Frau liest ein Buch
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Sie stürmen Bestsellerlisten oder sind Geheimtipps unter Freunden: Diese zehn Bücher möchten wir Ihnen besonders ans Herz legen.

Lize Spit "Und es schmilzt"

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Cover Lize Spit "Und es schmilzt"

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Ariane Wick (hr2-kultur): "Dieses Buch ist meine persönliche Rache an das kleine Dorf, in dem ich aufgewachsen bin und in dem ich zwanzig Jahre gewohnt habe. Es ist eine Abrechnung mit meiner eigenen Jugend. Das Buch ist mein Eisblock, ich fühlte mich damals auch sehr einsam in meiner Jugend", sagt Lize Spit selbst über ihren Debüt-Roman "Und es schmilzt".

Eva wird in einem kleinen flämischen Dorf geboren, im selben Jahr mit ihr noch zwei Jungs, die ihre besten Freunde werden - bis die Pubertät kommt. Im Sommer 2002 wird Eva zum Spielball ihrer Freunde, die sie sogar vergewaltigen. Dreizehn Jahre später kehrt sie zu ihren alkoholabhängigen Eltern in das Dorf zurück, mit einem Eisblock im Kofferraum. Sie will sich bei ihren Peinigern und auch bei allen Leuten im Dorf, die einfach weggeschaut haben, rächen. Gleichzeitig hofft sie aber auch auf Rettung. Als man bemerkt, was sie tatsächlich vorhat, wird man sprachlos.

Einsamkeit und Menschen, die nicht geliebt werden, ist ein großes Thema in dem Roman. Diese Collage aus Wahrheit und Fiktion ist ein sehr persönliches, ehrliches Buch. Es reißt einen mit, man schmunzelt, man ist aber auch verzweifelt, schämt sich, ist traurig und schockiert zugleich.

Elena Ferrante "Die Geschichte der getrennten Wege"

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Cover Elena Ferrante "Die Geschichte der getrennten Wege"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Elena Ferrante "Die Geschichte der getrennten Wege"

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Birgit Spielmann (hr2-kultur): "Die Geschichte der getrennten Wege" ist der dritte Band in einer Tetralogie von Elena Ferrante. Wieder geht es um die Freundinnen Elena und Lila, die im zweiten Band raus aus der Armut und dem elenden Leben wollten.

Der dritte Band spielt in den 60er und 70er Jahren. Lila lebt mittlerweile getrennt von ihrem Mann, hat einen Sohn und arbeitet in einer Wurstfabrik unter miserablen Verhältnissen. Nicht nur die Bezahlung ist schlecht, auch kann der Chef jederzeit seine Mitarbeiterinnen vergewaltigen, die es über sich ergehen lassen, damit sie ihren Job behalten können. Auch Elenas Leben ist nicht, wie sie es sich erträumt hatte. Sie ist zwar mit einem Universitätsprofessor verheiratet, doch ihr Eheleben ist eine Sackgasse und auch den Sex lässt sie ohne jeglichen Spaß über sich ergehen.

Auch unter den Freundinnen kommt es zu Spannungen, mal sind sie sich sehr nah, mal sehr distanziert - ein ständiges Auf und Ab. Ferrante geht vor allem auf die schwierige  Situation von Frauen zu dieser Zeit ein, was vor allem durch die Gegenüberstellung der beiden Freundinnen deutlich wird.

Mariana Leky "Was man von hier aus sehen kann"

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Cover Mariana Leky "Was man von hier aus sehen kann"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mariana Leky "Was man von hier aus sehen kann"

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Bianca Schwarz (hr2-kultur): Der Roman "Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky ist in drei Teile geteilt. Zunächst geht es um Selma, die 60 Jahre alt ist. Sie lebt in einem Dörfchen im Westerwald und hat eine prophetische Gabe: Dreimal hat sie in ihrem Leben von einem Okapi geträumt, dreimal ist im Dorf daraufhin jemand gestorben. Als sie das vierte Mal von einem Okapi träumt, versuchen alle Dorfbewohner, die sehr kurios und besonders sind, die nächsten Tage zu überleben. Doch es stirbt trotzdem jemand.

