Souad Mekhennet
Souad Mekhennet während der Buchmesse 2017 im Frankfurter Presseclub Bild © Katrin Kimpel (hr)

Souad Mekhennet hat Terroristen enttarnt und begibt sich mit ihren Recherchen regelmäßig in Lebensgefahr: In ihrer Geburtsstadt Frankfurt hat die Top-Journalistin über ihr neues Buch, ihre eigene Geschichte und alte Wunden gesprochen.

Lange schwarze Haare, altrosafarbenes Kleid, dezenter Schmuck, sorgfältiges Make-Up und ein ernster Gesichtsausdruck: Souad Mekhennet sieht nicht aus, wie jemand, der sich oft monatelang in Kriegsgebieten aufhält. Doch die 39-Jährige gilt als "die mutigste Journalistin der Welt". Zur Buchmesse stellt sie ihr neues, hochspannendes  Buch "Nur wenn Du allein kommst. Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad" vor. Im Presseclub Frankfurt schildert die gebürtige Frankfurterin am Mittwochabend ihre gefährliche Arbeit als investigative Journalistin in der islamischen Welt und verbindet dieses Thema eng mit ihrer eigenen Biografie.

Zentrale Frage: Woher kommt der Hass?

Als Initialzündung, warum sie ihre Recherchen hinter die Fronten des Dschihad verlegte, nennt Mekhennet im Frankfurter Presseclub ein Gespräch mit der Witwe eines Feuerwehrmannes, der bei den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 in New York ums Leben gekommen war. Die Frage der US-Amerikanerin "Niemand hat uns gesagt, dass Ihr uns so hasst. Warum ist das so?" ließ sie nicht mehr los. Mekhennet ist das Kind türkisch-marokkanischer Eltern, geboren wurde sie in Frankfurt. Sie wirkt ernst, als sie diese Situation schildert, persönlich betroffen. Eine Antwort hat sie nicht. Der für sie naheliegende nächste Gedankenschritt sei dann gewesen: "Es ist gefährlich, aber let's try. Fragen wir diese Leute selbst nach ihren Motiven. Nur wenn wir wissen, wie sie fühlen, und warum das so ist, können wir verstehen, was dort passiert."

Mekhennet will wissen - und verstehen

Souad Mekhennet und Michael Hanfeld
Souad Mekhennet und Michael Hanfeld (FAZ) im Gespräch Bild © Katrin Kimpel (hr)

Die Frage nach dem Warum und ihre persönliche Betroffenheit sind die großen Leitmotive in Mekhennets Arbeit, Antreiber ist ihre eigene Geschichte. Mit großem Ernst schildert sie, dass ihre Kindheit und Jugend in Frankfurt von Diskriminierung und Ausgrenzung geprägt war - und das, obwohl sie mit liberalen Eltern, engen Freunden und der Schule ein stabiles Umfeld hatte. Dieses Umfeld fing sie auf, als 1992 und 1993 in Mölln und Solingen bei Brandanschlägen von Rechtsradikalen acht Menschen mit türkischer Abstammung getötet wurden. "Ich fühlte mich nicht mehr zur Gesellschaft zugehörig. Ich hatte Angst. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wären damals Rekrutierer für den IS aufgetaucht und hätten sich meiner angenommen." Dieses Gefühl der Nichtzugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft hat Mekhennet als eines der großen Motive für islamistischen Terror ausgemacht.

Lebensgefährliche Einsätze - große Recherchen

Statt sich zu verkriechen geht die junge Frau mit ihren Fragen nach draußen, wird Journalistin, und setzt ihr vermeintliches Anderssein als Werkzeug ein: Mekhennet kennt den Koran, spricht Türkisch, fließend Arabisch, Deutsch und Englisch. "Sprache ist der Schlüssel und bei der Recherche in arabischen Ländern ungeheuer wichtig." Und so dringt sie immer weiter vor, in die arabischen Krisengebiete, recherchiert im Irak, im Libanon, in Algerien, Jordanien, Pakistan, Ägypten, Tunesien, Bahrain, Iran. Sie deckte die Entführung und Folterung des Deutsch-Libanesen Khaled el-Masri durch die USA auf, interviewte Al-Kaida-Führer, enttarnte den IS-Henker, der unter dem Namen "Dschihadi John" bekannt wurde, und ist nach Anschlägen in vielen Fällen besser informiert als die Polizei, die froh wäre, mal einen Blick in ihr Adressbuch werfen zu dürfen. Oft sind ihre Einsätze hinter den Fronten des Dschihad lebensgefährlich.

