Die Schülerinnen des Neuen Gymnasiums Rüsselsheim mit Kultusminister Lorz (CDU) und hr-Fernsehdirektorin Gaby Holzner
Die Schülerinnen des Neuen Gymnasiums Rüsselsheim mit Kultusminister Alexander Lorz (CDU) und hr-Fernsehdirektorin Gaby Holzner Bild © hr

Worüber müssen wir reden? Zum Lutherjahr haben sich Schüler überlegt, worüber sie streiten möchten - in einem Projekt von hr und Kultusministerium, das am Montag gestartet ist. Es geht um Vorurteile, Vorbilder, Heimat und darüber, warum Sport nicht fair ist.

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zum Video Schüler stellen 95 neue Thesen auf

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Unter der Überschrift "95 neue Thesen" wurden hessische Schulen eingeladen, diskussionswürdige Thesen für heute zu sammeln. Zwölf Schüler-Teams wurden ausgewählt und haben ihre Thesen zunächst in kurze Videos umgesetzt, die auf der Webseite www.95neuethesen.de online diskutiert werden können. Außerdem bauen die Teams kleine Webseiten, auf denen sie Fakten und Argumente rund um ihre Themen sammeln und mit Bildern, Filmen und Texten umsetzen.

Projekt "95 neue Thesen": Eröffnungs-PK
V.l.n.r.: hr-Redakteur Tom Klein, der das Projekt betreut; Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU), hr-Fernsehdirektorin Gaby Holzner Bild © hr

Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) startete das Projekt offiziell, gemeinsam mit der hr-Fernsehdirektorin Gaby Holzner und Schülerinnen des Neuen Gymnasiums in Rüsselsheim - die an diesem Tag vorlebten, welche Art von Diskussionen sie befördern möchten: Sie diskutierten mit Holzner und Lorz über die These: "Vorurteile schaffen Fremdenhass". Eine vermeintlich unwidersprochene These - zu der eine Schülerin, selbst aus einem muslimischen Elternhaus, schilderte, wie sie Vorurteile mit Humor und Übertreibung auf Distanz zu halten versucht.

Zitat
„Vorurteile haben wir alle. Der erste Schritt ist, sich das bewusst zu machen.“ Zitat von Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU)
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Tatsächlich, so die Schülerinnen in der Diskussion, haben Vorurteile auch ihr Gutes: Sie helfen, Menschen schnell einzuschätzen - und ihnen auch positive Eigenschaften zuzuschreiben. An diesem Punkt mischte sich Kultusminister Lorz in die Diskussion ein: Tatsächlich seien ja nicht nur Vorurteile oft problematisch, sondern gerade auch Menschen, die glaubten, sie hätten keine. Sich bewusst zu machen, wie Vorurteile uns steuern, und sich bewusst von ihnen frei machen - das erst ermögliche eine offene Auseinandersetzung in der Demokratie.

hr-Fernsehdirektorin Gaby Holzner vor der These: "Vorurteile schaffen Fremdenhass"
hr-Fernsehdirektorin Gaby Holzner Bild © hr

hr-Fernsehdirektorin Gaby Holzner, von den Schülerinnen auf die Rolle der Medien bei der Verfestigung von Vorurteilen angesprochen, gab zu, dass Reporter oft mit Bildern arbeiten, die auf Vorurteile anspielen - um komplexe Geschichten in knapper Zeit darstellen zu können. Andererseits lerne jede Journalistin, sich Vorurteilen gerade nicht auszuliefern, sondern alles zu hinterfragen, Belege und sichere Quellen zu suchen.

Auch die Fernsehdirektorin und der Kultusminister haben sich am Projekt mit eigenen Thesen-Videos beteiligt.

Eine Video-These entsteht

Szenenwechsel: Zu Gast in einer der beteiligten Schulen, der Adolf-Reichwein-Schule in Neu-Anspach, 10. Klasse, Religion: Die Schülerin Victoria schaut angestrengt auf den Bildschirm ihres Laptops in ein Video-Schnittprogramm. Die letzten Klicks, dann ist der erste Rohschnitt des Trailers fertig - ein kurzer Film, in dem sie und ihre Mitschüler ihre These vorstellen wollen: "Sport ist nicht fair!"

Diese These hat sich der Religionskurs in der 10. Klasse der Adolf-Reichwein-Schule ausgesucht, und der Film, den Victoria gerade fertig geschnitten hat, enthält Beispiele: ein grobes Foul, eine Rangelei, Geld und Aufputschmittel flackern über den Flachbildschirm.

