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Tom Gauger und Rick Scarry bei einer Jubiläumsfeier (li.). Gauger während der Moderation (re.). Bild © Tom Gauger

Er legte die Beatles auf und verehrte Hildegard Knef: AFN-Moderator Tom Gauger schwärmt noch heute von seiner Zeit in den 60er Jahren in Frankfurt-Höchst. "Wir versuchten, uns zu benehmen, so gut wir konnten", sagt er im Gespräch mit hessenschau.de – und verrät das ein oder andere Geheimnis.

Nur knapp zwei Jahre moderierte Tom Gauger in den 60er Jahren beim US-Soldatensender American Forces Network (AFN), doch die Zeit in Frankfurt-Höchst hat ihn nachhaltig geprägt. So sehr, dass er sich bei hessenschau.de gemeldet hat, nachdem er unseren Beitrag über AFN auf der Webseite entdeckt hatte. Auf dem Titelbild prangte sein Gesicht. Warum sich der damals 22 Jahre alte Moderator auch ein halbes Jahrhundert später noch gerne an Hessen erinnert, erzählt er im Interview.

hessenschau.de: Herr Gauger, Sie sind in den 60ern vom amerikanischen Soldatensender AFN nach Deutschland entsandt worden und landeten in Frankfurt-Höchst. Haben die Amerikaner die Marschmusik aus den deutschen Radios verbannt?

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Tom Gauger: Ja, auf jeden Fall. Wir bei AFN hörten zwar auch Musik, die im Bayerischen oder Hessischen Rundfunk gespielt wurde, allerdings war diese eher steif (lacht). In dieser Zeit hat sich die Musikszene stark verändert. Anfang der 1960er gab es immer mehr Piratensender wie Radio Caroline oder Radio Luxemburg, die US Rock’n’Roll-Musik spielten. AFN entschied sich, einen ähnlichen Weg zu gehen. Sie gaben uns als Moderatoren in der Musikauswahl viele Freiheiten und gemeinsam mit den anderen Sendern trugen wir dazu bei, dass sich ein Wandel einstellte.

hessenschau.de: Der Radiosender richtete sich ja eigentlich an US-Soldaten. Dennoch liebten viele Deutsche das Programm.

Tom Gauger: Ja, nach der Auffassung der AFN-Verantwortlichen hatten wir offiziell keine deutschen Hörer. Sie nannten die Hörer "Shadow Audience" also Schattenpublikum, was durchaus amüsant war, weil ich doch wusste, dass wir in Deutschland ein enorm breites Publikum hatten. Vor allem junge Menschen hörten uns gerne.

hessenschau.de: Haben auch Stars bei AFN in Frankfurt-Höchst vorbei geschaut?

Tom Gauger: Oh yeah. Einmal kam die amerikanische Band "Beach Boys" zu einer Stippvisite zu AFN. Unser Sergeant Major, sein On-Air-Name war Sergeant Sam (Sommer), war allerdings sehr militärisch. Die Haarpracht der Beach Boys schockierte ihn. Er sah sich Brian Wilson genau an und sagte: "Du solltest lieber gehen und dir einen ordentlichen Haarschnitt verpassen lassen!" Die Beach Boys fanden das urkomisch und witzelten, denn sowas hatte sich noch niemand zuvor getraut.

Auch Tony Bennett war regelmäßig zu Besuch. Zudem sendete ich auch einmal aus der Jahrhunderthalle, als das "Count Basie Orchestra" zu Gast war. Das war ein großer Moment. Aber im Grunde schaute jeder aus den USA, der gerade in Deutschland unterwegs war, bei uns vorbei.

hessenschau.de: Sie haben unter anderem die Sendung "Music Off the Record” moderiert. Welches waren Ihre Lieblingslieder?

