Ein Mädchen, das zwischen zwei Bücherstapeln hervorschaut.
Kleine Leseratten kommen bei diesen Titeln voll auf ihre Kosten. Bild © Model Foto: Colourbox.de

Das Angebot an Kinderbüchern ist riesig - welche davon kommen gut an? Wir haben eine Auswahl getroffen und präsentieren: überkreative Nachwuchs-Erfinder, ein Wundertüten-Buch und eine zarte Geschichte über Freundschaft.

Lena Hach "Der verrückte Erfinderschuppen - Der Limonaden-Sprudler"

Cover Lena Hach Der verrückte Erfinderschuppen
Bild © Mixtvision

Die drei Nachwuchs-Erfinder Tilda, Walter und Fred haben ziemlich viele verrückte Ideen. Während alle anderen Kinder während der Sommerferien das Freibad bevölkern, tüfteln die drei in ihrem Erfinderschuppen in Oma Tildas Garten. Mit Erfolg! Ihr Limonaden-Sprudler - so der Titel von Band eins der neuen Reihe - ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Knaller. In Band zwei bekommt der Spielplatz ein neues Power-Gerät verpasst.

Allerdings ist das mit genialen Erfindungen manchmal so eine Sache. Nicht ganz ausgereift können sie den Entwickler durchaus in Schwierigkeiten bringen. Das ist von Autorin Lena Hach natürlich gewünscht und heiter erdacht. Die aufkeimenden Katastrophen folgen zwar nicht den strengen Regeln der Logik, doch der Quatschfaktor ist perfekt dosiert.

Die Sprache von Ich-Erzähler Fred und seinen Freunden ist so, wie man sich die Gespräche wohlerzogener Kinder vorstellt, deren schlimmster Fluch Begriffe wie "gequirrlter Mist" und "Pferdefurz" enthält. Illustriert sind die Bände mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Daniela Kulot, die - wohldosiert eingesetzt - die liebevoll ausformulierten Charaktere noch lebendiger werden lassen. Ein gelungener Serienauftakt, der nach Band drei ruft.

Silke Schlichtmann "Bluma und das Gummischlangengeheimnis"

Buchcover Bluma
Bild © Hanser

Auf den ersten Blick wirkt das neue Buch von Silke Schlichtmann wie aus der Zeit gefallen. Ihre Protagonisten hängen nicht dauernd am Handy, daddeln nicht mit der Konsole, sondern spielen mit Freunden in der Natur oder beobachten Silberfische. Zarte Schwarz-Rot-Illustrationen von Ulrike Möltgen verstärken den Eindruck, dass die Geschichte auch aus den 1960ern sein könnte.

Warum das Buch Nostalgiegefühle weckt? Vielleicht weil die Story so zeitlos ist. "Bluma und das Gummischlangengeheimnis" erzählt von Bluma, der die Fünf in Mathe gerade komplett ungelegen kommt. Denn eigentlich will sie ihre Eltern überreden, den Hund Flocki zu sich zu nehmen. Der muss sonst ins Tierheim, weil sein Frauchen ins Altenheim zieht. Um dieses Problem zu lösen, schaut sie bei ihrer Lieblingsnachbarin Alice vorbei. Die hat nicht nur immer ein offenes Ohr, sondern auch ein Glas mit magischen Gummischlangen. Der Besuch läuft leider anders als geplant, und fortan ist Bluma bemüht, einen dummen Fehler ungeschehen zu machen.

Silke Schlichtmann ist ein wundervolles Kinderbuch über Freundschaft und Vertrauen gelungen. Die Sprache ist lebendig, fröhlich und ganz nah dran an der Kinderwirklichkeit. Prima zum Selberlesen, aber auch ein perfektes Vorlesebuch, das Gesprächsstoff liefert - denn auch Erwachsene bauen manchmal Mist und wissen nicht, wie sie dem Schlamassel wieder entkommen können.

Labor Ateliergemeinschaft "Ich so du so"

Cover Ich so du so
Bild © Beltz

Antje Buchholz (hessenschau.de): Was ist schon normal? Kiwis im Supermarkt? Nein, die gibt es in Deutschland erst seit 1971. Und warum zwicken wir uns zur Begrüßung nicht kurz in die Nasen? Oder wackeln zum Abschied mit den Hintern? Das neue Buch der Frankfurter Künstlergruppe Labor steckt voller verblüffender und witziger Details. "Ich so du so" ist eine Wundertüte voller Bilder, Geschichten, Comics und Fotos.

Die acht Mitglieder der Labor Ateliergemeinschaft wollen mit dem Buch "Mut machen, so zu sein, wie man ist, und andere sein zu lassen, wie sie sind" - so heißt es im Klappentext. Oder kurz: "Ich so du so – gut so!"

