Labor Ateliergemeinschaft: Jörg Mühle, Kirsten Fabinski, Philip Waechter, Zuni Fellehner (v.l.n.r.)
Vier der acht "Laboranten" in ihrem Atelier: Jörg Mühle, Kirsten Fabinski, Philip Waechter, Zuni Fellehner (v.l.n.r.) Bild © hessenschau.de

Klug und witzig: Die Kinderbücher der Frankfurter "Labor Ateliergemeinschaft" kennen keine Tabus. Jetzt haben die acht Künstler ihr persönlichstes Buch gemacht - und dafür auch ein paar Prominente ins Boot geholt.

Was ist schon normal? Kiwis im Supermarkt? Nein, die gibt es in Deutschland erst seit 1971. Und warum zwicken wir uns zur Begrüßung nicht kurz in die Nasen? Oder wackeln zum Abschied mit den Hintern? Das neue Buch der Frankfurter Künstlergruppe "Labor Ateliergemeinschaft" steckt voller verblüffender und witziger Details. "Ich so Du so" ist eine Wundertüte voller Bilder, Geschichten, Comics und Fotos.

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Auszug aus dem Buch der Labor Ateliergemeinschaft "Ich so Du so"

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Entstanden ist es in einem Hinterhaus vom Hinterhaus in Frankfurt-Sachsenhausen, im zweiten Stock. Früher war hier ein zahntechnisches Labor. Auf dem Klingelschild steht immer noch Labor, allerdings "Labor Ateliergemeinschaft". Acht Autoren, Illustratoren und Grafiker experimentieren hier seit nun fast 20 Jahren mit Farben, Wörtern und Formen. Dabei sind schon viele, auch preisgekrönte Bücher herausgekommen - vor allem Kinderbücher.

Eigene Steuererklärung, eigener Stil, gemeinsame Weltsicht

Jeder arbeitet auf eigene Rechnung, macht seine eigene Steuererklärung, seine Einzelprojekte und pflegt seinen Stil. Aber sie haben auch viel gemeinsam. "Einen ähnlichen Humor, eine ähnliche Weltsicht", zählt "Laborantin" Zuni Fellehner auf. "Wir mögen jeweils die Sachen der anderen", ergänzt Kollegin Kirsten Fabinski. Die "Laboranten" sind in ihrem Atelier gemeinsam groß geworden, beruflich wie privat. Aus den Studenten von einst wurden Profis, aus Paaren Familien mit Kindern.

Cover Ich so du so
Bild © Beltz

Obwohl jeder sich mit eigenen Projekten einen Namen gemacht hat, nahmen die gemeinsamen Aktivitäten im Laufe der Jahre zu. Ein Renner sind inzwischen die Kritzelbücher zum Weitermalen. Mit "Ich so Du so" wagten sich die "Laboranten" erstmals an gemeinsame Textarbeit. Eigentlich wollten sie das Thema Normalität und Anderssein an Obst und Gemüse aufziehen. "Eine krumme Gurke schmeckt ja auch gut", sagt Kirsten Fabinski. Aber dann wagten sie sich doch an Menschen. "Davor hatten wir ganz schön Respekt."

Gegen die Verkitschung der Welt

Das Buch soll Mut machen, so zu sein, wie man ist, und andere sein zu lassen, wie sie sind - so steht es im Klappentext. Die Leser können in einem Normal-O-Meter auswerten, für wie "normal" sie sich selbst halten. Darüber nachdenken, ob es Mädchen- und Jungenfarben gibt. Kinder aus allen möglichen Ländern verraten, was ihnen wichtig ist. Der elfjährige Moritz erzählt von seinem Leben im Rollstuhl - und seinen besonders starken Armen. Und auch das Thema Geschlechteridentität hat seinen Platz in dem Buch: "Wenn ich groß bin, bin ich dann eigentlich ein Mann oder eine Frau?", fragt ein Kind seinen Vater.

