Comic Cluster Cover
"Ein Kleid von Dior", "Bataclan. Wie ich überlebte", "Mickey's Craziest Adventures" Bild © Kult Comics, Panini, Egmont

Terror im Bataclan, Micky Maus, Frauenrechte, das Leben als Kriegsfotograf, Quantenphysik - aktuelle französische Comics decken ein unglaubliches Spektrum ab. Und das in oft traumhafter Qualität. Unsere Empfehlungen.

Die "Neunte Kunst" genießt im Buchmessen-Gastland Frankreich einen ganz anderen Stellenwert als hierzulande. Comics sind Kulturgut, werden überall verkauft und auch in Museen ausgestellt. Die Zahl der französischsprachigen Neuerscheinungen ist jedes Jahr groß, und so gelangen einige der besten Geschichten auch in deutsche Comic-Buchhandlungen. Wir helfen bei der Orientierung.

Fred Dewilde "Bataclan. Wie ich überlebte"

Kurz, aber beklemmend. Auf gerade einmal 14 Seiten erzählt Fred Dewilde den Horror des Terroranschlags im Bataclan-Club in Paris am 13. November 2015 – Dewilde hat ihn selbst erlebt. Er tut dies in eindrucksvoller Art. Dabei ist "Bataclan" sein Comic-Debüt.

Bataclan Comic Cover
Bild © Panini

Schnell ist der Leser Teil der Geschichte. Er wird geradezu selbst zum Konzertbesucher, der am Boden liegend überlebt, aber immer in Sorge ist, von den Attentätern entdeckt und erschossen oder von einem Querschläger getroffen zu werden. In holzschnittartigen Schwarzweiß-Bildern kommt einem das Grauen näher – in der Geschichte scheint die Zeit stehen zu bleiben. So, wie es sich auch für die beteiligten Opfer angefühlt haben muss.

Dewilde aber bleibt nicht beim Comic allein. In anschließenden Texten erklärt er, wie er später wieder ins Leben zurückfand. "Meine Frau ist da", schreibt er. "Liebe, Kuss, Berührung, Kuss, Blick, Leben, Angst. Unfassbar." Das Zeichnen des Comics und das Schreiben darüber hilft ihm, mit dem Terror umzugehen, ihn zu verarbeiten. Gleichzeitig schreibt er über das Zeichnen und über das, was er gar nicht zeichnen kann – weil es zu grauenhaft ist. Fortgesetzte Therapie zwischen zwei Buchdeckeln. Irritierend. Tragisch. Spannend.

Lewis Trondheim "Mickey's Craziest Adventures"

Was für eine geniale Idee: Ein Verlag lässt anerkannte Comiczeichner die Welten von Micky und Donald auf ihre ganz eigene Weise neu inszenieren und interpretieren. Mit eigenem Strich, mit eigener Geschichte.

Mickey Comic Cover
Bild © Egmont

Zwei Bände gibt es bereits, weitere sollen folgen. Der eine wurde vom Schweizer Zeichner Cosey gestaltet, der andere vom französischen Team Lewis Trondheim/Nicolas Keramidas. Welch eine Kombination. Trondheim, der Vielzeichner unter den Comic-Künstlern, fungiert in diesem Fall als Autor einer Geschichte, die Disney-Fans gefallen dürfte – aber nicht nur ihnen. Und Keramidas, der zehn Jahre lang für Disney-Studios gearbeitet hat und unter anderem an Trickfilmproduktionen beteiligt war, findet mit seinem eigenen Strich einen völlig neuen Zugang zur Welt um Micky Maus.

Die Geschichte wirkt nostalgisch, und in der Tat soll der Eindruck erweckt werden, als sei eine bislang unbekannte Geschichte aus den 1960er Jahren aufgetaucht – allerdings fehlen einige Seiten der Story, was alles noch geheimnisvoller macht. Das Zielpublikum ist eher erwachsen, das Buch episodenartig. Mickey und Donald geraten gemeinsam in undurchsichtige Abenteuer. Zwar bleibt die Geschichte insgesamt unklar, aber das macht in diesem Fall nichts. Geht es doch hauptsächlich darum, einen neuen Blick zu werfen auf vertraute Figuren.

Olivier Pont "7 Frauen"

Sieben Frauen, sieben Geschichten. Olivier Pont erzählt episodenhaft dargestellte Schicksale von starken Frauen, die versuchen, ihren eigenen Weg zu gehen. Mal durch Flucht, mal durch Emanzipation, mal indem sie ihren Partner umbringen – und zwar auf äußerst ungewöhnliche, aber dafür weibliche Weise. Manchmal suchen sie auch nur nach Halt. Alle haben ein Geheimnis.

