Ehemaliges Technisches Rathaus Frankfurt
Das Technische Rathaus Frankfurt fiel dem Bau der neuen Altstadt zum Opfer. Jahrzehntelang wurde es als Schandfleck zwischen dem Dom und dem fachwerklastigen Römerberg angefeindet. Bild © picture-alliance/dpa

Klotzig, schnörkellos, grau - und ein bisschen Punk! Überall auf der Welt stehen Betongebäude, an denen sich die Geister scheiden. Brutalismus heißt der Baustil, dem das Architekturmuseum in Frankfurt huldigt - eine Rettungsaktion inbegriffen.

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Sainte-Bernadette du Banlay, Nevers, Frankreich, 1963–1966

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Sie werden geliebt – oder gehasst. Dazwischen ist nicht viel, keine Grautöne, außer natürlich am Baustoff, der meistens roher Beton ist. Die Rede ist von "Betonmonstern" aus den 1950er-,1960er- und 1970er-Jahren, wie etwa dem denkmalgeschützen Rathaus in Offenbach. Die Architektur hat für diese Art der Gebäude eine eigene Stilrichtung mit dem bezeichnenden Namen "Brutalismus" erfunden.

Architekturmuseum zeigt seine Liebe zu den Betonperlen

Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt gehört ganz offenbar zu den Liebhabern der grauen Riesen, die von vielen Menschen eher als Schandflecken in den jeweiligen Stadtbildern empfunden werden. Die Ausstellung "SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!" zeigt ab Donnerstag Architekturmodelle auf Sockeln, fast wie Kunstwerke. Fotos von Brutalimus-Bauwerken aus der ganzen Welt sind zu sehen - Israel, Marokko, der afrikansche Kontinent, die ehemalige Sowjetunion, Indien, Europa – überall wurden Gebäude in Beton gegossen und spalten seitdem die Menschen, die mit ihnen leben, in Fans oder Feinde.

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Brutalismus in der Architektur

Das Wort Brutalismus in der Architektur kommt nicht von brutal - auch wenn viele der Gebäude das durch ihre grobe Klotzigkeit nahelegen. Der Begriff wurde von der französischen Bezeichnung für rohen Beton, "Béton brut" abgeleitet. In Hessen zählen etwa das Offenbacher Rathaus, das Postamt in Marburg, die abgerissenen Gebäude AFE-Turm und Historisches Museum in Frankfurt, in Gießen das Universitätsbauamt, das Louisencenter in Darmstadt und viele andere dazu.

"SOS Brutalismus"
Deutsches Architekturmuseum
9. November 2017 bis 2. April 2018

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#sosbrutalism - Rettet die Betonmonster!

"Wir zeigen die brutalistischen Diven, skulpturale, individuelle Bauskulpturen, die das Ergebnis von schöpferischer, heroischer Bearbeitung sind", sagt Oliver Elser, bekennender Fan und Kurator der Ausstellung im DAM. "Man muss diese Betonmonster eigentlich in Schutz nehmen."

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Viele Beispiele für den Baustil "Brutalismus" sind bereits wieder verschwunden – weggesprengt, wie etwa der ehemals 36 Stockwerke hohe AFE-Turm in Frankfurt, der jahrzehntelang zur Uni gehörte und Geisteswissenschaftler in den Wahnsinn trieb, weil die Aufzüge immer überfüllt oder kaputt und die Treppenhäuser schmutzig und kahl waren.

Unter #sosbrutalism hat das DAM im Internet über tausend Gebäude gesammelt und archiviert, bedrohte Exemplare stehen auf einer roten Liste, das Museum versucht, weltweit Rettungskampagnen zu bündeln. Auch bei Denkmalschützern gibt es eine immer stärkere Tendenz, Gebäude des Brutalismus zu schützen.

Postamt Marburg Brutalismus
Auch das Hauptpostamt in Marburg ist ein Beispiel für Brutalismus in Hessen. Bild © Johannes Möhrle – 1976

Die Anti-Haltung in Beton gegossen

Das Architekturmuseum möchte die Monster also umarmen und zeigen, dass sie so schlimm gar nicht sind. Ganze Gebäude aus einem Guss zu errichten, sei eine hohe Kunst und erfordere "sehr viel, sehr präzise" Planungsarbeit. Oft sei die Verarbeitungsqualität dieser Bauwerke "ganz hervorragend" und man sehe ihnen ihren Entstehungsprozess an – die Sichtbarkeit der Arbeit, die in dem Gebäude steckt, gilt als ein ethisches Prinzip in der Architektur.

"Das war eine junge Generation von Architekten, die hatten so eine Punk-Haltung", sagt der Kurator. "Die wollten das Grobe, das Direkte, das Anti-Establishement.“ Im "Béton Brut" stecke die ganze Anti-Haltung drin. Im Vergleich mit anderen Materialien sei Beton ein günstiger und robuster Baustoff, "direkt" und "ehrlich". Und genau so sehe er eben auch aus.