Eine Frau liest ein Buch von Arnon Grünberg vor dem Schriftzug Flandern und die Niederlande.
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Ehrengast Flandern und die Niederlande liefert eine unglaubliche Fülle von Neuerscheinungen. Wir haben eine kleine Auswahl getroffen. Diese Autoren sollten Sie unbedingt kennen oder kennenlernen.

Arnon Grünberg "Muttermale"

Es passiert nicht oft, dass man ein Buch liest und sich nach mehreren Dutzend Seiten gemütlicher Lektüre nach einem Satz plötzlich fragt: Was habe ich da bitteschön gerade gelesen? Kann es sein, dass ich irgendetwas übersehen habe, denn dieser eine Satz lässt alles zuvor Gelesene schlagartig in neuem Licht erscheinen.

Cover Muttermale Arnon Grünberg
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Weder Klappentext noch die bis zu diesem Zeitpunkt erzählten Episoden aus dem Leben des Psychiaters Otto Kadoke lassen erahnen, was tatsächlich in dieser Geschichte steckt - und man kann nur hoffen, dass die Rezensenten auch tunlichst die Klappe halten. Denn dieser "Hä-Moment" auf Seite - nein, auch das wird nicht verraten - also dieser Augenblick des verdutzten Innehaltens und Neusortierens sollte jedem Leser gegönnt sein.

Im Leben des Psychiaters Otto Kadoke, der in einem Krisenzentrum arbeitet, gerät einiges durcheinander. Notfälle sind eigentlich sein Hauptgeschäft, die Krisen anderer Leute seine Daseinsberechtigung. Seine pflegebedürftige Mutter wird rund um die Uhr von zwei nepalesischen Frauen versorgt, doch als Kadoke sich in eine von ihnen verliebt, wird er übergriffig und schlägt die Hilfskräfte gleich beide in die Flucht.

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Insgesamt läuft es in puncto Frauen für den kinderlosen Anfang-Vierziger suboptimal, dass er sich nun auch noch um die Pflege seiner Mutter kümmern muss, macht die Sache nicht leichter. Ach ja, die Liebe - und zwar in all ihren Facetten - sie ist das alles beherrschende Thema in Grünbergs Muttermale. Berührend, liebevoll und phasenweise urkomisch - so viel Wärme und Fürsorge war selten zwischen zwei Buchdeckeln, dabei liegt der Kitschfaktor bei null. (cawo)

Dimitri Verhulst "Die Unerwünschten"

Cover Dimitri Verhulst Die Unerwünschten
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Mit "Die Beschissenheit der Dinge" hat der flämische Autor Dimitri Verhulst vor einigen Jahren eine schonungslose Autobiographie abgeliefert - brutal, traurig aber phasenweise auch schrecklich komisch. Ein Publikumserfolg, der schließlich verfilmt wurde. Seine Erlebnisse in einem Kinderheim sparte er damals aus und holt diese jetzt mit "Die Unerwünschten" nach.

Darin erzählt Verhulst zwei voneinander unabhängige Geschichten von Missbrauch und Missachtung, Lieblosigkeit und der verzweifelten Suche nach Wärme und Geborgenheit. Die 17-jährige Gianna springt aus dem Fenster, Stefaan und Sarah werden zu Kindsmördern. Der Tod als heimliches Reiseziel einer verzweifelten Suche. Die eigentlichen Taten rücken in den Hintergrund, Verhulst konzentriert sich auf das Drumherum, das er mit bitterbösem Humor und scheinbar resigniertem Schulterzucken beschreibt. Eindrücklich, schonungslos und im Grunde tieftraurig. 144 Seiten, die man nicht mehr aus den Händen legen möchte - auch wenn einem eine Verschnaufpause vom Gelesenen zwischendurch gut täte. (cawo)

Leon de Winter "Geronimo"

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Cover Leon de Winter "Geronimo"

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"Geronimo - das Codewort für Osama bin Laden. Der Tod des Al-Qaida-Anführers wird von Leon de Winter zwar aufgegriffen, er spielt dann jedoch mit der Phantasie der Leser." - "Das Buch erinnert an ein Drehbuch, es ist ein Thriller, mit einem starken Bezug zur Wirklichkeit. Man weiß nie so genau, ist das alles wirklich passiert oder ist es Fiktion?" - "Das Buch regt Fragen an, die man sich schon damals gestellt hat, wie beispielsweise: 'Warum wurde bin Laden überhaupt getötet?" - "Der Roman ist traurig, schockierend, rührend und spannend bis zum Ende. Die Hauptfiguren schließt man schnell ins Herz und sie bleiben einem lange in Erinnerung."

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Saskia de Coster "Wir & ich"

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Cover Saskia de Coster Wir & ich

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"In Belgien ein Bestseller, der Fifty Shades of Gray von der Liste verdrängt hat." - "Ein komplexer Familienroman, der ironisch und knallhart die reiche Gesellschaftsschicht entblößt." - "De Coster macht es spannend, denn wir ahnen beim Lesen, dass etwas Schlimmes passiert." - "Amüsant geschrieben und man kommt auf seine Kosten."

