Cover Comic Cluster
"Grönland Vertigo", "Die Traumfabrik. Der Riese und die Nackttänzerin", "Titeuf. Slipboy schlägt zurück" Bild © Avant-Verlag, Carlsen, Panini

Das Kino der frühen Jahre, Senioren beim Road-Trip, Grönland-Expedition, Wilder Westen: Französischsprachigen Comiczeichnern ist kein Thema zu entlegen, wie unsere zweite Auswahl aus der Fülle an Neuerscheinungen beweist.

Laurent Galandon/Frédéric Blier "Die Traumfabrik. Der Riese und die Nackttänzerin"

Célestin hat einen Traum: Er will Kinofilme machen, Regisseur werden. Der etwas verträumte, schusselige, aber wohlwollende Sohn eines Notars entflieht daher dem engen, spießigen Elternhaus und trifft in Paris einen alten Freund, den Filmvorführer Anatole Fortevoix. Sein kleines Kino zeigt Filme, die in den großen Häusern schon längst abgesetzt sind. Er überlebt nur, weil er ein Filmchen einer Nackttänzerin zeigt und anschließend Fotos verkauft.

Traumfabrik Comic Cover
Bild © Panini

Auch Célestin lässt sich von der Frau verzaubern und will fortan seinen Traum mit ihr umsetzen. Doch der Weg ist steinig. Der angehende Regisseur muss zunächst als Laufbursche arbeiten, bevor er im Geheimen anfängt, seinen eigenen Film zu drehen. Galandon und Blier entführen den Leser mit ihrer Geschichte in eine andere Zeit, in der das Kino noch in den Kinderschuhen steckt.

Der Comic fängt den Zeitgeist der 1920er Jahre wunderbar ein und bringt vor allem Célestins Begeisterung für den Film zum Ausdruck. Die gefühlvollen Zeichnungen lassen aus dem Träumer einen Mann mit einem festen Ziel werden, und der Leser kann die Fortsetzung im nächsten Band kaum erwarten.

Zep "Titeuf. Slipboy schlägt zurück!"

Titeuf ist Titeuf. Witzig, kindlich, chaotisch – ein Schuljunge, der sich in seiner eigentlich überschaubaren Welt doch mit allerlei Herausforderungen und Missverständnissen herumschlagen muss und so die Schule des Lebens meistert. Eine Seite pro Geschichte reicht dem französischsprachigen Schweizer Philippe Chappuis alias Zep meist, um Titeuf mal an den Rande des Wahnsinns zu treiben oder ein anderes Mal in die Seele seiner Mitschülerinnen blicken zu lassen – was vermutlich aufs gleiche hinaus läuft.

Titeuf Comic Cover
Bild © Carlsen

"Slipboy schlägt zurück!" ist mittlerweile der 14. Band, den der Hamburger Carlsen Verlag veröffentlicht. Vielleicht ist der Schülerhumor nicht jedermanns Sache. Aber wenn Zep seine Figur die großen Fragen der Menschheit stellen lässt, etwa: "Was macht man mit einem Mädchen, wenn man ein Rendezvous hat", dann ist der Comic wahrlich groß und vielleicht findet sich manch einer selbst wieder in der Rolle des heranwachsenden, unwissenden Titeuf, nämlich dann, wenn er resigniert feststellt, dass er für den vom Vater empfohlenen Spaziergang im Park nicht unbedingt den Slip hätte wechseln müssen...

Benjamin Renner "Der große böse Fuchs"

Ein verzweifelter, hungriger Fuchs. Ein lethargischer Wolf, der Nachhilfe gibt im Bösesein. Renitente Hühner, die gerne mal zuschlagen. Und dann noch Küken, die sich in die falsche Mama vergucken – den Fuchs nämlich. Was für eine Geschichte und was für ein grandioser Spaß!