Im zweiten Teil des Buches verliebt sich die Erzählerin Luise, die Selmas Enkelin ist, in einen aus Hessen ausgewanderten buddhistischen Mönch, der allerdings nach Japan in sein Kloster zurückkehrt - ohne sie. Im dritten Teil stellt sich dann heraus, ob die beiden doch irgendwie zueinander finden.

Leicht verschroben und verstockt, mutig und zweifelnd, als sympathisch und irgendwie chaotisch lernen wir die Erzählerin Luise kennen. Der Roman lebt von seinen leuchtenden Charakteren und vom lakonisch-süffisanten Ton, in dem er geschrieben ist.

Es ist eines dieser Bücher, die glücklich machen können, niemals kitschig, niemals oberflächlich sind, klug und einfühlsam und mit glühender Liebe zur Sprache.

Rainer Löffler "Der Näher"

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Kathrin Wesolowski (hessenschau.de): In Gummersbach werden zwei Frauen vermisst, die beide einen Abschiedsbrief geschrieben haben - nicht gerade ein spannender Fall für den Fallanalytiker Martin Abel. Doch schnell überschlagen sich die Ereignisse: Eine tote Frau und ein totes Baby werden einbetoniert gefunden, und Abel weiß, dass dieser Mord etwas mit den beiden Frauen zu tun haben muss. Als Fallanalytiker versetzt er sich in die Psyche des Mörders - der, wie sich herausstellt, nicht nur die beiden vermissten Frauen auf dem Gewissen hat. Der "Näher" ist skrupellos, ihm gefällt es, seine Opfer aufzuschlitzen und ihnen etwas einzunähen.

Der Autor erzählt immer wieder aus einer anderen Perspektive, mal aus dem Blickwinkel Abels, mal aus dem des Mörders, mal aus Sicht des Opfers. Von Kapitel zu Kapitel wird der Leser mehr in den Bann gezogen, will weiterlesen, will herausfinden, wie es weitergeht. Immer wieder gibt es Wendungen, neue Erkenntnisse führen den Fall in eine andere Richtung. Nur eins ist klar: Nichts ist, wie es scheint.

Robert Menasse "Die Hauptstadt"

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Robert Menasse "Die Hauptstadt"

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Mario Scalla (hr2-kultur): "Die Hauptstadt" von Robert Menasse ist ein politischer Roman. Der beste deutschsprachige Roman des Jahres, wie die Jury des Deutschen Buchpreises am Vorabend der Frankfurter Buchmesse befand. Es geht um viele Geschichten in einer, so auch um das Jubiläumsprojekt für 50 Jahre Europäische Union und Im- und Exporte. Der Roman handelt zudem von Entscheidungsfindung, dem Dschungel der Bürokratie und Lobbyismus.

"Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen", ist das Motto eines Kapitels und eigentlich auch des Romans, das sich auch auf die Form der EU übertragen lässt. Der Charme des Romans ist zudem, dass man nicht weiß, was Wahrheit und was Fiktion ist.

Die zweite Botschaft des Romans ist, dass das Unheil, das in der Bürokratie und in Brüssel angerichtet wird, immer geringer ist als das Unheil des Nationalismus. Würden wir mehr zusammenarbeiten, anstatt die Ellbogen auszufahren und nur um die Interessen des eigenen Landes zu kämpfen, wäre die EU viel stärker. Das Problem ist also nicht Europa, sondern es sind die nationalen Interessen. Am Ende des Romans ist man schon überzeugt, dass die EU ein politischer Fortschritt ist.