Ein Problem-Buch also? Nein, ein Buch, das bunt, knallig, und unterhaltsam ist - und ganz nebenbei Denkanstöße gibt. Da wird der Leser aufgefordert, Farben nach Jungen- und Mädchenfarben zu sortieren. Oder mit dem Normal-O-Meter zu überprüfen, wie normal das eigene Leben ist. Der "Heiße-Scheiß-Kreis" erklärt ihm in Comic-Manier, warum er zweifelhaften Trends aufsitzt. Kinder aus der ganzen Welt kommen zu Wort und erzählen, was ihnen wichtig ist. Erwachsene, darunter auch ein paar Prominente wie Basketball-Profi Dirk Nowitzki, verraten, wann sie sich einmal nicht normal gefühlt haben: weil sie sich zu groß vorkamen, weil sie eine Brille oder ein Korsett tragen mussten, weil sie beim Schulsport von den anderen nie in eine Mannschaft gewählt wurden.

Die Laboranten nehmen Kinder ernst und trauen sich auch an vermeintlich heikle Themen wie Geschlechteridentitäten: "Wenn ich groß bin, bin ich dann eigentlich ein Mann oder ein Frau?", fragt ein Kind seinen Vater. "Ich so du so" ist ein Buch für alle ab neun: zum Schmökern, zum Lesen oder zum Diskutieren. "Es soll kein Buch für den Religionsunterricht sein, auch wenn es da ruhig auch behandelt werden kann", sagt Jörg Mühle, eines der acht Labor-Mitglieder: "Primär soll es Spaß machen." Das tut es.

Andreas Steinhöfel "Rico & Oskar - Die Regenhütte"

Cover Andreas Steinhöfel Rico & Oskar
Bild © Carlsen

Die ungleichen Freunde Rico und Oskar samt ihrer Berliner Kinderclique haben es bereits erfolgreich vom Kinderbuch auf die Kinoleinwand geschafft. Für eher lesefaule Kinder, die durch die gut 200 Seiten dicken Bücher abgeschreckt werden könnten, gibt es die Abenteuer von Rico & Oskar nun auch als Comic. "Die Regenhütte" ist nach "Fische aus Silber" bereits Band zwei der Serie von Autor Andreas Steinhöfel - wobei die Hauptarbeit in diesem Fall bei Illustrator Peter Schössow gelegen haben dürfte.

Weil es ständig regnet, beschließen die Freunde um Rico und Oskar, eine Schutzhütte aus Holz zu zimmern. Damit das reichlich windschiefe Ding nicht umkippt, nagelt Oskar eine ordentliche Menge Verstärkungsbretter hinzu - dummerweise auch von innen. Wie kommt Oskar aus der Bude nur wieder raus? Mit vereinten Kräften findet die Clique natürlich eine Lösung.

Dass Comics auch mit wenigen Wörtern auskommen können, ist klar. "Die Regenhütte" hätte allerdings ein bisschen mehr Text vertragen können. Manche Bilderstrecken - die wegen der permantenen Regenschauer recht dunkel gehalten sind - sind nur durch exakte Betrachtung gut zu verstehen. Wahre Rico & Oskar-Fans werden enttäuscht sein, dass die Lektüre so ein kurzes Lesevergnügen ist.

Christian Tielmann "Der Tag, an dem wir Papa umprogrammierten"

Cover Christian Tielmann "Der Tag, an dem wir Papa umprogrammierten"
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Die Zwillinge Jolante und Carlo haben es mit ihrem Papa nicht leicht. Der ist von Beruf TÜV-Prüfer und wittert überall Gefahren. Dinge, die in Papas berüchtigtem Bastellabor zu garantiert sicheren Geräten umgestaltet werden, sind alles, nur nicht mehr cool. Als der Geburtstag der Zwillinge ansteht und Mama unerwartet verreisen muss, sehen die beiden für ihre geplante Party schwarz. Als sie aber herausfinden, dass der Typ, der in Mamas Abwesenheit auf sie aufpasst, lediglich ein Papa-ähnlicher Roboter ist, steigen die Chancen auf ein einmaliges Geburtstagsfest.

Christian Tielmann ist mit "Der Tag, an dem wir Papa umprogrammierten", eine herrlich verrückte Familiengeschichte gelungen. Der Gedanke an einen programmierbaren Papa, der Karate kann, Witze erzählt, fast alles erlaubt und auch noch hinter einem herräumt, ist verführerisch. Die Schwarzweiß-Zeichnungen von Markus Spang illustrieren lebendig die Schlüsselszenen. Turbulent, lustig und auch ein bisschen spannend - ein Kinderbuch, wie es sein sollte.

Thomas Brezina "Alle meine Monster - Grüße aus dem Geisterschloss"

Cover Thomas Brezina "Alle meine Monster"
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Max und seine Monsterfreunde haben ein handfestes Problem. Das Problem ist eine neue Mitschülerin von Max und heißt Charlotta. Wie eine Klette hängt sie an dem Jungen, schreibt ihm Liebesgedichte und ist auch sonst ziemlich merkwürdig. Als Max merkt, was Charlotta im Schilde führt, ist es für seine schrägen Kumpels schon beinahe zu spät.