Fuchs Comic Cover
Bild © Avant-Verlag

In diesem Comic sind viele Rollen vertauscht und das macht sie gerade so unterhaltsam. Feine, kleine Beobachtungen sind es, die Benjamin Renner hier anstellt. Die Tiere werden zu Menschen, ohne dass man sie in einen Matrosenanzug stecken oder einen Zylinder auf den Kopf setzen muss. Kindermund tut Wahrheit kund, das gilt für die kleinen Küken hier ganz besonders, wenn sie im altklug liebevollen Zwiegespräch mit dem Fuchs ihre eigene Sicht der Dinge preisgeben. Als Fabel dürfte "Der große böse Fuchs" vielen Eltern die Augen über die eigene Erziehungsarbeit öffnen und ihnen die so oft vergessene Gelassenheit im Umgang mit den lieben Kleinen ins Gedächtnis rufen.

Eine ganz eigene, wunderbare Geschichte mit herausragenden, witzigen Dialogen, die beim erneuten Lesen umso besser wird und vor allem Eltern mehr als einmal ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern dürfte.

Olivier Visonneau "Die Daltons. Der erste Tote"

Wer bei den "Daltons" automatisch an Lucky Luke denkt, liegt grundsätzlich nicht falsch. In diesem Fall aber sind die Dalton-Brüder keine tollpatschigen Halunken, sondern Marshalls mit dem Stern auf der Brust. Doch ganz so ehrbar, wie man es von Gesetzeshütern erwarten könnte, sind die Brüder nicht - jedenfalls nicht alle.

Daltons Comic Cover
Bild © Splitter

Es ist der Wilde Westen, eine Zeit des Aufbruchs. Wer kommt wie ans schnelle Geld? Das ist für viele die entscheidende Frage. Auch die Daltons lassen sich offenbar beeinflussen. Der eine lässt sich bestechen, der andere setzt schon einmal die Fäuste ein. Der dritte steht im Schatten der Älteren und will das große Abenteuer erleben. Je länger die Geschichte erzählt wird, desto deutlicher wird die Zerrissenheit der Protagonisten. Ist gut wirklich gut? Wer ist erkennbar böse? Wer sucht nur seinen Vorteil? Kommen alle drei Brüder zusammen?

Zumindest der Klappentext deutet daraufhin, dass sie gemeinsam die Dalton-Bande gründen werden – offenbar auf die Seite der Bösen wechseln. Doch das erzählt erst der zweite Band der abgeschlossenen Erzählung, der noch erscheinen soll. Szenarist Olivier Visonneau ließ sich von der wahren Geschichte der Dalton-Brüder inspirieren, und diese taugt mit alle ihren Wendungen wahrlich zum gelungenen Westerncomic.

Zidrou/Monin "Die Adoption. Qinaya"

Es scheint so, als wären "alte Knacker" im Moment angesagt im französischen Comic. Nicht nur der gleichnamige Hit von Winfried Lupano und Paul Cauuet, der schon seit ein paar Jahren die Comicfans begeistert, gehört dazu, sondern auch der hier vorliegende Band.

Die Adoption Comic Cover
Bild © Splitter

Zugegeben, dass ein alter Griesgram durch ein kleines, adoptiertes Kind zum liebevollen Opa und Menschen wird, ist nicht gerade der originellste Plot. Doch die Art, wie die Geschichte erzählt wird, ist lesenswert und stimmt einen froh. Wenn da nicht das Ende wäre, das die Annäherung zwischen Opa und Enkelin zunichte macht und als Cliffhanger für die Fortsetzung dient.

Liebesgeschichte, Krimi, Sozialstudie: "Die Adoption" bietet von allem etwas und liefert Einblicke in die Unzufriedenheit eines Lebens, das im Alter durch einen kleinen Zufall in Verantwortungsgefühl und Fürsorge umschlagen kann. Wunderbare Zeichnungen und witzige Dialoge, vor allem dann, wenn die alten Knacker in diesem Comic unter sich sind und es dazu kommt, dass die kleine Qinaya aus Peru ihr erstes Wort auf Französisch spricht. So viel kann verraten werden: Jugendfrei ist das nicht.

Tanquerelle "Grönland Vertigo"

Ein Abenteuercomic im Stil der Ligne claire: Tim und Struppi lassen grüßen. Grönland, eine Expedition, ein verrückter Künstler. Als ob das nicht schon reichen würde für ein experimentelles Setting, kommen noch ein Schriftsteller dazu und ein Zeichner mit Zeichenblockade.