Jodi Picoult "Kleine große Schritte"

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Ariane Wick (hr2-kultur): Jodi Picoult wollte schon vor 20 Jahren über Rassismus in den USA schreiben, brach aber ab, als sie realisierte, dass sie als weiße Schriftstellerin nicht wirklich nachfühlen kann, wie es sich anfühlt, als Schwarze aufzuwachsen. 20 Jahre später las sie in einem Zeitungsartikel über eine afroamerikanische Hebamme. Diese kümmerte sich um ein Neugeborenes bis dessen Vater, ein Rechtsextremist, es ihr durch ihren Vorgesetzten verbieten ließ. Er wollte nicht, dass diese Hebamme sein Kind anfasst. Diese reale Szene dient als Vorlage für Picoults Roman. Das Baby stirbt, weil die Hebamme sich der Anweisung des Vaters beugt und in einer Notsituation nicht handelt - obwohl sie das Kind hätte retten können.

Aus drei verschiedenen Perspektiven erleben wir die Geschichte: Aus der Sicht der Hebamme, aus der Sicht des rechtsextremen Vaters und aus der Sicht einer weißen Pflichtverteidigerin. So lernen die Leser die drei Hauptpersonen in ihrem tiefsten Inneren kennen und begreifen, warum jeder auf seine Weise wie handelt. Dabei geht es um Verlust, Mut, um Vorurteile und um die Wahrheit. Ihr Anliegen - sich des alltäglichen Rassismus' bewusst zu werden - ist Jodi Picoult mit diesem Buch wunderbar gelungen.

Édouard Louis "Im Herzen der Gewalt"

Cover Édouard Louis Im Herzen der Gewalt
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Sonja Fouraté (hessenschau.de): In "Histoire de la violence" ("Im Herzen der Gewalt") verarbeitet Édouard Louis seine Vergewaltigung. Kern der Geschehnisse ist eine einzige Nacht: Édouard schlendert am 25. Dezember 2012 um vier Uhr in der Früh über die Place de la République im Zentrum von Paris. Reda, Anfang 30, algerischer Berber, läuft ihm über den Weg und flirtet ihn an.

Nach anfänglichem Zögern nimmt Édouard Reda mit in seine Wohnung. Zunächst lieben sie sich. Als Édouard Reda später des Diebstahls bezichtigt, kippt die Stimmung. Reda stranguliert Édouard, hält ihm eine Pistole an den Hinterkopf, vergewaltigt ihn - am Ende vertreibt ihn der Gepeinigte aus seiner Wohnung.

Weitere Informationen

Literarisches Wunderkind

Porträt des 24-jährigen Édouard Louis

Ende der weiteren Informationen

Der Roman ist keine Anklage, er ist eine kunstvoll verschachtelte Analyse: Zum einen berichtet Hauptfigur Édouard von seiner Schreckensnacht. Zum anderen lässt er seine (fiktive) Schwester zu Wort kommen, die ihrem Mann von dem Übergriff berichtet. Die beiden werden dabei von Édouard belauscht, was er wiederum innerlich kommentiert. Bruder und Schwester versuchen Reda zu verstehen und werfen einen Blick auf den tief in der Gesellschaft verwurzelten Rassismus.

Sprachlich ist "Im Herzen der Gewalt" atemberaubend: Von der ersten Seite an wird der Leser von einem Erzählfluss, besser einer Stromschnelle, mitgerissen. Die Angst, das Gefühlschaos des Autors, sind greifbar.

Doron Rabinovici "Die Außerirdischen"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Doron Rabinovici "Die Außerirdischen"

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Mario Scalla (hr2-kultur): Das Buch beginnt mit der Ankunft von Außerirdischen und nach einer Massenhysterie gibt es rasch einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine Gastro-Sendung, die die Aliens clever vermarktet. Die Neuankömmlinge sind grundsätzlich ungefährlich. Sie lassen Spiele veranstalten und versprechen Preise, doch wer verliert, bezahlt dies mit dem Leben. Die Teilnahme ist zwar freiwillig, aber das grausige Projekt geht über die Bühne. In der zweiten Hälfte wird das Buch ein moralisches Lehrstück um Widerstand, Anpassung und Grausamkeit.

