Spielfiguren haben Bücher im Blick - daneben das Logo des Deutschen Buchpreises 2017
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Ab sofort darf munter spekuliert werden, wer aus dem illustren Kreis der Longlist wohl den Deutschen Buchpreis bekommt. 20 Namen sind im Rennen, darunter die Autoren Sven Regener, Julia Wolf und Feridun Zaimoglu.

Es ist ein Rekordberg an Büchern, durch den sich die Jury für den Deutschen Buchpreis 2017 gewühlt hat. 106 Verlage hatten 174 Romane ins Rennen geschickt, hinzu kamen noch 26 Titel, die die Juroren von sich aus nachgeordert haben. Geeinigt hat sich die Jury auf eine Longlist mit 20 Romanen.

Die nominierten Romane in alphabetischer Reihenfolge:

  • Mirko Bonné: Lichter als der Tag (Schöffling & Co, Juli 2017) Buchbesprechung
  • Gerhard Falkner: Romeo oder Julia (Berlin Verlag, September 2017)
  • Franzobel: Das Floß der Medusa (Paul Zsolnay, Januar 2017) Buchbesprechung
  • Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! (Jung und Jung, März 2017)
  • Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen (Weissbooks, August 2017)
  • Thomas Lehr: Schlafende Sonne (Carl Hanser, August 2017) Buchbesprechung
  • Jonas Lüscher: Kraft (C.H. Beck, März 2017)
  • Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp, September 2017) Buchbesprechung
  • Birgit Müller-Wieland: Flugschnee (Otto Müller, Februar 2017)
  • Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten (Matthes & Seitz Berlin, März 2017)
  • Marion Poschmann: Die Kieferninseln (Suhrkamp, September 2017)
  • Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo (Berlin Verlag, März 2017)
  • Robert Prosser: Phantome (Ullstein fünf, September 2017)
  • Sven Regener: Wiener Straße (Galiani Berlin, September 2017)
  • Sasha Marianna Salzmann: Außer sich (Suhrkamp, September 2017)
  • Ingo Schulze: Peter Holtz (S. Fischer, September 2017) Autorengespräch
  • Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen (Klett-Cotta, September 2017)
  • Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen (Frankfurter Verlagsanstalt, März 2017) Buchbesprechung
  • Christine Wunnicke: Katie (Berenberg, März 2017)
  • Feridun Zaimoglu: Evangelio (Kiepenheuer & Witsch, März 2017) Buchbesprechung

Eine der wichtigsten Fähigkeiten von Literatur sei das Weiten unserer Welt, betonte Jurysprecherin Katja Gasser. "Das ist in Zeiten, in denen sich die Blickwinkel mehr und mehr zu verengen scheinen, besonders wichtig." Die Longlist sei Ausdruck des Versuchs, die Vielfalt der aktuellen deutschsprachigen Literaturlandschaft zu spiegeln. "Auf ihr finden sich mit den Büchern unterschiedliche literarische Antworten auf das Leben, den Zustand der Welt, der Menschen: Politisches wie explizit Unpolitisches, traditionell Erzähltes wie Sprachzentriertes und Risikofreudiges, lyrisch Gewobenes wie realistisch Gestricktes."

Weitere Informationen

Neun der zwanzig Titel, die es auf die Longlist geschafft haben, erscheinen erst im September. Zu einigen der bereits erschienen Titel haben wir Buchbesprechungen. Hier können Sie reinhören.

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Eines jedoch hätten alle Titel der Longlist gemeinsam. "Sie haben die Jury auf die eine oder andere Art gestochen und gebissen – angerührt im besten Wortsinne. Vielleicht wird der Blick auf die Welt mit den Büchern der Longlist 2017 wieder etwas größer, weiter." Viele der Texte gingen mit der Welt äußerst kritisch ins Gericht. "Das heißt aber nicht, dass alles todtraurig ist. Vieles ist sehr humoristisch und gleichzeitig tragisch", fasste Gasser die Auswahl zusammen.