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Labor Ateliergemeinschaft

Die Künstlergruppe wurde 1999 auf Initiative von Anke Kuhl gegründet. Nach anfänglichen Wechseln ist die Zusammensetzung inzwischen seit vielen Jahren unverändert. Mitglieder sind: Anke Kuhl, Alexandra Maxeiner, Jörg Mühle, Moni Port, Natascha Vlahovic, Philip Waechter, von Zubinski (Kirsten Fabinski und Zuni Fellehner)

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Kinder ernst zu nehmen und ihnen etwas zuzutrauen - für die "Laboranten" ist das selbstverständlich. "Wir machen immer wieder Tabubrüche, sonst wär's ja langweilig", meint Jörg Mühle, um nach einer kurzen Pause hinterherzuschieben: "Eigentlich sind das für mich auch gar keine Tabus, wir sind einfach auf der Suche nach Wahrheit, oder zumindest Realität." Auf den Bildern der Labor-Künstler sieht man deshalb auch Kackhaufen, Strommaste oder Mülltonnen. "Ansonsten wäre das eine Verkitschung der Welt", sagt Mühle.

"Nicht lustig, Dirk Nowitzki mit 13 zu sein"

An einigen Stellen wird das neue Buch intim: Die Autoren erinnern sich - leicht und lustig illustriert - an Momente, in denen sie sich in ihrer Kindheit "unnormal" vorkamen: mit der ersten Brille, mit einem Korsett, beim Ballspiel im Schulsport. Auch andere Erwachsene verraten in einem Steckbrief, was sie an sich nicht normal finden oder fanden. Darunter sind ein paar Prominente, die aber gar nicht als solche präsentiert werden. "Dirk, 38 Jahre alt, Basketballspieler" heißt es da. Als Schüler habe er sich nicht wohlgefühlt in seiner Haut, schreibt er, wie ein Riese sei er sich vorgekommen. Erst später, beim Basketball, sei "aus einer vermeintlichen Schwäche eine große Stärke" geworden. "Es ist nicht so witzig, Dirk Nowitzki mit 13 zu sein", bringt es Kirsten Fabinski auf den Punkt.

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Ausstellung "Laborproben"

Die Werkschau der Labor Ateliergemeinschaft ist vom 11. bis 15. Oktober 2017 im Frankfurter Kunstverein Familie Montez, Honsellstr. 7, zu sehen (Mittwoch bis Freitag 17-20 Uhr, Samstag/Sonntag 13-19 Uhr). Am Donnerstag, 12. Oktober findet um 18.30 Uhr eine Auktion statt. Am Samstag, 14. Oktober startet um 12 Uhr ein Workshop ("Chez Franz!"; Anmeldung unter info@yippiecomicfestival.de) für Kinder ab sechs Jahren.

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"Ich so Du so" spricht ernste Themen an, ist aber alles andere als ein Problem-Buch. Dazu ist es viel zu bunt und unterhaltsam - geeignet für alle ab neun Jahren. "Es soll kein Buch für den Religionsunterricht sein, auch wenn es da ruhig behandelt werden kann", sagt Mühle. "Primär soll es Spaß machen."

Das Buch übers Normalsein wird auch bei der Werkschau eine zentrale Rolle spielen, die die Künstlergruppe traditionell während der Frankfurter Buchmesse im Kunstverein Familie Montez präsentiert. Die "Laborproben" sollen dort nicht nur angeschaut, sondern auch "erlebt" werden: Für Kinder gibt es Mitmach-Aktionen, einen Workshop, für Erwachsene eine Versteigerung. Jede Menge Arbeit und Stress bedeutet die Vorbereitung dieser Ausstellung. Zumal das Labor ein "basisdemokratischer Haufen" ist, wie Zuni Fellehner sagt. Es werde diskutiert, bis alle zufrieden sind: "Es ist wie mit einer Familie, von der man ja auch mal genervt ist, sie aber nicht in Frage stellt." Die anderen "Laboranten" nicken schmunzelnd. Und Jörg Mühle fügt ironisch an: "Die Kritzelbücher sind Bestseller. Leider haben wir die zu acht gemacht, sonst hätten wir ausgesorgt."