Schriftzug "France" auf der Frankfurter Buchmesse
Ehrengast Frankreich steht in diesem Jahr im Mittelpunkt der Buchmesse. Bild © picture-alliance/dpa

Ehrengast Frankreich bringt eine Fülle von Neuerscheinungen und Autoren mit zur Buchmesse. Vom literarischen Wunderkind bis zur Party mit tödlichem Ausgang - hier eine erste kleine Bücherauswahl.

Édouard Louis "Im Herzen der Gewalt"

Cover Édouard Louis Im Herzen der Gewalt
Bild © S. Fischer

Sonja Fouraté (hessenschau.de): In "Histoire de la violence" ("Im Herzen der Gewalt") verarbeitet Édouard Louis seine Vergewaltigung. Kern der Geschehnisse ist eine einzige Nacht: Édouard schlendert am 25. Dezember 2012 um vier Uhr in der Früh über die Place de la République im Zentrum von Paris. Reda, Anfang 30, algerischer Berber, läuft ihm über den Weg und flirtet ihn an.

Nach anfänglichem Zögern nimmt Édouard Reda mit in seine Wohnung. Zunächst lieben sie sich. Als Édouard Reda später des Diebstahls bezichtigt, kippt die Stimmung. Reda stranguliert Édouard, hält ihm eine Pistole an den Hinterkopf, vergewaltigt ihn - am Ende vertreibt ihn der Gepeinigte aus seiner Wohnung.

Weitere Informationen

Literarisches Wunderkind

Porträt des 24-jährigen Édouard Louis

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Der Roman ist keine Anklage, er ist eine kunstvoll verschachtelte Analyse: Zum einen berichtet Hauptfigur Édouard von seiner Schreckensnacht. Zum anderen lässt er seine (fiktive) Schwester zu Wort kommen, die ihrem Mann von dem Übergriff berichtet. Die beiden werden dabei von Édouard belauscht, was er wiederum innerlich kommentiert. Bruder und Schwester versuchen Reda zu verstehen und werfen einen Blick auf den tief in der Gesellschaft verwurzelten Rassismus.

Sprachlich ist "Im Herzen der Gewalt" atemberaubend: Von der ersten Seite an wird der Leser von einem Erzählfluss, besser einer Stromschnelle, mitgerissen. Die Angst, das Gefühlschaos des Autors, sind greifbar.

Karine Tuil "Die Zeit der Ruhelosen"

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Cover Karine Tuil Die Zeit der Ruhelosen

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Tanja Küchle (hr2-kultur): Im Roman von Karine Tuil herrscht Krieg. Wortwörtlich und im übertragenen Sinn. Wir sind in Afghanistan, wir haben Krieg in der französischen Gesellschaft und auch in der Paarbeziehung. Die vier Hauptfiguren sind alle mehr oder weniger ruhelos. Fast alle werden zum Opfer der Gewalt, die sich Menschen in der Gesellschaft gegenseitig antun.

Tuil schreibt haarscharf an der Realität entlang. Für diesen Roman hat sie drei Jahre lang recherchiert. Aufgebaut ist der Roman in kurzen Kapiteln, es sind Szenen, die schnell wechseln. Es lässt sich gut und flüssig lesen, Tuils Stil ist locker, mündlich, fast schon ein bisschen schnoddrig. Die große Stärke des Romans ist, wie kenntnisreich und nah an der Wirklichkeit sie uns die verschiedenen Milieus der französischen Gesellschaft beschreibt. Man bekommt ein tiefergehendes Verständnis davon, warum die Integration der Einwanderer aus den französischen Ex-Kolonien gescheitert ist. Wer verstehen will, wie es der französischen Gesellschaft jetzt gerade geht, der findet hier viele Antworten.

Sophie Divry "Als der Teufel aus dem Badezimmer kam"

Cover Sophie Divry Als der Teufel aus dem Badezimmer kam
Bild © Ullstein

Caroline Wornath (hessenschau.de): Das ist mal ein Buch, bei dem einem garantiert nicht langweilig wird, denn immer wieder kommen überraschend Passagen um die Ecke, die man so nicht erwartet und die auf den ersten Blick auch gar nicht reinpassen. "Als der Teufel aus dem Badezimmer kam" von Sophie Divry erzählt grundsätzlich die Geschichte von Sophie, die als freie Journalistin am Hungertuch nagt, weil die Aufträge ausbleiben. Dafür trudeln Tag für Tag Rechnungen ein, die sie nicht begleichen kann. Bei solch übler Ausgangslage könnte der Teufel mit seinen Verführungen leichtes Spiel haben.