Karriere nicht in Deutschland gemacht

Mekhennets Artikel werden in sämtlichen renommierten deutschen Medien gedruckt und gesendet - von Spiegel über Stern und FAZ bis zum ZDF. Doch ihre Homebase sind schon lange die USA, wo sie inzwischen die "Sicherheitskorrespondentin" der Washington Post ist. Bei diesem Thema wird die internationale Top-Journalistin in ihrer Geburtsstadt Frankfurt ein bisschen persönlich und offenbart eine Wunde, die ihr in Deutschland zugefügt wurde. "In Amerika wurde meine Abstammung in Bezug auf meine Arbeit, anders als in Deutschland, nie als Problem, sondern immer als ein Plus angesehen." Mit festem Blick sagt sie, dass sie nicht einmal wisse, ob sie die Karriere, die sie in Deutschland gerne gemacht hätte, heute machen könnte, "trotz aller Kontakte, Preise, Auszeichnungen und Nummern in meinem Adressbuch". Die Vorbehalte gegen Muslime seien immer noch, oder immer mehr, riesig.

"Ich schreibe Realitäten auf"

Mekhennet spricht vor ihrem Publikum zwar über ihre Angst und ihre Antreiber, bleibt aber trotzdem weitgehend distanziert und analytisch, sagt kaum etwas, das man nicht auch in ihrem hochspannenden Buch nachlesen könnte. Fragen zu ihrer persönlichen Haltung zu Religion oder Politik lässt sie unbeantwortet, beruft sich auf ihre Profession. "Ich bin Journalistin. Ich schreibe Realitäten auf. Das ist mein Job. Ich lasse alle zu Wort kommen und bin allen gegenüber kritisch." Und das beantwortet auch die Frage, warum Terroristen überhaupt mit ihr sprechen: Weil sie sie zu Wort kommen lässt. Wie sie sich fühlt, wenn sie mit Mördern spricht, möchte sie nicht mit der Öffentlichkeit teilen. Auch im geschützten Raum des Frankfurter Presseclubs wirkt die "mutigste Journalistin der Welt" wie ein Mensch, der sehr darauf bedacht ist, sich zu schützen.

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Zur Person: Souad Mekhennet

Souad Mekhennet wurde 1978 in Frankfurt geboren. Sie ist die Tochter türkisch-marokkanischer Eltern. Erste Journalistische Erfahrungen sammelte sie unter anderem im Hessischen Rundfunk. An der Henri-Nannen-Schule für Journalismus in Hamburg war sie nach ihrem Abitur eine der jüngsten Bewerber, die angenommen wurden, und die erste Tochter muslimischer Eltern überhaupt. In Frankfurt studierte sie danach Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen.

Noch im Studium begann sie ihre Recherchen im Nahen Osten und in Nordafrika. Sie schrieb für zahlreiche Zeitungen, Zeitschriften wie Stern, Spiegel, Zeit oder die New York Times. Inzwischen lebt Mekhennet in den USA und ist als "Sicherheitskorrespondentin" bei der Washington Post angestellt. Mit "Nur wenn Du allein kommst" legt Mekhennet bereits ihr viertes Buch vor. Sie erhielt zahlreiche Preise, darunter den Deutschen Fernsehpreis für ihre ZDF-Dokumentation 9/11 gemeinsam mit Elmar Theveßen.

Souad Mekhennet
"Nur wenn Du allein kommst" - Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad
384 Seiten, C.H.Beck Verlag

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