Sieben Frauen Comic Cover
Bild © Splitter

Es sind sieben voneinander unabhängige Geschichten, von denen am Ende vielleicht ein paar zusammengeführt werden. Der Leser weiß nicht genau, ob die erwähnten Damen in der Geschichte am Ende des Buches als Synonyme für die Frauen in den anderen Geschichten stehen. Denn alle dort auftretenden Figuren tragen andere Namen als die eigentlichen Protagonistinnen. Was der Comic schafft, ist ein Bild zu zeichnen von ganz unterschiedlichen Frauentypen – nicht nur äußerlich. Auf wenigen Seiten vermittelt er Zerbrechlichkeit, um gleich darauf die Stärke der Frauen herauszuarbeiten.

Männer sind allenfalls Randfiguren. Es geht ums Aussehen, um die eigene Rolle, um Selbst- und Fremdbild. Das alles in sieben fein beobachteten Geschichten, die mal mit mehr, mal mit weniger Text auskommen, aber immer Gefühl vermitteln.

Anne Goetzinger "Ein Kleid von Dior"

Annie Goetzinger ist kein unbeschriebenes Blatt in der Comic-Szene. Sie gehört zu den wenigen französischen Zeichnerinnen und veröffentlicht ihre Geschichten schon seit Anfang der 1970er Jahre. Jetzt ist es also ein Modecomic geworden, denn es geht um Kleider, Stoffe, Designer, um eine Leidenschaft.

Ein Kleid von Dior Comic Cover
Bild © Kult Comics

Schon haptisch ist das Buch gelungen, das Vorsatzpapier erinnert an einen gepunkteten Petticoat. Im Inneren überzeugen Zeichnungen, die weit mehr sind als Modeentwürfe. Aber Goetzinger spielt mit der Art ihrer Bilder, zeigt am Ende auch die 22 Kollektionen von Modedesigner Dior, erklärt Fachbegriffe und das Umfeld des Designers. Und natürlich erzählt sie am Ende auch eine Geschichte, die selbst für Modemuffel interessant ist.

Mithilfe der Modejournalistin Clara kommt der Leser dem großen Designer und seinen Schöpfungen nahe. Er bekommt Erkenntnisse über die damalige Modewelt und kann sich gut in die Zeit versetzen, als alles anfing – für Christian Dior. Clara wird schließlich zu einem der "Dior-Mädchen", die auf den Laufsteg gehen. Natürlich heiratet sie in einem Kleid von Dior. So schließt sich der Kreis. "Ein Kleid von Dior" ist weniger Biografie, aber dafür ein gelungener Einblick die Modewelt der 1940er und 1950er Jahre.

Marc-Antoine Mathieu "Otto"

Manche Comics von Marc-Antoine Mathieu kann man auch von hinten nach vorne lesen. Bei seinem aktuellen Werk aber geht das nur beim Titel: Otto.

Otto Comic Cover
Bild © Reprodukt

Die Bücher des Franzosen gelten als das Innovativste und Experimentierfreudigste, was der Comic zu bieten hat. Mal fehlt mitten auf einer Seite ein Bild, mal sind die Seiten fein säuberlich herausgerissen und aus den übereinander gelegten Resten ergibt sich neuer Sinn.

Auch bei "Otto" gibt Mathieu dem Leser Rätsel auf. Wie viel der eigenen Person steckt im Protagonisten? Was ist frei erfunden? Die Hauptfigur, der Künstler Otto, beschäftigt sich in öffentlichen Events mit der "Metaphysik der Spiegelung". Doch mit einem Mal sieht sich der Künstler in der Krise, wählt den Bruch – hört auf mit seiner Kunst. Kurz darauf sterben seine Eltern bei einem Autounfall und hinterlassen ihrem Sohn eine geheimnisvolle Truhe. Darin enthalten sind Hefte, Notizen, Fotos – jede Minute seiner ersten sieben Lebensjahre haben sie aufgezeichnet, und das in Echtzeit.

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Otto versinkt daraufhin in seiner eigenen Vergangenheit. Entdeckt sich selbst als Teil eines riesigen Experiments. Er verliert sich in seinem eigenen Selbst und gerät so wieder auf eine metaphysische Ebene, die mit der Unendlichkeit spielt und im Nirgendwo endet. Ein Mathieu-Comic in Höchstform.

