stockwerk des Hauses
Alles ist barrierefrei: Die Wohnungstüren sind extra breit, damit die Bewohner auch mit dem Rollator in die Wohnung können. Bild © Sophia Averesch (hessenschau.de)

Krankheit und Tod gehören zum Leben in der Hausgemeinschaft. Schließlich sei es ein Zuhause zum Altwerden, sagt Herma Driesch: "Ich bleibe hier, bis ich in der Kiste weggetragen werde." Ihr Mann und drei weitere Hausbewohner sind in den sechs Jahren Wohnzeit bereits verstorben. Eine Erfahrung, die die Gruppe zusammengeschweißt hat, findet Vereinsvorsitzende Roswitha Hill, auch Bewohnerin des Hauses.

Mehr als nur Nachbarschaft

Der Gemeinschaftsraum des Hauses
Das ist der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss des Hauses. Dazu gehören auch eine kleine Küche und WCs. Bild © Sophia Averesch (hessenschau.de)

Gemeinschaft ist im Haus wichtig. Es gibt einen gemeinsamen Gruppenraum, der für Familienfeiern genutzt wird, für Vereinsfeste, Vermietungen und monatliche Hausgemeinschaftstreffen. Eine Küche und zwei WCs. Bei den Gemeinschaftstreffen wird sich nach jedem erkundigt - bei Bedarf werden Ungereimtheiten zwischen den Bewohnern geklärt. Denn die gebe es wie in einer Familie ab und zu auch.

Einmal im Monat laden die Bewohner Familie, Nachbarschaft und Interessierte zum Sonntagscafé und zum Bingo-Nachmittag ein. Um die Idee des Vereins näherzubringen und um zu zeigen, dass "Sen-Se" alles andere als ein Altenheim ist.

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Hausgemeinschaft und Verein

Jeder Bewohner muss zwingend ein Mitglied im Verein "Sen-Se" sein. Denn nur mithilfe des Vereinswesen der Senioren-Selbsthilfe für gemeinschaftliches Wohnen unterstützte die Naussauische Heimstätte das Vorhaben als Bauträger. Sechs der 13 Wohnungen sind Sozialwohnungen. Durch die Gemeinnützigkeit des Vereins kann der Raum angemietet werden und es finden öffentliche Veranstaltungen wie das Sonntagscafé und der Bingo-Nachmittag statt.

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