Michel Houellebecq
Michel Houellebecq kam im Anorak auf die Bühne im Frankfurter Schauspiel. Bild © picture-alliance/dpa

Frankreichs Star-Autor Michel Houellebecq mag die großen Inszenierungen. Vor rund 800 Besuchern im Frankfurter Schauspielhaus hielt er rauchend einen Monolog über den Niedergang der europäischen Kultur, die Popularität des französischen Romans und sein Image in Deutschland.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Im Anorak und mit E-Zigarette: Houellebecq im Frankfurter Schauspiel

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Wer gehofft hatte, Houellebecq werde über die vermeintliche Islamisierung des Westens und die Aktualität seines Buchs "Unterwerfung" sprechen, wurde enttäuscht. Der 61 Jahre alte Bestseller-Autor, der während seines Auftritts im Frankfurter Schauspiel am Mittwochabend seine E-Zigarette rauchte, vermied eine Diskussion über den Islam und die politischen Machtverhältnisse in Frankreich. Nur in einem kleinen Nebensatz warf er kurz ein, dass "wir uns keineswegs in einer Demokratie befinden".

"Das arrogante Volk wie früher"

Für den neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron fand Houellebecq sogar ein paar lobende Worte. Er habe schon vor einem Jahr das Potenzial Macrons erkannt, sagte der Schriftsteller. Unter Macron werde das gebeutelte Frankreich wieder zu seinem alten Nationalstolz zurückfinden. Man werde wieder das "arrogante Volk" von früher, ergänzte er mit ironisch-bissigem Unterton. Die Zeit der "Selbstgeißelung" sei aber noch nicht vorbei.

In seinem Roman "Unterwerfung", der zurzeit für die ARD verfilmt wird, entwirft Houellebecq ein fiktives Wahl-Szenario für 2022. Bei der Stichwahl entscheiden sich die Franzosen statt für den rechtsextremen Front National für eine gemäßigt-islamistische Partei. Ein muslimischer Politiker wird Staatspräsident und führt das Patriarchat und die Polygamie ein.

Zwar las der deutsche Schauspieler Wolfram Koch eine kurze Passage aus "Unterwerfung", Houellebecq ging jedoch mit keinem Wort auf sein heftig debattiertes Buch ein. Stattdessen beschwor das Enfant Terrible der französischen Literaturszene lieber das Ende Europas. Der europäischen Kultur gehe es schlecht, erklärte er. "Heute lesen die meisten die Literatur in ihrer eigenen Sprache oder Übersetzungen aus dem Englischen."

Europäische Kultur gab es nur im Mittelalter

Im Mittelalter sei das ganz anders gewesen. Damals habe es dank der lateinischen Sprache einen Austausch zwischen den Universität und eine wahre europäische Kultur gegeben. Nach dem Rückzug des Lateinischen habe später - ab dem 17. Jahrhundert - die französische Sprache die europäische Kultur dominiert. Anfang des 20. Jahrhunderts begann dann nach Houellebecq der langsame Verfall der europäischen Kultur. Wenn das kulturelle Europa nicht existiert, wie soll dann ein politisches Europa funktionieren?

Die französische Kultur indes hält Houellebecq momentan für ziemlich gut. Vor allem in Sachen Film gebe es viel Qualität. Auch die französische Literatur könne sich durchaus sehen lassen, besonders der französische Roman. Früher sei er oft gefragt worden, ob der französische Roman noch existiere. Heute frage ihn danach niemand mehr.

Roman hat Poesie kannibalisiert

Allerdings habe der Roman andere Gattungen der Literatur wie den Essay, das Gedicht oder auch die Tragödie "kannibalisiert". Der französische Star-Autor glaubt nicht, dass sich daran bald etwas ändern wird. "Die Dominanz des Romans wird sich fortsetzen."

Bei deutscher Literatur denkt Houellebecq vor allem an Schopenhauer, Novalis und Schlegel. "Der deutsche Romantismus hat sich im 19. Jahrhundert schneller verbreitet als später der Rockn'Roll." Von den heutigen deutschen Schriftstellern weiß der 61-jährige Franzose wenig.

Er hätte da aber eine kleine Empfehlung, nuschelte Houellebecq ins Mikrophon. Die Deutschen könnten sich doch verstärkt mit erotischen Romanen beschäftigen. "Wenn ich mir YouPorn anschaue, stelle ich fest, dass es ganz viele deutsche Porno-Produktionen gibt."

"Bin nicht aggressiv"

Von den Deutschen fühlt sich Houellebecq besser behandelt als zu Hause in Frankreich. Hier habe man früh erkannt, dass er gar nicht aggressiv sei. "Ich habe keine Probleme mit Medien", behauptete der umstrittene Star-Autor.

Nach seinem einstündigen Auftritt entschwand Houellebeq so, wie er gekommen war: über einen Hintereingang. Zurück blieb ein teils verzücktes, teils enttäuschtes Publikum. Ein bisschen mehr politische Einmischung hatten sich viele schon erhofft.