Divry spickt ihre Geschichte mit fulminanten Wortschöpfungen und nicht enden wollenden Sprachspielereien. Das verleiht dem Roman eine heitere Leichtigkeit, obwohl Armut, Existenznot und Kampf im Behördendschungel alles andere als spaßig sind. Dass das in der deutschen Übersetzung so gut funktioniert, ist in diesem Fall Verdienst von Übersetzerin Patricia Klobusiczky.

Urkomisch, die über Seiten hinweg gelisteten Ausschlusskriterien auf der Suche nach einem netten Mann - eigentlich nur eine Nebengeschichte, aber derer gibt es einige, die als unvermittelte Einschübe in die eigentliche Handlung grätschen: die Hungerleiderin, die sich auf die Kraft der Worte stützt. Die sympathisch-chaotische Protagonistin Sophie verdient - wie die reale Sophie Divry - ein Happy End. Ob sie es bekommt? Lesen!

Yasmina Reza "Babylon"

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Cover Yasmina Reza "Babylon"

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Birgit Spielmann (hr2-kultur): Mit Scharfsinn und Humor erzählt Yasmina Reza in ihrem Krimi "Babylon" von Elisabeth, die eine Frühlingsparty veranstaltet und aus eher praktischen Gründen auch ihren Nachbarn Jean-Lino und seine Frau einlädt. Die Party ist zunächst Bühne für Allerweltsgespräche, aber auch für Amusements auf Kosten anderer. Und dies ist auch einer der Gründe, warum der Abend in einem Verbrechen gipfelt. Jean-Lino amüsiert die Gäste auf Kosten seiner Frau, was dieser gar nicht gefällt – und nach dem Ende der Party in einem tödlichen Akt endet.

In Rezas Roman geht es um Ausnahmesituationen, die sich aus ganz banalen Dingen ergeben können. Spannend ist nicht die Suche nach dem Täter, sondern die höchst unterschiedlichen Reaktionen auf die Tat. Alles wird aus Elisabeths Perspektive erzählt, durchbrochen von Erinnerungen, Fragen nach dem Sinn und nach dem Glück. Ein Buch, das von Überzeugung, Einsamkeit und Zerbrechlichkeit erzählt.

Amélie Nothomb "Töte mich"

Cover Amélie Nothomb "Töte mich"
Bild © Diogenes

Sophia Averesch (hessenschau.de): Graf Neville ist hilflos. Schon bald wird er einen Menschen töten. Er, der liebenswerte Vater dreier Kinder. Er, der treue Ehemann und Hausherr von Schloss Le Pluvier, der beste Gastgeber der Gegend. Bald ein Mörder?

Das prophezeit ihm jedenfalls eine Hellseherin: Sie sagt, dass er auf seiner nächsten Schlossgartenparty einen seiner zahlreichen Gäste töten werde. Seitdem kreisen Graf Nevilles Gedanken nur noch um eins: Wen wird er umbringen? Was passiert mit seiner Familie und ihrem Ansehen?

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zum Video ARTE: Frankfurt auf Französisch - Amelie Nothomb

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Schließlich scheint es nur eine Lösung zu geben: Ein Deal mit seiner 17-jährigen Tochter, sie will sich opfern. Auf der Party bewahrheitet sich die Prophezeiung dann: Jemand stirbt. Doch am Ende spielt der Zufall den Helden. Eine kurze Märchengeschichte für Erwachsene über die realistischen und unrealistischen Sorgen des modernen Adels. Ganz ohne Kitsch.

Emmanuel Carrère "Ein russischer Roman"

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Cover Emmanuel Carrère "Ein russischer Roman"

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Ruth Fühner (hr2-kultur): In "Ein russischer Roman" erzählt Emmanuel Carrère fast reportagehaft drei Geschichten in einer: Die erste handelt vom letzten russischen Kriegsgefangenen, der in den 90ern in der Psychiatrie einer russischen Kleinstadt auftaucht und triumphal zurück in seine Heimat geführt wird – er ist zudem vom Klinikaufenthalt geistig verstört. Außerdem geht es um Carrères geheimnisvollen Großvater, über den immer geschwiegen wurde und der ewig ein Tabuthema in der hochadligen Familie gewesen ist. Im französischen Exil heiratete dieser eine russische Fürstentochter und wurde als Kollaborateur mit den Deutschen im Zweiten Weltkrieg ermordet.

Die dritte Geschichte taucht sowohl ins Romantische als auch ins Bizarre des Liebeslebens des Autors ein. Indem er von der Zeitung Le Monde beauftragt wird, einen bizarren, erotischen Artikel zu schreiben, verwickelt er seine in Paris gebliebene Geliebte in eine verrückte Geschichte. Er schreibt von Masturbation, die in einem Zug mehr oder weniger öffentlich durchgeführt werden soll – die Geschichte endet natürlich fürchterlich und grotesk, nicht nur für seine Beziehung.