Videobeitrag

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zum Video "Sport ist nicht fair!" - Video von Schülern der Adolf-Reichwein-Schule in Neu-Anspach

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Victoria blickt zum Medien-Coach. Sein Feedback: "Die Doping-Übergabe finde ich arg lang. Ich weiß, es ist brutal, aber versuch mal, ob du das ganze Ding auf die Hälfte der Länge gekürzt kriegst." Der Coach, das bin ich. An einer der zwölf Schulen, die an unserem Projekt beteiligt sind, helfe ich gemeinsam mit anderen Medienmachern den Schülerinnen und Schülern, ihre Ideen umzusetzen.

Aus der Erfahrung mit einem ähnlichen Schülerprojekt vor drei Jahren - dem Projekt "Grenzenlos", bei dem Schüler Mauerfall- und Grenzgeschichten erzählt haben - weiß ich: die Schüler brauchen viel weniger Beratung, als es unsere Medienmacher-Eitelkeit wahr haben will; ein kurzes Feedback reicht. Technisch habe ich ihnen im Umgang mit Kamera und Schnittsoftware wenig voraus. Und tatsächlich: Victoria blickt zu ihrem Mitschüler Leon, der kurz nickt. Gemeinsam machen sie sich wieder an die Arbeit. Es dauert keine halbe Stunde, dann ist die Endfassung des Thesen-Trailers fertig. Und er ist richtig gut.

Streiten lernen - im Netz

Natürlich: "95 neue Thesen" ist ein Produkt des Lutherjahrs - hat aber mit dem Reformator nichts zu tun. "Luther ist Geschichte - Eure Thesen sind Gegenwart", unter diesem Motto steht das Projekt, das der Hessische Rundfunk gemeinsam mit dem Kultusministerium aufgesetzt hat. Wie beim Vorgänger-Projekt "Grenzenlos" lautet das Ziel: Medienbildung für das Internet-Zeitalter.

Zitat
„Luther ist Geschichte - Eure Thesen sind Gegenwart.“ Zitat von Motto des "95 neue Thesen"-Projekts
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Kreative Medienarbeit rund um Themen, die die Schüler bewegen - und die im Netz diskutiert werden können. Zwölf Thesen (und zwölf Schulen) hat die Jury aus allen Bewerbungen ausgewählt - sie finden sich auf der Internet-Seite "95 neue Thesen" als Kurz-Videos. Darin geht es um Vorurteile, Vorbilder, um Heimat - oder eben auch darum, warum Sport nicht fair ist.

Bildergalerie
Screenshot: Hand mit Aufschrift "Carnivor"

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Die Filme selbst stehen bei Youtube - aber die Macher des Projekts haben sich übrigens bewusst entschieden, die Youtube-Kommentarfunktion abzuschalten und die Kommentare nur über die Projektseite zuzulassen. Zum einen wegen des rauen Umgangstons bei Youtube, vor allem aber, um dem Kommentar-Team eine Chance zu geben, die Kommentare zu sichten und zu beantworten.

Das Kommentarteam besteht natürlich auch aus Schülern. Das 13. Team im Projekt ist zuständig für das "Community Management" des Projekts, den Austausch mit den Nutzern. Die Schülerinnen dieses Teams sitzen am Neuen Gymnasium Rüsselsheim - und sind eben jene Schülerinnen, die zur Eröffnung des Projekts mit dem Minister diskutiert hatten.

Digital erzählen - Storytelling im Netz

Den Schülerinnen in Rüsselsheim hilft, dass an ihrer Schule Unterricht mit Tablets ebenso selbstverständlich ist wie (zeitweiser) W-LAN-Zugang. Den Zugang zum Netz brauchen aber alle Schüler-Teams, denn mit dem Thesen-Videos ist es nicht getan.

Projekt "95 neue Thesen": Eröffnungs-PK
Community-Managerinnen: Die Schülerinnen des Neuen Gymnasiums in Rüsselsheim sind für die Diskussion online zuständig - und haben bei der Eröffnungsveranstaltung demonstriert, wie sie Kommentare sichten und moderieren Bild © hr

Jede der zwölf Thesen-Schulen erstellt rund um ihre These eine Webreportage - nach dem offiziellen Start des Projekts Anfang Oktober haben die Schülerinnen und Schüler Zeit bis Weihnachten, um zu recherchieren, zu fotografieren, zu texten - und eine digitale Erzählung zu bauen.

Wie viel Unterstützung die Teams dann vielleicht doch noch von uns Coaches brauchen, bleibt abzuwarten. Fest steht nur: Wie beim "Grenzenlos"-Vorgängerprojekt werden Web-Specials entstehen, die man vielleicht Teenagern nicht zugetraut hätte - und die dann entsprechend gefeiert werden dürfen: Im Februar 2018 findet das Projekt seinen Abschluss mit einer großen Veranstaltung im hr.