Hendrik Groen "Eierlikörtage"

Cover Eierlikörtage Hendrik Groen
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Es gibt Bücher, bei denen weiß man schon nach wenigen Seiten, dass das Ende der Geschichte viel zu schnell kommen wird. "Eierlikörtage" ist ein solches Buch - sofern man auf garstigen Humor und traurige Wahrheiten steht, die trocken und ungeschönt präsentiert werden. Ein 83-jähriger Altenheiminsasse, der aus lauter Langeweile beginnt Tagebuch zu schreiben - das klingt eigentlich nicht so, als müsse man das unbedingt lesen. Aber weit gefehlt, denn Hendrik hat viel zu erzählen. Krankheit und Tod klammert er nicht aus, was in einem Altenheim auch schwerlich möglich wäre, doch viel wichtiger sind Freundschaft, Lebenslust und Verliebtheit, vor der man wohl in keinem Alter sicher sein kann. Man wünscht sich einen Papa, Opa oder Freund wie Hendrik und ihm und seinen Freunden vom Club Alanito (Alt aber nicht tot) möchte man am liebsten einen Besuch abstatten. Nach der Lektüre bleibt der Trost, dass in den Niederlanden bereits die Fortsetzung erschienen ist. (cawo)

Joost de Vries "Die Republik"

Cover Joost de Vries Die Republik
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Dieser Roman hat viel Gutes, aber eine Hürde – der Leser muss es durch die ersten Seiten schaffen. Denn da ist Friso noch die rechte Hand von Professor Josip Brik: internationaler Hitlerexperte, Mann des Geistes, bewundert, genial und so. Nachwuchswissenschaftler Friso hat sich derweil so verbissen in philosophische Sphären, dass er völlig verkopft daher erzählt. In eifrigem Doktoranden-Sprech.

Friso nervt. Besonders, wenn er so aufdringlich untertreibt – er sei ja zum Beispiel überhaupt gar nicht das "intellektuelle Klangbrett" von Professor Brik. Auf den ersten Seiten des Romans heißt es deswegen: Durchhalten. Denn dann stirbt Brik plötzlich bei einem Sturz aus seinem Hotelzimmer und die Geschichte beginnt. Völlig unerwartet erfährt Friso von einem Konkurrenten – ein fieser Stachel in seiner Eitelkeit. Stand etwa ein anderer dem Toten noch näher? Ist Friso überhaupt einzigartig?

Joost de Vries schreibt mit herausragender sprachlicher Genauigkeit, er malt mit wenigen Worten Bilder in den Kopf seiner Leser. Und doch ist es manchmal einen Tick zu viel, zu viele pop-kulturelle und pop-philosophische Anspielungen, zu viel Hitler, zu viel Kopf – wo de Vries doch gerade an anderen Stellen so stark ist. In den Momenten, wenn Friso zweifelt, verzweifelt und sich versteigt. Und besonders dann, wenn Friso liebt. Dafür lohnt sich das Lesen. (süss)

Connie Palmen "Du sagst es"

Cover Connie Palmen "Du sagst es"
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Mit rasantem Tempo stürzen sich Sylvia Plath und Ted Hughes in eine fatale Liebesbeziehung. Die beiden Autoren gelten als eines der berühmtesten Liebespaare der modernen Literatur und, als Sylvia sich 1963 das Leben nimmt, ist für Außenstehende die Rollenverteilung klar. Sie die Märtyrerin, er der Schuldige am Drama. Hughes äußerte sich zu Lebzeiten nicht zu den tatsächlichen Begebenheiten und so konstruiert Connie Palmen anhand von Gedichten und Texten aus dem Nachlass eine fiktive Autobiographie. Das gelingt ihr mit solch plausibler Intensität, dass man sich beim Lesen immer wieder aufs Neue vergegenwärtigen muss, dass es lediglich so gewesen sein könnte. Die Geschichte einer großen Liebe - über den Tod hinaus. (cawo)

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Margriet de Moor "Schlaflose Nacht"

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"Diese Ich-Erzählerin leidet schon sehr lange darunter, dass sie nachts eben immer mal wieder aufwacht und dann stundenlang nicht einschlafen kann. Das hat natürlich mit dem Selbstmord ihres Mannes auch zu tun." - "Offenbar steht sie öfter mal in der Nacht auf und backt Kuchen, wenn sie nicht schlafen kann." - "So bekommt die Frau immer wieder Besuch von Männern, die sie über Kontaktanzeigen kennenlernt." - "Mir macht es immer wieder ein ganz großes Vergnügen, die Bücher von Margriet de Moor zu lesen." - "Margriet de Moor ist ja eine Meisterin des feinen Beobachtens, sie beschreibt sehr genau die Innenwelten der Erzählerin."