Florent Silloray "Capa. Die Wahrheit ist das beste Bild"

Ein Comic über einen Fotografen – und nicht gerade über irgendeinen Fotografen. Robert Capa wurde vor allem als Kriegsfotograf bekannt. Mit dem Bild "Loyalistischer Soldat im Moment des Todes" wurde er schlagartig berühmt – einem Foto aus dem spanischen Bürgerkrieg zwischen 1936 und 1939.

Capa Comic Cover
Bild © Knesebeck

Später war er beim D-Day mit dabei, außerdem bei der Gründung Israels. Und er war Kopf der bedeutenden Fotoagentur Magnum. Auf tragische Weise kam er selbst ums Leben, als er beim Fotografieren auf eine Landmine trat. "Wenn deine Bilder nicht gut sind, warst du nicht nah genug dran", hat er einst gesagt, genauso wie: "Die Wahrheit ist das beste Bild."

Beide Zitate sind dem Buch vorangestellt, und so ist es Capa selbst, der uns in der Geschichte von seinem Leben erzählt. Etwa wie er als gebürtiger Ungar Endre Friedmann zum vermeintlichen Amerikaner Robert Capa wurde. Eben nur, weil er unter diesem Pseudonym seine Fotos teurer verkaufen konnte.

Die Zeichnungen sind nah dran am Protagonisten, machen auch all seine Zweifel deutlich, die ihn zeit seines Lebens offenbar umtrieben. Der Comic ist ein rasanter Ritt durch das Leben Capas und durch die Zeit, in der er fotografierte. Ein Buch voller berühmter Namen, von Hemingway bis Ingrid Bergman. Und ein Buch voller berühmter Begebenheiten, das zeigt, wie unterhaltsam auch ein biografischer Comic sein kann.

Gion Capeder "Superman"

Nein, dieser Superman hat keine übermenschlichen Kräfte - ganz im Gegenteil. Die Figur, die der französischsprachige Schweizer Gion Capeder hier geschaffen hat, ist eigentlich ein armer Tropf. Im Job wurschtelt er sich so durch, immer knapp am großen Fehler vorbei. Privat gibt er vor, von der Arbeit gestresst zu sein, in Wahrheit schleppt er eine Geliebte nach der anderen ab. Ziemlich ungewöhnlich für einen Superman – oder?

Superman Comic Cover
Bild © Edition Moderne

Die Hauptfigur Chris schwankt zwischen Selbstmitleid und Hybris und entpuppt sich eigentlich als grandioser Hochstapler, der es schafft, Job, Familie und Affären unter einen Hut zu bringen. Wenn da nicht die Selbstzweifel wären und die Angst, die er selbst bei der Psychologin zu verstecken weiß. Als Chris endlich den Job wechselt und beruflich weiter aufsteigt, sieht alles so aus, als könnte es sich zum Guten wenden. Doch die Selbstzweifel wachsen und drücken sich in mit Bleistift hingekritzelten Gedankenspielchen aus – die gerne mal in einer Mordfantasie enden.

Der Schluss der Story ist ganz und gar nicht superheldenhaft und lässt den Leser ein wenig im Dunkeln tappen. Eine genial beobachtete Milieustudie mit überraschendem und umwerfendem Ende.

Toldac/Philan "Gefährliches Spiel"

Hitlers Rakete "V1", der Wettlauf ins All, ein Agententhriller rund um die Raketenforscher um Wernher von Braun: "Gefährliches Spiel" ist ein klassischer Genre-Comic, der mit einem festen Figurenensemble arbeitet und über ein paar Jahrzehnte hinwegfegt.

Gefährliches Spiel Comic Cover
Bild © Panini

Natürlich sind Liebesgeschichten mit im Spiel – erst eine unglückliche, dann eine tragische. Anfangs lässt sich der Charakter der Agentengeschichte noch nicht so klar erkennen. Es dominiert zuerst die zwischenmenschliche Geschichte zwischen der Hauptfigur Hugo Ebeling und seiner geliebten Frau Eva, wegen der er zunächst die Raketenforschung für Hitler verlässt und in den Untergrund geht. Später dann wird er erneut gemeinsam mit Wernher von Braun an einem Raketenprogramm arbeiten, nur dieses Mal eben für die Amerikaner.

Mit dieser teils an echten geschichtlichen Fakten angelegten Story gelingt dem Szenaristen Toldac, der eigentlich Michel Fournier heißt und der Bruder des etablierten Comicautoren Pierre Makyo ist, ein in Teilen etwas verwirrender, aber am Ende doch spannender und packender Thriller, der so manche überraschende Wendung parat hat.