Tom Gauger: Oh, da gab es einige. Die Beatles fingen gerade an, richtig populär zu werden, also spielten wir viele ihrer Werke und auch ansonsten viel Popmusik. In sehr guter Erinnerung habe ich auch das Stück "Bread and Butter" von den Newbeats, das damals gerne gespielt wurde.

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Jegliche Musik, die gespielt wurde, musste vorher genehmigt werden, vom Militär oder dem State Department. Aus diesem Grund sagten Künstler wie Tony Bennett und Peggy Lee zu, der US-Regierung keine Lizenzgebühren in Rechnung zu stellen und so bekamen wir die Musik direkt von ihnen.

Und wie sah es mit Musik deutscher Künstler aus?

Tom Gauger: Ich verrate Ihnen ein kleines Geheimnis: Wir alle bei AFN hörten ja auch den Hessischen Rundfunk und die Moderatoren spielten häufig ein Lied namens "Wini-Wini" von den Tahiti-Tamourés. Das Lied war sehr berühmt im Jahr 1963 und ich spielte das eines Abends on air, obwohl es völlig illegal war, ohne Absprache Lieder aus Deutschland zu spielen. Zum Glück ist uns das nie zum Verhängnis geworden.

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Ein anderes Beispiel für illegale Musik, die wir spielten, war aus dem Film "Das große Liebesspiel" mit Hildegard Knef, Lilly Palmer und anderen. Ich war ein wenig verliebt in Hildegard Knef – und sie sang die Titelmelodie "Eins und Eins das macht Zwei". Ein wundervolles Lied.

hessenschau.de: Ihre Chefs haben Ihre Sendungen doch sicher auch gehört?

Tom Gauger: Ich glaube, unsere Chefs wussten, was wir da machen, aber solange es keine Beschwerden gab, ließen sie uns unsere Freiheiten. Für mich war es die freieste Zeit im Radio, obwohl ich gleichzeitig doch auch eine Menge Verantwortung trug. Ein 22 Jahre alter amerikanischer Soldat, der sein Mikrofon andrehte und erzählen konnte, was er wollte. Es fiel schon mal der Spruch: "Benehmt euch, sonst seid ihr ganz schnell wieder weg hier und draußen im Schlamm." Doch im Grunde vertrauten uns die Chefs und wir versuchten, uns zu benehmen, so gut wir konnten.

hessenschau.de: Wo waren Sie in Frankfurt-Höchst untergebracht?

Tom Gauger: Zunächst kam ich 1963 nach Nürnberg, eine sehr schöne Stadt, allerdings gefiel mir die Musik des Bayerischen Rundfunks nicht. Dann zog ich nach Hessen, in das Schloss in Frankfurt-Höchst. Dort befanden sich die AFN-Studios. Mein Zimmer war rund, es war in einem der Türme und man hatte eine wunderschöne Aussicht auf den Schlossplatz.

Ich hatte also den besten Blick auf mein damaliges Lieblingsrestaurant, "Zur Goldenen Rose", wo wir viel Zeit verbrachten. Im September 1965 ging es allerdings schon wieder zurück in die USA. Ich war also nicht so lange in Deutschland, es war aber eine prägende Zeit in meinem Leben. Zum einen wegen meiner deutschen Freunde, zum anderen war es toll, Radio in englischer Sprache zu machen und dabei einen Großteil Europas zu erreichen.

hessenschau.de: Wie lief denn die Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen bei AFN?

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Radio AFN

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hörprobe: Werner Lamp moderiert das Wetter anlässlich 50 Jahre AFN (1993)

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Tom Gauger: Es gab nie Probleme. Bei uns arbeiteten viele deutsche Ingenieure, die sehr akribisch waren und von denen manche sogar weiße Mäntel und Handschuhe trugen, während sie an der Übertragungstechnik arbeiteten. Mein Toningenieur Klaus beispielsweise war extrem gut. Ich erinnere mich auch an Werner Lamp, der Wettervorhersagen machte. Und natürlich an Gisela Breitkopf, die Leiterin der Musikbibliothek bei AFN.

