Stand mit französischen Büchern auf der Frankfurter Buchmesse
Mehr als 550 neue Titel kommen zur Frankfurter Buchmesse auf Deutsch heraus. Bild © Imago

Ein Drama um ein getötetes Kind, der Weg einer berühmten Chefköchin - oder darf es das heitere Spiel mit Vorurteilen über Frankreich sein? Hier einige weitere Buchtipps vom diesjährigen Ehrengast.

Marie NDiaye "Die Chefin"

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Cover Marie NDiaye "Die Chefin"

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Ruthard Stäblein (hr2-kultur): In "Die Chefin" von Marie NDiaye verliebt sich ein Jungkoch in seine Chefin - und je mehr sie sich ihm entzieht, desto mehr verliebt er sich, und desto mehr möchte er von ihr erfahren. Manchmal erzählt die Dame, die auch die Schmeicheleien ihrer Gäste und Gastro-Kritiker nicht ertragen kann, ein wenig, doch alles andere erfährt der junge Mann von ihren Bekannten, die er ausfragt.

Die Chefin ist in armen Verhältnissen aufgewachsen, kommt mit 15 Jahren zu einer Familie der Bourgeoisie, die eine Essenskultur pflegt, wie sie es nur in Frankreich gibt. Irgendwann, wie das Leben manchmal so spielt, steht sie in der Küche der Familie, sie ist die geborene Köchin - und durch ihr Essen wird die Familie zu einer besseren. Und obwohl es zu der Zeit der 60er immer mehr von der Opulenz und Fleischeslust hin zur schlanken und schlichteren Nouvelle Cuisine geht, ist es bei der Chefin anders: Sie verbindet das Unbekannte mit dem Unerwarteten.

Der Erzähler hat selbst nur eine Ausbildung zum Koch und spricht manchmal rhetorisch gewandt wie ein Memoirenschreiber des 17. Jahrhunderts. Marie NDiaye benutzt erlesene Wörter mit präzisen Bedeutungen und kräftigen Kontrasten, sie pflegt einen raffinierten Satzbau mit gegenläufigen Rhythmen. "A la bonheur" heißt das Restaurant der Chefin - das heißt so etwas wie "gut so", "genau richtig", "geglückt" - und das kann man auch über den Roman sagen.

Pierre Lemaitre "Drei Tage und ein Leben"

Cover Pierre Lemaitre "Drei Tage und ein Leben"
Bild © Klett-Cotta

Caroline Wornath (hessenschau.de): In einem französischen Dorf verschwindet wenige Tage vor Weihnachten der sechsjährige Rémi. Für kurze Zeit lähmt die Tragödie die Dorfgemeinschaft, bis ein noch größeres Unglück über den Ort hereinbricht. Ein Jahrhundertsturm fegt durch halb Europa. Mit seinen Folgen überdeckt er nicht nur das Schicksal, das Rémis Familie so hart getroffen hat, sondern vernichtet alle Spuren.

Dass der zwölfjährige Nachbarssohn Antoine mit dem Verschwinden des Kindes etwas zu tun hat, ist für den Leser rasch klar. Es geht in Pierre Lemaitres "Drei Tage und ein Leben" auch weniger um kriminalistisches Gespür und die Lösung des Falls. Lemaitre nimmt uns mit in die Tiefe einer Täter-Psyche, analysiert dessen Ängste und zeigt die verzweifelten inneren Kämpfe auf. "Stell Dich, dann ist es vorbei", möchte man Antoine zurufen. Doch wäre es tatsächlich so einfach?

Lemaitre versteht es, der Geschichte bis zum Ende hin diverse unerwartete Wendungen zu geben. Ein Detail, das man fast schon vergessen hatte, taucht erst auf der letzten Seite wieder auf. Eine klug konstruierte Geschichte, die sich wegliest wie nichts.

Joseph Andras "Die Wunden unserer Brüder"

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Cover Joseph Andras "Die Wunden unserer Brüder"

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Ruth Fühner (hr2-kultur): Der Roman "Die Wunden unserer Brüder" von Joseph Andras rührt an ein reales Trauma der französischen Geschichte: die Kolonisierung Algeriens, die 1954 in den Algerien-Krieg mündete. Ein in Algerien geborener Franzose, Kommunist und engagiert in der Unabhängigkeitsbewegung, legt eine Bombe, die allerdings nicht explodiert, und wird zum Tode verurteilt. Der Justizminister, der dieses juristisch unhaltbare politische Urteil am Ende durchsetzt, ist Francois Mitterand.