"Grüße aus dem Geisterschloss" ist Band sechs der "Alle meine Monster"-Reihe von Thomas Brezina, die bereits in den 1990er Jahren Erfolge feierte. Der zehnjährige Max hütet das Geheimnis der letzten Monster, die in einer alten Geisterbahn hausen. Die fiese Karla Kätscher will die Truppe fangen, was Max zu verhindern versucht.

Die Neuauflage mit Illustrationen von Pablo Tambuscio ist wie ein Trickfilm zum Blättern. Die jeweilige Stimmung und Spannungskurve der Handlung spiegelt sich wunderbar in den Bildern wider. Das vorherrschende Frauenbild der Geschichte ist leider reichlich eindimensional. Egal ob jung oder alt: Die weiblichen Figuren sind durchweg zickig, garstig und spielen ein falsches Spiel.

Britta Sabbag/Maite Kelly "Die kleine Hummel Bommel und die Liebe"

Maite Kelly Buchcover
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Ein neues Abenteuer für die kleine Hummel Bommel, die sich die Frage stellt, was Liebe eigentlich ist. Auf ihrem Weg in den Insektenkindergarten lernt sie, dass Liebe viele Gesichter hat. Wie fühlt sich Liebe an? Kann man sie vielleicht sogar sehen? Nach diversen Fragestationen bekommt die kleine Hummel Bommel als Antwort von ihrer Tante Trudiella Tausendfüßler ein Lied vorgesungen, das so ziemlich alle Fragen klären soll. "Liebe ist Liebe" heißt der Song und mit dieser Erkenntnis endet dann auch das Bilderbuch.

Das Buch setzt die bereits erfolgreiche Zusammenarbeit von Autorin Britta Sabbag, der Illustratorin Joëlle Tourlonias und der Sängerin Maite Kelly fort. Der Geschichte selbst fehlt leider ein wenig der rote Faden und ob Kinder mit der Erklärung "Liebe ist Liebe" so richtig viel anfangen können, sei dahingestellt.

Sehr sympathisch kommen die Figuren daher, für die Tourlonias eine Art Mensch-Insekt-Mischform entwickelt hat. Das "Liebe ist Liebe"-Lied, gesungen von Maite Kelly, überrascht dann aber doch. Im Buch lediglich als Text abgedruckt, wird auf Downloadportale im Netz hingewiesen. Wer reinhört und ein Kinderlied erwartet, wird überrascht - das ist dann eher was für Fans von Schlager-Deutschpop mit Musicalanleihen.

P. Baccalario/T. Percivale "50 Abenteuer, die du erleben solltest, bis du 12 bist"

Cover 50 Abenteuer, die du erleben solltest, bis du 12 bist
Bild © dtv Junior

Drachen steigen lassen, Knoten binden, eine Pflanze säen - alles Dinge, die Kinder vor vielen Jahren in ihrer Freizeit ganz natürlich und ohne viel Aufhebens erledigt haben. Kindheit heute sieht oft anders aus. Vorgefertigte Spiele, die wenig Raum für Kreativität lassen, und Spiele an Konsolen oder am Smartphone gewinnen die Oberhand. Ebenfalls im Trend: Mitmachbücher, die Kinder zu Aktivitäten jenseits der digitalen Welt animieren möchten.

"50 Abenteuer, die du erleben solltest, bis du 12 bist" von dem italienischen Autorenduo Pierdomenico Baccalario und Tommaso Percivale schickt die Kinder raus, um 50 "Abenteuer" zu erleben. Zunächst gilt es, sich mit diversen Gegenständen auszurüsten - darunter Schnur, Taschenmesser, Taschenlampe, Smartphone. Smartphone? Jawoll, aber natürlich nur, damit man sich Apps zur Blatterkennung oder Sternenkunde zunutze machen kann. Derart vorbereitet können sich die kleinen Abenteurer auf den Weg machen - wobei es sich bei den 50 als Abenteuer deklarierten Aktivitäten in den meisten Fällen eher um Erlebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen in der Natur handelt.

Sieben verschiedene Tiere füttern, ein Brot backen, eine Sandburg bauen - ja, das sollten Kinder tatsächlich mal erleben. Dass es ein Checklisten-Buch braucht, um ihnen das zu ermöglichen, mag manchen erschrecken. Doch die Autoren verpacken die 50 Aufgaben in liebevolle Kurztexte, reichern sie mit interessanten Hintergrundinformationen an und liefern noch dazu weiterführende Buchtipps, so dass selbst scheinbar banale Aufgaben durchaus ihren Reiz haben.

Das Buch ist mit einem Flexumschlag und einem Gummiband zum Verschließen robust gestaltet und somit durchaus abenteuertauglich. Sollte Ihr Kind ein Fan von Checklisten sein und zur Kategorie "das erledigen wir jetzt mal und machen einen Haken dran" gehören, dann dürfte dieses Buch ein guter Begleiter sein. Ob man allerdings notorische Stubenhocker dazu bringt, zum Kompass zu greifen und die Welt zu erkunden, darf bezweifelt werden - zumindest dann, wenn die Eltern den Kindern das Buch in die Hand drücken und "Mach mal" sagen. Da ist erwachsenes Zutun gefragt.