Der Leser merkt schnell: Gut, das ist zwar Science-Fiction, aber das kenne ich doch, das war gerade in den Nachrichten - nur verfremdet. Insofern ist es ein ironisches Spiel mit doppelten Boden - mit leichter Feder geschrieben, aber es lässt tief blicken. Aus der vermeintlichen Science-Fiction-Geschichte ist eine dichte und originelle Erzählung mitten aus unserer Gegenwart geworden. Lesenswert? Unbedingt!

Dan Brown "Origin"

Alf Mentzer (hr2-kultur): Robert Langdon wird diesmal ins Guggenheim-Museum in Bilbao gerufen. Dort plant der erfolgreiche Technik-Guru und Futorologe Edmond Kirsch, ein ehemaliger Student Langdons, eine spektakuläre Enthüllung zu präsentieren und weltumstürzende Antworten auf die fundamentalen Fragen der Menschheit zu geben.

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Cover Dan Brown Origin

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Bevor es dazu kommt, wird Kirsch allerdings ermordet und der Versuch, seine Erkenntnisse gegen den Widerstand von dunklen Mächten in Kirche und Staat zu retten, führt Robert Langdon auf eine halsbrecherische Schnitzeljagd quer durch Spanien - mit all den erzählerischen Cliffhangern, verschwörungstheoretischen Abgründen und kulturellen Sightseeing-Ausflügen, die Dan Brown berühmt und beliebt gemacht haben.

Origin ist nicht ganz so rasant wie der Da Vinci Code, es ist nicht die Kaskade an Rätseln. Beeindruckend ist, dass Brown auf den ersten Seiten verspricht, die Antworten auf die großen Fragen der Menschheit zu haben. Ohne etwas zu verraten: Wir erfahren diese Antworten und das ist tatsächlich gut gemacht.

Valeria Parrella "Liebe wird überschätzt"

Frank Statzner (hr-iNFO): Wird die Liebe nun überschätzt oder nicht? Für Susanna, die in einem Jahr Abitur machen wird und nun auf einer Urlaubsreise mit ihren Eltern ist, ist die Sache klar. Ja, die Liebe wird überschätzt. Sie hat aber auch erleben müssen, wie ihr Vater ständig fremd ging und die Mutter über Jahre hinweg eine heimliche Beziehung unterhielt. Susanna hat es gemerkt und die Verlogenheit ihrer Eltern registriert. Und als der Freund der Mutter während der Urlaubsreise stirbt und die Mutter aus dem Gleichgewicht gerät, rechnet Susanna mit ihren Eltern ab.

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Liebe wird überschätzt Buchcover

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Valeria Parrella "Liebe wird überschätzt"

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Acht Geschichten erzählt Valeria Parrella in diesem Buch. Einige sind der Alltäglichkeit abgeguckt, andere sind sehr speziell. Es sind menschliche, realistische Geschichten. Auch wenn es mal ein symbolisch zugespitztes Bild gibt, wie das vom unverbrennbaren Körper des toten Mädchens: Das verträgt die Geschichte, und dieses Bild trägt sogar diese Geschichte. Überhaupt erzählt Parrella in Bildern. Sie beobachtet ihre Protagonisten in ihren Milieus oder sie lässt ihre Figuren selbst beobachten, was ihre Wirklichkeit ausmacht. Das macht einen großen Reiz dieser Erzählungen aus.

Valeria Parrella präsentiert Menschen, die sich neu erfinden, Ereignisse in ihrem Leben aufgreifen und sich weiterentwickeln. Sie beschreibt das in einer sensibel registrierenden und scharf beobachtenden Sprache: gekonnt, interessant und anregend.