Néjib "Stupor Mundi. Das Staunen der Welt"

Es geht um die Erfindung der Fotografie, um Aufklärung, um eine Vater-Tochter-Beziehung und nicht zuletzt um einen Historien-Comic, der im Stile von "Der Name der Rose" ein großes Rätsel lösen soll. Intrige und Alchemie stehen neben dem echten Interesse an der Wissenschaft.

Stupor Comic Cover
Bild © Schreiber & Leser

Der Forscher Hannibal experimentiert gemeinsam mit seiner Frau, per früher Fotografie will er ein Abbild auf einem Leinentuch fixieren. Was die Kirche schwanken lässt zwischen Faszination und Gotteslästerung, wird zum Unheil für die Familie.

Die Mutter wird umgebracht, die Tochter traumatisiert, der Vater arbeitet fortan besessen daran, sein Schicksal zu vergessen und dem Stupor Mundi zu beweisen, dass er ein ausgezeichneter Forscher ist.

Stupor Mundi war der Beiname von Friedrich II., der als wissbegierig und Förderer der Wissenschaft galt und der im Castell del Monte in Apulien eine Art Forschungsstelle eingerichtet hatte. In die wiederum hatte sich Hannibal geflüchtet, als er vor dem Zorn des Kalifen aus Bagdad fliehen musste.

In eigenwilligen Zeichnungen und zarten Pastelltönen arbeitet Zeichner Néjib ein stimmungsvolles Bild heraus, das den Leser mitnimmt auf eine spannende Reise – nicht nur von Bagdad nach Italien – und das einen erahnen lässt, was mit dem Staunen der Welt damals gemeint sein konnte.

Pierre Christin/Anne Goetzinger "Detektei Hardy. Integral 2"

Wie schon in "Ein Kleid von Dior" zeichnet Anne Goetzinger in "Detektei Hardy" in klassischem Stil. Die Zeichnungen passen sich der Zeit an. Frisuren, Kleider, Autos: Alles ist stimmig. Im vorliegenden Integral (Sammelband) geht es mal um Spionage, mal um Waffenschmuggel, mal um illegale Kriegsbeute aus der NS-Zeit. Vier Bände der vor einigen Jahren zuerst im französischen Original erschienenen Reihe sind hier nun zusammengefasst.

Detektei Hardy Comic Cover
Bild © Kult Comics

Madame Hardy übrigens führt eine Detektei und wird in der ersten Geschichte von einem Ingenieur bei Renault beauftragt, dem Unternehmen zu helfen. Ein Prototyp mit allen Plänen wurde gestohlen. Jetzt ist es an der Detektei Hardy, einen Undercover-Agenten einzuschleusen und den Fall zu klären. Klassisch erzählt, gelingt dem Comic ein Einblick ins Arbeitermilieu von Paris, die Detektivin darf sogar noch rauchen. Es sind die vielen Details, die eine dichte Atmosphäre schaffen und den Comic zum authentischen Krimi werden lassen, der demselben Genre in Roman- oder Filmform in nichts nachsteht.

Thibault Damour/Mathieu Burniat "Das Geheimnis der Quantenwelt"

Physik im Comic raffiniert erklärt mit Querverweisen und Rückbezügen – das kommt dabei heraus, wenn ein Physiker und ein Zeichner gemeinsame Sache machen.

Das Geheimnis der Quantenwelt Comic Cover
Bild © Knesebeck

Metaphysisch fast der Einstieg: Die Hauptfiguren finden sich selbst in einem Comic wieder. Bob und sein Hund Rick landen auf dem Mond. Das ist nur eine Comicgeschichte in der Comicgeschichte und deshalb verwundert es auch nicht, dass der in der Mondgeschichte gestorbene Hund Rick jetzt ausgestopft auf dem Kaminsims steht und mit seinem Herrchen spricht, während er den Comic liest. Tot oder lebendig, hier oder dort.

Der Leser merkt schnell, dass das Spiel mit den Begrifflichkeiten und Zuständen ein Stilmittel ist, zu dem in dieser Geschichte gerne gegriffen wird. Kongenial fast, denn so wird das schwierige Thema Quantenphysik gleich auf mehreren Ebenen erklärt. Und so trifft Rick erst Planck, dann Einstein und noch weitere berühmte Physiker. Was gelingt, ist Interesse zu wecken für das Fach Physik. Ob das Thema Quantenphysik dem Leser aber so anschaulich erklärt wird, dass er es versteht? Nichtsdestotrotz liefert der Comic eine unterhaltsame Lektüre, die wieder einmal zeigt, was im Comic alles möglich ist.

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