Das Augenmerk des Romans liegt auf dem Helden Fernand Iveton, einem  jungen Fabrikmitarbeiter, der belesen ist, aber nicht unbedingt intellektuell, ein Kommunist, aber kein Dogmatiker. Iveton ist einfach ein Mann, der die Verachtung und Unterdrückung der Algerier durch seine französischen Landsleute irgendwann nicht mehr erträgt.

Der Roman hat Züge linken Kitsches: Der Held ist unglaublich scheu, zärtlich und durchweg gut, und die Liebe geht über Klassengrenzen hinweg. Der ganze Ton ist unmittelbar - und es ist eigentlich schwer zu glauben, dass dieser Roman aus dem Jahr 2016 stammt.

Martin Walker "Grand Prix"

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Cover Martin Walker Grand Prix

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Jochanan Shelliem (hr2-kultur): In "Grand Prix" von Martin Walker werden alle französischen Vorurteile bedient. Bruno, Chef der Polizei und Rugby-Trainer, ist begehrter Junggeselle in Périgord und als Hobbygärtner im Herzen seines Paradieses angekommen. Angesichts hässlicher Ereignisse im Umfeld einer Oldtimer-Rallye und wegen seines Engagements für die holde Weiblichkeit kommt er allerdings kaum zum Gärtnern und sein neunter Fall beginnt.

Die Karriere des bisher so glücklosen Pubertisten Philippe, arm und ein bisschen kriminell, begleitet die Machenschaften der Geldwäscher in diesem Roman, wobei auch Off-Shore-Konten und die ebenso finsteren Konten Arabiens eine Rolle spielen. "Grand Prix" beinhaltet viele französische Themen wie die Küchenkultur Frankreichs oder die ehrenhaften Veteranen der Resistance.

"Grand Prix" ist eine einzige Werbung für Frankreich, seine Landschaften, seine Lebensart. Werbeagenturen sollten ihre Tagelöhner rauswerfen und stattdessen in hochklassige Autoren investieren, Schriftsteller, die in der Region leben und aus dem tristen Ensemble ausgestorbener Dorflandschaften mit Planbauten und prekären Bewohnern, pittoreske Landschaften mit liebenswerten Städtern skizzieren.

Hédi Kaddour "Die Großmächtigen"

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Hédi Kaddour Buchcover

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Birgit Spielmann (hr2-kultur): "Die Großmächtigen" von Hédi Kaddour spielt zu der Kolonialzeit in den 1920ern und in einer fiktiven Kleinstadt, die sich am ehesten noch in einer Mischung aus Tunesien und Marokko befinden kann. Eines Tages bricht ein Filmteam aus Hollywood ein, um einen Wüstenfilm zu drehen, und wirbelt das Leben der Menschen durcheinander. Das Team hält nicht nur Kontakte zu den Kolonisatoren, sondern auch zu der einheimischen Bevölkerung, was folgenschwere Konsequenzen hat.

Hédi Kaddour beschreibt das kleinstädtische Milieu sehr ausufernd, die französische Gesellschaft auf der einen, die arabische auf der anderen Seite - und mittendrin die europäische. Die europäische Welt gehört auch in den Roman, vor allem Paris als zentraler Ort. Der Roman begeistert, man kann richtig abtauchen in die Geschichte und die Übersetzung ist auch sehr gelungen.

Murielle Rousseau "Savoir vivre - Leben wie eine Französin"

Savoir vivre Buchcover
Murielle Rousseau "Savoir vivre - Leben wie eine Französin" Bild © Insel

Kathrin Wesolowski (hessenschau.de): "La France" von A bis Z: Was hat es mit den französischen Accents auf sich? Was ist an dem Mythos dran, dass alle Franzosen mit Begeisterung Froschschenkel verzehren? Und was haben die Polizei und Hühner gemeinsam? "Savoir vivre", auf Deutsch etwa "Lebenskunst", klärt mit Witz und Charme die gängigen Klischees über Frankreich auf, erzählt überraschend Neues über unsere Nachbarn und lässt uns Frankreich von einer anderen Seite kennenlernen.

