Im Blitzlichtgewitter: Thomas Middelhoff auf der Frankfurte Buchmesse
Im Blitzlichtgewitter: Thomas Middelhoff auf der Frankfurte Buchmesse Bild © hr

Einst Topmanager, dann verurteilt und im Gefängnis schwer erkrankt: Der frühere Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff stellt auf der Buchmesse sein Buch "A115 - Der Sturz" vor, in dem er auf seine Haftzeit zurückblickt und mit dem Justizapparat abrechnet.

Auf den ersten Blick scheint alles so wie früher: Fotografen umringen Thomas Middelhoff. Das Blitzlicht blendet. Doch dieser Auftritt hat nichts mehr zu tun mit den schillernden Pressekonferenzen bei Bertelsmann und Karstadt-Quelle. Mit der Zeit, als Middelhoff noch der Überflieger im Privatjet mit der Villa in Saint-Tropez war.

Hafturlaub für die Lesereise

Thomas Middelhoff, Vorsitzender des Vorstands der KarstadtQuelle AG
Ein Foto aus früheren Zeiten: Middelhoff als Vorstandschef von KarstadtQuelle Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Auf die Buchmesse kommt Thomas Middelhoff als Sträfling. Im November 2014 wurde er vom Landgericht Essen wegen Untreue in 27 Fällen und drei Fällen von Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt. Für den Auftritt in Frankfurt hat er von seiner Justizvollzugsanstalt in Bielefeld Hafturlaub erhalten. Diesen nutzt er, um sein Buch "A115 - der Sturz" vorzustellen.

Genauso wie das Buch ist der Auftritt zwiegespalten: Nach einer kurzen Begrüßung liest Middelhoff aus seinem Buch, in dem er die Zeit seit der Urteilsverkündung reflektiert. Es sei seine erste Lesung überhaupt, sagt er zu Beginn. Während er liest, zittert die Hand, die das Buch festhält. Er gibt sich nahbar und geläutert - so wie auf den ersten 180 Seiten im Buch. Für die Fehler in seinem Manager-Leben sei er selbst verantwortlich, er habe daraus gelernt. In der Zelle "wurde mir klar, dass ich nicht nur diese Rolle nicht mehr spielen wollte, sondern gar keine".

Detailreich, emotional und unglaublich offen - so teilt Middelhoff auf diesen Seiten die gemachten Erfahrungen mit seinen Lesern. Besonders nah kommt der Leser Middelhoff, wenn er in kleinen Episoden aus dem Alltag während der Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Essen und in seiner Zelle A115 berichtet, nach der das Buch benannt ist: Bücher, Skatspiele um Haribo-Konfekt, Singen im Gefangenen-Chor - das sind seine Lichtblicke.

Rundumschlag gegen die Justizbehörden

Middelhoff äußert sich auf den hinteren Seiten aber auch kritisch über die Haftbedingungen in dem maroden Gefängnis aus dem Jahr 1911 mit der defekten Kanalisation und dem grellen Neonlicht. Und darüber, dass die Behörden die Behandlung seiner aufkommenden Autoimmunerkrankung angeblich absichtlich verschleppt hätten.

Thomas Middelhoff auf der Frankfurte Buchmesse
Middelhoff auf der Buchmesse: Autor als Jugendtraum Bild © hr

Im Buch und auch auf der Buchmesse sorgt dieses Thema für eine Art Zäsur: Kaum holt Middelhoff zum Rundumschlag gegen die Justizbehörden und die Haftbedingungen in Deutschland aus, wandelt sich der zuvor scheinbar geläuterte Häftling wieder in den analytisch denkenden und hart auftretenden Macher, der er doch eigentlich nicht mehr sein möchte.

"Nicht wieder in meine Geltungssucht zurückfallen"

Am Ende wirkt Thomas Middelhoff im Buch und auf der Messe wie jemand, der sich seit der Zeit im Gefängnis mit einem inneren Zwiespalt konfrontiert sieht: Auf der einen Seite ist da ein Mann, der zwangsweise zu sich selbst finden musste, und dadurch zum Autor - sein Jugendtraum - wurde. Auf der anderen Seite ist da noch der Middelhoff, der doch nicht hundertprozentig von seinem früheren Ich lassen will und wieder ins Ausland gehen möchte.

Im November entscheidet sich höchstwahrscheinlich, ob und inwieweit Middelhoff mit Bewährungsauflagen freikommt. Zum Leben nach der Entlassung befragt, offenbart sich Middelhoffs Zwiespalt am stärksten: "Ich werde mich immer wieder prüfen müssen", sagt er auf der Bühne. "Ich werde ständig aufpassen müssen, dass ich in der Freiheit nicht wieder in meine Geltungssucht zurückfalle."