Gröndland Comic Cover
Bild © Avant-Verlag

Ja, so eine Expedition, die könnte schon ein spannendes Thema werden, denkt sich Protagonist Georges. Und so ist er nach kurzem Zögern bereit, auf einem Dreimaster anzuheuern, um anschließend seine Erlebnisse zu Papier zu bringen. Doch was er erlebt, ist ein Ausflug mit Überraschungen. Erst wittert der Künstler an jeder Ecke Verschwörer, dann führt ihn sein gut bekannter Schriftstellerfreund hinters Licht. Zwei Flaschen Whiskey (Kapitän Haddock lässt grüßen) und eine missglückte Performance des Künstlers später scheint alles im Absturz aus dem Ausguck zu enden. Letztlich wendet sich alles noch zum Guten, und selbst die erwartete Meuterei bleibt aus.

Dass es dem Zeichner Tanquerelle gelingt, subtil den Klimawandel in den Comic einzubauen, ist zwar nett, aber überflüssig. Was aber bleibt, ist eine spannend gezeichnete Geschichte, die einige Anleihen nimmt an große Comic-Künstler – nicht nur an Hergé, den Schöpfer von Tim und Struppi.

Dominique Mofery "Evil Road"

Was für eine rasante Geschichte: Zwei alte Zwillingsbrüder möbeln einen einst im See versunkenen Oldtimer auf und machen sich damit auf den Weg – ein wenig cruisen schadet nicht, auch nicht im hohen Alter. Doch aus der gemütlichen Sonntagsfahrt wird schnell ein gefährlicher Road Trip. Was die beiden alten Herren erleben, schweißt sie zwar enger zusammen, bringt sie aber auch an die Grenzen ihrer Kraft.

Evil Road Cover
Bild © Splitter

Weil einer der beiden Brüder bei einem Stopp an einen abgestellten Abschleppwagen pinkelt, gewinnt das Abenteuer rasant an Fahrt. Denn leider hatte er übersehen, dass sich der Fahrer offenbar noch im Wagen befand. Bei der anschließenden irren Verfolgungsjagd wird nie so richtig klar, warum der durchgedrehte Lasterfahrer irgendwie immer die Nase vorne hat. Warum auch? Die Story schwankt zwischen subtilem Horror und verrücktem Klamauk. Zeichnung und Dialoge sind sympathisch, die Geschichte mitreißend. Der Comic gerät fast zum Road-Movie, bei dem man mehr als einmal den Atem anhält und hofft, dass am Ende alles gut ausgeht für die beiden sympathischen Alten.

Bastien Vivès/Florent Ruppert/Jérôme Mulot "Olympia"

In dieser Geschichte haben wir es mit einer ungewöhnlichen Diebesbande zu tun. Drei Frauen treiben hier ihr Unwesen, am liebsten stehlen sie teure Kunstwerke aus hoch gesicherten Museen. Trotz aller Professionalität geht gerne mal etwas schief. Bei der Diebestour im Museum lösen sie aus Versehen den Alarm aus, bei der Flucht durch die Kanalisation verlieren sie das Diebesgut und verärgern ihren Auftraggeber. Dazu kommt viel zwischenmenschliche und individuelle Tragödie, die zeigen soll, dass wir es bei den Meisterdiebinnen doch nur mit ganz normalen Menschen zu tun haben - wenn Diebinnen denn normale Menschen sein können.

Olympia Cover Comic
Bild © Reprodukt

Zeichner Bastien Vivès liefert einen Krimi ab, der mit leichter Ironie und einem schnellen Erzählstil ein klein wenig an "Mission Impossible" erinnert. Viel von dem, was der Zeichner zeigt, wirkt absurd. Am helllichten Tage etwa üben die Frauen, wie man mit einem Glasschneider Löcher schneidet. Dabei hängen sie ganz offen in einer Fensterputzergondel an einer Hochhausfassade. Dass in all dem Trubel um Diebstähle und einen Killer, der als Aufpasser dient, auch noch ein Kind geboren wird, stört in dieser Geschichte nicht. Und so ist es nur logisch, dass am Ende auch noch Lady Gaga auftaucht.

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