Der Roman ist narzisstisch, rücksichtslos, schamlos – Carrère reflektiert diese Schamlosigkeit aber auch. Er ist sehr experimentierfreudig, liebt den Skandal, ist aber gleichzeitig auch sehr verletzlich und leidet unter den Folgen. Der Autor riskiert viel – und begeistert damit auch viele.

Olivier Bourdeaut "Warten auf Bojangles"

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Cover Olivier Bourdeaut Warten auf Bojangles

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Ariane Wick (hr2-kultur): "Warten auf Bojangles" ist Olivier Bourdeauts erster Roman - und war in Frankreich gleich ein Bestseller. Mittlerweile wurde er  in über 20 Sprachen übersetzt.

Wir können der Geschichte kaum widerstehen, lassen uns fallen und mitreißen. Es geht um eine Familie, die den Song "Mr. Bojangles" in der Version von Nina Bojangles immer wieder auf ihrem Plattenspieler hört – und auch nur diesen einen Song. George liebt seine Frau, gleichzeitig weiß er, dass ihn diese Liebe in ein tiefes Verderben stürzen wird. Die beiden bekommen einen Sohn, führen ein völlig entfesseltes Leben voller Partys, Cocktails und Tanzen. Sie lügen und lachen auch viel, leben unabhängig und frei   –  bis ihr Haus in Flammen steht und ihr Leben jenseits der Realität auf den Kopf gestellt wird.

Das ist die traurige Seite im Roman, der sonst so schillernd und bunt ist. Trotzdem bleibt "Warten auf Bojangles" leicht und auch sehr poetisch, man verliert sich in dem Roman und tanzt und tanzt immer schneller. Er ist vielleicht ein bisschen französisch geschrieben, die Familie siezt sich und Georges Frau hat jeden zweiten Tag einen anderen Namen. Doch der Roman fesselt einfach.

Mathieu Riboulet "Und dazwischen nichts"

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Cover Mathieu Riboulet Und dazwischen nichts

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Mario Scalla (hr2-kultur): "Und dazwischen nichts" von Mathieu Riboulet handelt von Politik und Körperpolitik und darum, wie sexuelle Orientierung, Herkunft und Rebellion zusammengehen. Die Handlung spielt in den hochpolitischen Zeiten der 1970er. Der Erzähler selbst ist zu der Zeit jugendlich, stammt aus proletarischen Verhältnissen und ist homosexuell. Doch das ist nicht das Problem im Roman - das Problem ist die Zeit des Terrors in Deutschland, Frankreich und Italien in den 70er-Jahren. Es geht um die Sehnsucht nach politischer Befreiung, die ersten sexuellen Erfahrungen und eine Generation irgendwo dazwischen, in der Gewalt dominiert.

Riboulet beschreibt sehr dicht und fängt den jugendlichen Drang des Erzählers, sein Coming-out und sein Körpergefühl auf. Es ist ein hochpolitischer Roman und gleichzeitig die Geschichte eines schüchternen Jungen, der erwachsen wird. Er schreibt mit viel Gefühl für die Zeit, die Zeit des Aufwachsens und über die Energien, die dann unterdrückt wurden. Ein Roman für die, die in den 70ern aufgewachsen sind und die, die diese Zeit verstehen wollen.

Annie Ernaux "Die Jahre"

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Annie Ernaux Buchcover

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Ruth Fühner (hr2-kultur): Annie Ernaux bezeichnet ihren Roman "Die Jahre" selbst als unpersönliche Autobiografie. Unpersönlich, weil es der Versuch ist, ihre eigene Lebenszeit als Epoche greifbar zu machen. Los geht es mit ihren frühesten Erinnerung in der unmittelbaren Nachkriegszeit und reicht bis in die Gegenwart, etwa ins Jahr 2007. Sie erzählt vom angeschlagenen Emaille-Geschirr der späten 40er, über das Wuchern der Vorstädte in den 70er Jahren bis hin zu der Zunahme des Autobahnwesens und den Zynismus von Michel Houellebecq.

Ernaux ist eine Autorin, für die das Private schon immer politisch war und es ging ihr schon immer darum, ihr eigenes Innenleben einzuordnen in einen größeren Horizont. Das Schreiben ist eine Revolte gegen das, was ihr nicht gefällt in dieser Epoche.

Humorvoll ist zu viel gesagt, doch der Roman hat eine witzige, scharfe Lakonie, die sehr gut gefällt. Ernaux hat ein Beharren darauf, dass ein kritisches Gedächtnis kostbar ist und sie sagt klar, dass der Roman ihre Sicht der Dinge ist – und nichts über die Zukunft unserer Kinder aussagt.