Lebensfreude, Verführung und auch das ständige Meckern sind angeblich typisch französisch - dieses Buch zeigt, wie Frankreich wirklich ist. Rousseau lässt uns eintauchen in das französische Savoir-vivre, sie spielt mit der deutschen und französischen Sprache, sie weckt Interesse mit den Ecken und Kanten des französischen Nachbarn. Die Illustrationen von Isabel Pin geben dem Ganzen noch das i-Tüpfelchen. "Wissen, wie man lebt" - ja, das wollen wir alle.

Grégoire Delacourt "Der Dichter der Familie"

Cover Grégoire Delacour Der Dichter der Familie
Bild © Hoffmann & Campe

Caroline Wornath (hessenschau.de): Als der siebenjährige Édouard sein erstes Gedicht schreibt, überschlägt sich seine Familie vor Begeisterung. Ganz klar, der Bub hat Talent, fortan gilt er als der Dichter der Familie. Stetig strampelt er sich ab und hofft bei seinen Eltern einen neuerlichen Anfall von überbordender Freude zu entfachen, doch was er auch tut, es misslingt. Auf der Suche nach dem Glück scheitert jedes einzelne Familienmitglied sowie das komplette Familienkonstrukt.

Grégoire Delacourt zeichnet in "Der Dichter der Familie" Charaktere nach, die auf Dauer ganz schön anstrengend sind. "Nein Édouard, nicht diese Frau!" möchte man dem jungen Mann zurufen, so greifbar schildert Delacourt das nahende Unheil. Das Glück findet sich nicht, wenn man einem Traum hinterherjagt, den andere für einen erdacht haben. Ein Buch, das einen zum Nachdenken bringt und phasenweise ganz schön aufs Gemüt schlägt - oder wartet auf Édouard am Ende doch noch ein Happy End?

Jean-Loup Trassard "Keimruhe"

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Cover Jean-Loup Trassard "Keimruhe"

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Florian Schwinn (hr2-kultur): "Keimruhe" heißt Florian Schwinns Roman und dieses Wort beschreibt die Zeit, die ein Keim braucht, bevor er keimt. Die Geschichte spielt in der Steinzeit, vor etwa 10.000 bis 20.000 Jahren. Ein Mensch bricht aus einem Dorf auf, um neue Gefilde zu erkunden und muss sich vor den wilden Tieren in Acht nehmen - vor allem aber vor den wilden Menschen. Es wird die Geschichte des Menschen erzählt, der vom Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern wird - und immer wieder wird die Geschichte aus der Steinzeit mit der jetzigen Gegenwart verwoben.

Das Besondere an dem Buch ist, dass der Leser Teil an der Empfindung der Natur haben kann. Es gibt Passagen, in denen die Steinzeitmenschen agieren, es gibt Passagen, in denen der Schriftsteller in seiner Zeit lebt und über die Schwierigkeiten darüber zu schreiben schreibt. Durch die Technik der Gegenwart fehlt unsere Verbindung zur Natur - und die bekommen wir durch solche Bücher zurück.

Dany Laferrière "Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden"

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Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden Buchcover

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Dany Laferrière "Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden"

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Jochanan Shelliem (hr2-kultur): Zwei schwarze Migranten leben in einer versifften Bruchbude mitten in Montreal. Der eine tippt ständig etwas in seine alte Schreibmaschine, mit Schaum vor dem Mund und Alkohol im Blut. Der andere liegt den ganzen Tag auf der Couch, hört Jazz und zitiert den Koran und Sigmund Freud.

Sex ist das Medium der Emanzipation für diese Schwarzen, und die neugierigen weißen Studentinnen der angesehen McGill-Universität repräsentieren, ohne es wissen zu wollen, das Exempel für den Befreiungskampf der jungen Underdogs in ihrer versifften Einzimmerwohnung.

"Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden" ist ein kraftvoller, ein politisch völlig unkorrekter Debütroman, den Mann und Frau hochwütend in die Ecke knallen kann, der aber voller Witz, Selbstironie und Wahrheit ist - aus einer Zeit, die heute schon historisch scheint.

Sie möchten weitere französische Autoren kennenlernen? Hier geht es zu unseren Buchtipps Teil 1. Ausgewählte Kinder- und Jugendbücher aus Frankreich finden Sie hier.