Autor Dany Laferrière
Autor Dany Laferrière Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Dany Laferrière ist einer der bekanntesten französischsprachigen Schriftsteller. Im Interview erklärt der Exil-Haitianer, warum er sich über Geld keine Sorgen macht, wie verkehrt wir Haiti einschätzen – und weshalb er nicht Präsident der Académie Française werden will.

Geboren auf Haiti in Port-au-Prince, als junger Mann ausgewandert nach Kanada, heute zwischen Montréal, Miami, New York und Paris zuhause: Dany Laferrière war unter anderem Fabrikarbeiter, bevor 1985 sein erstes Buch erschien. Der 64-Jährige, der auch Mitglied der Académie Française - Frankreichs oberstem Sprachhüter-Gremium - ist, wurde mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt. In diesen Tagen ist er zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse, bei dem zwar Frankreich Ehrengast ist, aber tatsächlich der gesamte frankophone Sprachraum präsentiert wird.

buchmesse.ARD.de: Sie haben 1985 Ihren ersten Roman "Die Kunst, mit einem Neger zu schlafen, ohne müde zu werden" veröffentlicht. Was hat sich seit Ihrem ersten Roman verändert?

Dany Laferrière: Alles. Seither brauche ich kein einziges Flugticket, kein Hotelzimmer und nicht einmal ein Essen in einem Restaurant mehr bezahlen. Das ist unglaublich.

buchmesse.ARD.de: Hat Sie das überrascht?

Laferrière: Ja, das hat mich schon ein bisschen gewundert, dass ich mir von heute auf morgen keine Sorgen mehr um mein Geld machen muss.

buchmesse.ARD.de: Sie sind 1976 vor dem Diktator Jean-Claude Duvalier ("Baby Doc") aus Haiti geflohen und ins französischsprachige Québec nach Kanada ausgewandert, um dort zunächst in Fabriken zu arbeiten. Haben Sie diese Erfahrungen in Ihrem Erstlingsroman verarbeitet?

Laferrière: Ja, in gewisser Weise ist der Roman das Selbstporträt meines Lebens und meiner Träume in Québec gewesen.

buchmesse.ARD.de: Sie schreiben auf französisch, leben zwischen mehreren Welten in Montréal, New York, Miami und Paris und haben die haitianische Staatsangehörigkeit. Welche Identität haben Sie? Sehen Sie sich als haitianischer frankophoner Schriftsteller?

Laferrière: Nein, ich bin Schriftsteller und Haitianer, aber kein haitianischer Schriftsteller. Mit dem Begriff Identität kann ich nicht viel anfangen. Er wird heutzutage inflationär gebraucht. Die Identität ist angeboren.

buchmesse.ARD.de: Sie haben in den letzten 37 Jahren eine Menge Bücher geschrieben. Wie wichtig ist Ihnen die Frankophonie?

Laferrière: Die frankophone Literatur ist eine rein kommerzielle Idee. Ich selbst schreibe nicht für eine Sprache. Mein Vaterland ist die Freiheit.

buchmesse.ARD.de:  Wie wichtig ist Ihnen Ihr Geburtsland Haiti in Ihren Romanen? Schreiben Sie auch über das Leid und die Armut in Haiti?

Laferrière: Ich denke in meinen Romanen nicht an Haiti und Unglücke, sondern an meine Mutter oder meine Großmutter …

buchmesse.ARD.de:  Aber Sie haben doch über das Erdbeben vom 12. Januar 2010 ein eigenes Buch geschrieben: "Tout bouge autour de moi" ("Alles schwankt um mich herum") …

Laferrière: Ja, aber das war ein Buch über die Hoffnungen und die Träume der Haitianer, nicht über Naturkatastrophen. Die Insel hat ständig mit Wetterkapriolen zu kämpfen. Wirbelstürme fegen regelmäßig über Haiti hinweg, daran haben sich die Menschen gewöhnt. Man sollte Haiti nicht auf seine Armut und seine katastrophale wirtschaftliche Lage reduzieren. Es gibt auch ein anderes Haiti.

buchmesse.ARD.de: Wie sieht das aus?

Laferrière: Haiti ist ein Land voller Würde, Schönheit und Kreativität. Nirgendwo gibt es so viele Schriftsteller und Künstler wie dort. Wissen Sie, der frühere Kulturminister und Intellektuelle André Malraux hat einmal gesagt, dass Bauern, die ein Kunstwerk von Georges Braque anschauen, staunen und verstummen. Würde Braque die Gemälde von Haitis Künstlern anschauen, würde er verstummen. Haiti ist kein gescheitertes Land, sondern eine Erfolgsgeschichte.

buchmesse.ARD.de: Sie halten sich also mit Kritik an den politischen Zuständen in Haiti und anderswo zurück?

Laferrière: In meinen Romanen steht die soziale und politische Realität im Hintergrund. Sie spielt nicht die Hauptrolle. Denn Bücher sollen Hoffnung machen und Distanz ermöglichen. Das Ziel der Literatur ist es nicht, sich an diktatorischen Regimes zu rächen. Denn Diktatoren wollen uns besessen machen. Doch die Besessenheit, die Obsession zerstört die Menschen.

buchmesse.ARD.de: Als erster Farbiger nach Léopold Senghor sind Sie 2013 in die ehrwürdige Académie Française berufen worden. Was hat sich dadurch für Sie verändert?

Laferrière: Gar nichts, außer dass ich ein paar Annehmlichkeiten wie kostenloses Essen bekomme.

buchmesse.ARD.de: Nur noch rund 220 Millionen Menschen weltweit sprechen heute französisch. Ist das ein Thema, das die Académie Française beunruhigt?

Laferrière: Die Académie ist nicht dazu, die französische Sprache zu retten. Ihre Aufgabe ist es eher, darauf zu achten, dass die Sprache nicht missbraucht wird. Jede Sprache hat ein Gedächtnis. Das gilt es zu bewahren.

buchmesse.ARD.de: Stimmt es, dass Sie Präsident der Académie Française werden sollten?

Laferrière: Ja, einige haben mich gefragt, ob ich nicht Präsident der Académie werden möchte. Ich habe abgelehnt. Ich möchte keine Funktion haben, sondern frei bleiben.