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Niña Weijers "Die Konsequenzen"

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Cover Nina Weijers Die Konsequenzen

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"Es ist spannend, allmählich Minnies ungewöhnlicher Geschichte und ihrer Kunst auf die Schlichte zu kommen, Rückblick für Rückblick setzt sich das Puzzle zusammen." - "Weijers kann virtuos Stimmungen erzeugen von Lichtverhältnissen wie zwischemenschlichen Beziehungen. Originell, atmosphärisch dicht und eindrücklich." - "Es gibt Romane, die trägt man immer bei sich. 'Die Konsequenzen' ist so einer - ein Kleinod." - "Die schräge, witzige, kluge Minnie hat mich so gut unterhalten, dass ich nach der letzten Seite wehmütig wurde."

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Cees Nooteboom "533 Tage. Berichte von der Insel"

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Cover Cees Nooteboom "533 Tage. Berichte von der Insel"

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"Man taucht wirklich in die Gedankenwelt eines über 80-jährigen, sehr weisen, reifen Schriftstellers ein und dabei kommt man Nooteboom sehr nahe." - "Er denkt sehr kritisch über Europa nach, auch über Politiker. Er schreibt über Literatur, über Flüchlinge, Musik und vor allem David Bowie, dessen Leben er als 'Kunstwerk' bezeichnet. Er spricht über Filme und das Weltall, das ihn begeistert wie einen kleinen Jungen, aber eben auch über seine Pflanzen." -"Er macht sich auch viele Gedanken über Spinnen und Motten und fügt sogar auch Fotos hinbei." - "Er entwickelt an vielen Stellen bei seinen präzisen Beobachtungen einen wunderbaren Humor. Stellenweise gehen seine Gedanken aber auch ein bisschen mit ihm durch und wir kommen gar nicht mehr mit." - "Man bekommt interessante Anregungen, mal anders über gewisse Dinge nachzudenken."

Lodewijk van Oord "Das letzte Nashorn"

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Cover Lodewijk van Oord Das letzte Nashorn

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"Die Geschichte wird bis zum Ende immer surrealer." - "Ein ernstes und ernsthaftes Anliegen, das mit großem Unterhaltungsmoment behandelt wird." - "Da dauernd etwas passiert, bleibt es bis zum letzten Moment spannend." - "Auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet der Autor." - "Auf so eine abgedrehte Geschichte muss man erst mal kommen."

Maarten 't Hart "Magdalena"

Die Mutter von Maarten´ T Hart war Zeit ihres Lebens streng religiös, und glaubt man dem Sohn, so stand ihr die Religion auch ständig im Weg. 2012 starb die Mutter, Magdalena, und der niederländische Erfolgsautor, selbst mittlerweile über 70 Jahre alt, setzte sein autobiographisches Erzählen fort – indem er mit „Magdalena“ eine Leerstelle füllt. Er schreibt über seine Mutter, die ihrem Sohn das Schreiben über sich verboten hatte, solange sie noch lebte.

Cover-Magdalena (Maarten t Hart)
Bild © Piper

Es war nicht das einzige Verbot, dem Vater verbot sie den Pferdemarkt, die Feuerwehr und die Frauen, den klugen Sohn Maarten wollte sie vom Gymnasium abbringen, am meisten aber war für sie selbst nur wenig erlaubt. Eine distanzierte und harte Frau. Maarten T´ Hart ist in den Niederlanden nicht nur für seine Romane sehr bekannt, auch für seine Kritik am niederländischen Calvinismus, überhaupt die Religion allgemein – und so hat seine Mutter in seinem Roman einen schweren Stand.

Eines Tages beobachtet der kleine Maarten, wie Kühe, Schafe und Ziegen in ein Schiff verladen werden – 20 Sekunden braucht ein Tier im Schnitt um die Laufplanke zu bewältigen, manche störrisch, manche schneller. Für Maarten bedeutet das nach einer Hochrechnung, Noah hätte niemals so schnell die Arche beladen können, wie die Bibel sagt. Mit seinen Zweifeln bewaffnet konfrontiert er den Pastor im anschließenden Katechismusunterricht: „Der Herr wird damals bestimmt dafür gesorgt haben, dass alle Tiere im Eiltempo eingeladen wurden“ schnauzt ihn der Glaubensmann an. „Du hast dich verrechnet“, stellt seine schlicht Mutter fest.

Die Argumente des Sohnes prallen immer wieder gegen die So-ist-das-Wand. Das als Geschichte des Sohnes über seine Mutter angelegte Buch, leidet bisweilen daran, dass die Mutter einfach nicht greifbar ist, ihr Leiden da, aber nicht spürbar. Und der Sohn, mit nicht mal zehn Jahren, erzählt wie ein älterer wohlgebildeter Herr. Wen das nicht stört, der kann die Erzählkunst genießen und verkraftet wohl auch die leichte Ratlosigkeit, über Magdalena am Ende kaum etwas zu wissen. (süss)

Mehr Literatur vom Ehrengast Flandern und die Niederlande? Hier geht es zu Kinder- und Jugendbüchern. Sie mögen Romane aber die müssen nicht unbedingt vom Ehrengast sein? Dann hier entlang.

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