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Sie war wie unsere Mutter. Wann immer von uns jemand Heimweh oder andere Probleme hatte, die wir nicht mit unseren Vorgesetzten besprechen konnten, gingen wir zu Gisela. Sie war so eine tolle Frau, ich vermisse sie sehr.

hessenschau.de: Wie kam AFN überhaupt nach Deutschland?

Tom Gauger: Der frühere US-Armee-General Dwight D. Eisenhower, bestand Ende des Zweiten Weltkriegs darauf, dass die in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten einen eigenen Radiosender bekommen. Das war der Startschuss für AFN in Westdeutschland.

hessenschau.de: Inwiefern wurde der Sender politisch genutzt?

Tom Gauger: Wir hatten sehr viele Freiheiten, aber einmal am Tag waren wir verpflichtet, die offizielle politische Ansicht der Vereinigten Staaten zu senden. Und zwar während meiner Sendung um 17.25 Uhr. Das fünfminütige Programm hieß "Todays Analysis of Events from Washington". Es war nicht mehr als die Sicht des Außenministeriums auf das aktuelle Weltgeschehen und es war höchst politisch. Der Inhalt wurde via Kurzwellenrundfunk zu uns geschickt. Abgesehen davon waren wir frei und konnten alle Lieder spielen, solange sie der eher konservativen Haltung des Militärs nicht entgegenstanden.

Das Gespräch führte Marvin Mendel.

Ihre Kommentare Welche Erinnerungen haben Sie an AFN? Was verbinden Sie mit dem US-Radiosender?

60 Kommentare

  • Der AFN war mein Favorit insbesondere deshalb, weil u.a. jeden Sonntag ca. gegen ab 13 Uhr die Top Thirty - oder Top Forty- zu hören war - dieser Sender spielte dann das Beste was an hits zu dieser Zeit erschienen war.

  • AFN war einfach Pflichtfach für die Jugend damals. Kein Englisch-Lehrer konnte uns das freiwillige Lernen der Sprache so vermitteln, wie AFN es vermochte....
    Aufgewachsen im mauerumbauten West-Berlin war AFN aber auch ein 'guter Freund'. Er war immer da, man konnte ihn immer hören...er vermittelte Freiheit und auch Sicherheit. Man hatte nicht ganz so viel Angst vor dem, was da politisch abging. Verwandte im Ostteil der Stadt hörten AFN, sogar DDR Soldaten. Nachts, heimlich, unter der Bettdecke. Riskierten enorme Strafen. AFN war halt die 'Große freie weite Welt'........
    AFN Frankfurt wurde später ebenfalls 'ein guter Freund'. Ja, auch ich erinnere mich sehr gut an viele Namen, an viele Leute. Und mit meinem 'Sugar coated Breakfast Flake' Benny wird AFN immer Teil unseres Lebens sein. Und manchmal sind wir traurig, das diese Zeit für immer vorbei ist.........Schade.
    AFN wird aber weiter leben........durch Menschen, die schöne Erinnerungen daran haben.


  • Meine beiden Twin-Cousins "brachten" bei Besuch aus Fankfurt/Main um 1964 den AFN mit nach Westsachsen. Empfang per Mittelwelle. Um 6:Uhr 05 flotte Musik, im Sommer in den Schulferien , aber auch nur dann, kein Problem. Im Osten wurde uns? (mir) nicht die Marschmusik, sondern die ewigen Pionierlieder weg getrieben. " North to Alaska" erinnere ich mich gern daran, Das hatte für einen Militärsender echt Stil. Was das Leben im Turm betrifft, dazu hätte ich für Tim Gaugher eine kleine Story aus dem Westharz (Wurmberg/Braunlage) parat. Über einen Kontakt zu Tim würde ich mich sehr freuen.
    Es bedankt sich H.-R. Gläser
    Jetzt in Magdeburg

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