Die Jury zum Deutschen Buchpreis 2017

Jury Deutscher Buchpreis 2017: v.l.n.r.: Tobias Lehmkuhl, Maria Gazetti, Katja Gasser, Lothar Schröder , Silke Behl, Mara Delius, Christian Dunker
Die Buchpreis-Jury (v.l.n.r.): Tobias Lehmkuhl, Maria Gazetti, Katja Gasser, Lothar Schröder , Silke Behl, Mara Delius, Christian Dunker Bild © Christina Weiß

Diese sieben Literaturexperten entscheiden, wer den Deutschen Buchpreis 2017 erhält: Silke Behl (Radio Bremen), Mara Delius (Die Welt), Christian Dunker (autorenbuchhandlung berlin), Maria Gazzetti (Casa di Goethe), Tobias Lehmkuhl (freier Kritiker) und Lothar Schröder (Rheinische Post). Jury-Sprecherin ist Katja Gasser (Österreichischer Rundfunk). Sie wählten aus Büchern aus, die seit Oktober 2016 erschienen sind oder noch bis September 2017 erscheinen.

Während der Jury-Sitzungen ging es übrigens hoch her. Die Longlist sei "das Resultat von wirklich heftigen Debatten darüber, was gute Literatur ist", verrät Gasser. Inhaltlich sei in diesem Jahr eine Sache auffällig. Die Hauptpersonen sind oft "männliche Figuren mittleren Alters, die in der Krise stecken". Eine davon ist Walter Nowak, den sich Julia Wolf ausgedacht hat, ein Egomane und Erotomane, der schwer angeschlagen ist. In Marion Poschmanns "Kieferninseln" wird ein gedemütigter Privatdozent gezwungen, sich der Bartforschung zu widmen.

Die Hauptfigur in Christoph Höhtkers "Das Jahr der Frauen" will sich gar das Leben neben. Davor geht er eine Wette mit seinem Therapeuten ein: Erst nachdem er in zwölf Monaten zwölf Frauen verführt hat, darf er sich umbringen. Eine weitere Komödie über eine Krise ("Romeo oder Julia") stammt von Gerhard Falkner, dessen "Apollokalypse" im vergangenen Jahr auf der Shortlist stand.

Der Österreicher Franzobel ("Das Floß der Medusa") erzählt von einem realen Schiffsunglück, nur 15 Menschen überleben auf einem Floß. Anders als in früheren Werken gibt es keine Franzobelschen Sprachspiele. Überhaupt sind formale Experimente selten auf der Longlist 2017, das meiste ist leicht zu lesen. Zu den stilistisch anspruchsvollen Ausnahmen zählt Thomas Lehrs "Schlafende Sonne".

Und was passiert jetzt?

Die Jury kürt den Siegertitel in einem mehrstufigen Auswahlverfahren. Nachdem die Longlist feststeht, wählen die Juroren daraus sechs Titel für die Shortlist aus, die am 12. September veröffentlicht wird. Erst am Abend der Preisverleihung, am 9. Oktober, erfahren die sechs Autoren, wer von ihnen den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Der Gewinner erhält 25.000 Euro, die anderen fünf Finalisten bekommen jeweils 2.500 Euro.

Während die Jury hinter verschlossenen Türen tagt, stürzen sich sechs Blogger auf die nominierten Titel der Longlist. Ihre Aktivitäten und Anekdoten rund um den Buchpreis sind in einem Blog gebündelt. In einer ersten Reaktion freute sich Literaturblogger Sandro Abbate darüber, dass es in diesem Jahr besonders viele kleine Verlage auf die Liste geschafft haben.

Jungautoren und alte Bekannte

Abbate bedauert aber, dass mit Sasha Marianna Salzmanns "Außer sich" nur ein echtes Debüt am Start ist. Neben spannenden Jungautoren stehen aber auch alte Bekannte auf der Longlist. Allen voran Feridun Zaimoglu, der schon zum fünften Mal für den Buchpreis nominiert ist, diesmal mit seinem Luther-Roman "Evangelio". Erfolgsautor Ingo Schulze dürfte mit der Kapitalismus-Komödie "Peter Holtz" zu den Favoriten zählen.

Das Lesebuch zur Longlist, in dem die diesjährigen Kandidaten vorgestellt werden und das Auszüge der Romane beinhaltet, ist ab kommender Woche in vielen Buchhandlungen kostenlos erhältlich.

Sendung: hr-iNFO, 15.08.2017, 11 Uhr