Aeham Ahmad
Aeham Ahmad bei einer Kundgebung in Köln. Bild © picture-alliance/dpa

Mit einem Video aus einem Flüchtlingslager bei Damaskus wurde der Musiker Aeham Ahmad berühmt. Zuflucht fand er in Wiesbaden. Viele in seiner Heimat hatten nicht so viel Glück, wie er in seiner berührenden Autobiografie schreibt.

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zum Video "Pianist aus den Trümmern" spielt Konzert im Opernhaus Kassel

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Ein Video geht um die Welt: Ein junger Mann im grünen Polohemd sitzt mitten auf einer zerbombten Straße. Vor sich hat er ein verstaubtes braunes Klavier auf einem Rollwagen, hinter ihm stapeln sich Trümmer. Zerbeultes Wellblech und zerrissene Kabel hängen aus Gebäude-Gerippen. Der junge Mann spielt und singt voller Inbrunst. Er singt gegen den syrischen Bürgerkrieg an, will den Bewohnern des palästinensischen Flüchtlingslagers Yarmouk bei Damaskus Hoffnung geben.

Aeham Ahmad heißt er, und dieses Video, aufgenommen 2014, machte ihn weltweit als "Pianist von Yarmouk" oder "Pianist aus den Trümmern" bekannt. 2015 musste er aus Syrien fliehen. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Wiesbaden und gibt europaweit Konzerte. Jetzt kommt seine Lebensgeschichte in den Buchhandel.

"Du lässt deine Welt zurück"

Ahmad beginnt seine Geschichte mit dem Tag, an dem ein Foto entstand, das ihn an eben jenem Klavier und in eben jenem Polohemd zeigt und das ebenfalls um die Welt geht. Am Ende steht die Flucht, die ihn bis nach Wiesbaden führen soll.

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Der heute 29-Jährige hat seine Geschichte in vielen Interviews erzählt. Warum er sie jetzt mithilfe eines Ghostwriters in Buchform veröffentlicht, macht er gleich eingangs klar: "Wenn du vor Hunger und Bomben fliehst, lässt du deine Welt zurück", schreibt er: "Und verwandelst dich in eine jener grauen Gestalten, die schon immer im Elend gelebt haben müssen und nun nach Europa kommen, um teilzuhaben am großen Reichtum."

Wohlhabende Familie

Aber Aeham Ahmads Welt, das war eine behütete Kindheit in Yarmouk, eine musikalische Ausbildung am Arabischen Institut von Damaskus und später an der Universität von Homs. Und: Das war eine florierende Instrumente-Manufaktur seines Vaters, die der Familie Wohlstand bescherte.

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Yarmouk

Aeham Ahmads Großvater gehörte zu den über 700.000 Palästinensern, die im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 vertrieben wurden. Zehntausende kamen im Flüchtlingslager Yarmouk vor den Toren von Damaskus unter, das 1954 errichtet wurde. Im Laufe der Zeit wurde es immer weiter verstädtert und entwickelte sich zu einem Vorort der syrischen Hauptstadt.

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Dann kam der syrische Bürgerkrieg und er nahm der Familie fast alles: Ahmads Bruder verschwand spurlos, die Eigentumswohnungen wurden zerbombt, die Manufaktur musste stillgelegt und zugemauert werden - in der Hoffnung, sie vor den Schergen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu schützen. Ahmad wollte trotzdem in seiner Heimat bleiben - bis der IS sein Klavier verbrannte.

Menschen als Spielball der Politik

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Dem Krieg entflohen: Porträt des Pianisten Aeham Ahmad

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Das Buch ist berührend, beschreibt es doch eindringlich, wie getrieben sich Ahmad fühlt, wie sehr ihn die Erinnerung an erlebte Grausamkeiten umtreibt und wie tief seine Schuldgefühle sind: Da sind seine Eltern, die bis heute in Yarmouk ausharren. Und da ist das Mädchen Zeinab, das neben seinem Klavier erschossen wurde, als es mit ihm in den Trümmern singen wollte.

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Buchinfo

Aeham Ahmad: "Und die Vögel werden singen. Ich, der Pianist aus den Trümmern", Verlag S. Fischer, 368 Seiten, 20 Euro

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Das Buch zeigt auch, wie schnell ganz normale Menschen mit einem ganz normalen Leben zum Spielball der Politik werden können. Der Pianist aus den Trümmern steht für zigtausende Menschen, die durch einen Krieg entwurzelt werden.